Von Jan Feddersen
Man sieht ihn nun, da man seiner gedenkt, in alten Fernsehaufnahmen: Ein Mann in dunklem Mantel, in der rechten Hand einen Gitarrenkoffer, sein Gang ruhig, sein Habitus der eines Aufrechten. Es sind Bilder aus schwarzweißen Zeiten, als die alte Bundesrepublik gerade, auch öffentlich vernehmbar, tief zu atmen begann, um die alten Nazischlacken zunächst überwiegend widerwillig abzuhusten. Und Franz Josef Degenhardt gehörte zu jenen, die dieses Luftholen beförderten.
Es war kein Nischenlabel, das seiner Kunst aufhalf, sondern die Polydor, eine Plattenfirma, die gewöhnlich mit Schlagern und überhaupt Leichtem den Markt bestückte. Aber einen wie Franz Josef Degenhardt, mit feinem Gespür für die neuen kulturellen Kräfte im Lande, den hatte sie früh unter Vertrag.
1931 in Schwelm in einer, so verzeichnet es seine Website, "militant-katholischen und antifaschistischen Familie" geboren, studierte Degenhardt erst Rechtswissenschaft und ging 1960 als Wissenschaftlicher Assistent an das Institut für Europäisches Recht der Universität Saarbrücken, wo er 1966 mit einer Arbeit über "Die Auslegung und Berichtigung von Urteilen des Gerichtshofs der Europäischen Gemeinschaft" promoviert wurde.
In jener Zeit war er längst ein Held der Gegenkultur - Anfang der sechziger Jahre spielte er Freunden auf der Gitarre vor, ein Vortragskünstler, wie man ihn in Frankreich mit Georges Brassens kannte, mit Liedern, die irgendwie an François Villon erinnerten - harte, kantige, gänzlich unromantische Klampferei, die vor allem dem dramaturgischen Zweck diente, dem Text aufzuhelfen: ein, so der in schärfster Abgrenzung zum Schlager gewählte Kunstbegriff, Liedermacher. Degenhardt begann, neben der Juristerei, Karriere zu machen.
Da meinte es einer wirklich politisch!
Auf der Burg Waldeck im tiefsten Hunsrück, wo auch Reinhard Mey seine Laufbahn beginnen sollte, stellte sich Degenhardt vor. Und das ziemlich gleich mit einem Lied, das ihn in die Gattung des Pops, des Populären hob - zu seinen Lebzeiten sollte dieses Lied immer mit ihm verbunden werden: "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern". Ein giftiges, irgendwie aus den kulturellen Erbbildern des Expressionismus geschöpftes Dramolett, das umriss, was einem passiert, wenn man mit den Kindern der sogenannten einfachen Leute nicht spielt, mit Leuten, die nach Kaninchenstall riechen und überhaupt nicht fein sind. Zugleich ist das Lied eine Geschichte über einen aus der Unterschicht, der es nach oben geschafft hat - aber so oder so: Man kommt in diesen Verhältnissen um.
Ein Chanson, das von den Mühen der Bürgerlichen sprach, sich von den derb riechenden Plebejern abzusetzen. Dass das Lied mit einer Mordphantasie aus Rachedurst endet, wurde gern überhört - Degenhardt war mit einem einzigen Lied so berühmt geworden wie später in den USA Don McLean mit seinem "American Pie".
"Spiel nicht mit den Schmuddelkindern" war die wichtigste Nummer von Degenhardts zweitem Album - titelgebend und millionenfach von seinen Zuhörenden nachgesungen, eine Chiffre klirrenden Klassenhasses, eine Ode auf jene, die, so Degenhardt, den Reichtum erarbeiten und doch nur mit Kargem abgespeist werden: "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern/ Sing nicht ihre Lieder" waren die Zeilen, mit denen dieser schließlich bei Hamburg siedelnde Mann zu einer der Ikonen der sechziger Jahre wurde. Degenhardt - das war der liedersingende Kommentar zur Protestbewegung jener Dekade, das war auch die Verkörperung von Konsequenz, die sich in den Augen seiner Fans angenehm abhob von den Beiträgen eines Reinhard Mey. Da meinte es einer wirklich politisch!
Zwischentöne sah er als Krampf im Klassenkampf
Worin dieses Politische im Genre des Liedermachertums wirklich bestand, was es unterscheidet von ästhetischen Darreichungsformen, die auf Tanz und Rhythmus setzten, bleibt bis heute unklar. Degenhardt jedenfalls, seit 1961 Mitglied der SPD, wurde Anfang der Siebziger aus der Partei geworfen, weil er im schleswig-holsteinischen Landtagswahlkampf zum Votum für die DDR-hörige DKP aufrief - und im Übrigen, auch noch zu Zeiten als die Grünen sich Linken zur Wahl empfahlen, immer für eine sogenannte Volksfront eintrat.
Als die Studentenbewegung einerseits in den Institutionen ihren Erfolg suchte oder in den außerparlamentarischen Bewegungen, die in die Grünen mündeten, avancierte Degenhardt so zum Star der DKP. Sang auf den Festen der "UZ", dem Blatt der bundesdeutschen Realsozialisten und ließ keinen Zweifel daran, dass er aller errungenen Freiheit in der BRD zum Trotz dem Arbeiter- und Bauernstaat rechts der Mauer den Vorzug geben würde.
Degenhardts Weltbild war von teils erbarmungswürdiger Simplizität - hier die da unten, da jene oben, die den Reichtum arrogant verprassen. Stalin mag problematisch gewesen sein - aber er habe Hitler mit besiegt. Und die DDR mochte ihre Macken haben - aber die seien der Selbstbehauptung gegen die BRD geschuldet gewesen. Degenhardt, der bis in die nuller Jahre dieses Jahrtausends performte, blieb auf Respekt abnötigende Art sich selbst gegenüber loyal: Zwischentöne, so gab er mal in einem Interview zu Protokoll, seien nur Krampf im Klassenkampf.
Franz Josef Degenhardt war ein liebenswürdiger Mann, wie sich im Gespräch nach Konzerten herausstellte, ein Überzeugter: Der gebürtige Katholik gab noch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs 1990 in einem Interview mit dem NDR zu verstehen, dass in seinem Lieblingsland allenfalls eine bürgerliche Revolution stattfinde, keine, die den demokratischen Sozialismus befördere. Und auf die Frage, wie er zu den Enthüllungen über den Kraken Stasi stehe, antwortete er, ihn würde interessieren, wie seine Akte in der Bundesrepublik aussehe. Bloß kein Eingeständnis, dass das mit dem Sozialismus mehr als nur schief gelaufen war.
"Väterchen Franz" wurde er zärtlich von seinen Fans genannt, der gute Vater, der über alle Fährnisse und Irritationen des wirklichen Lebens hinweg weiß, wo es lang gehen soll, der genügend Überblick behält, um über das grobe Ganze hinaus das Gute zu sehen. Der "sogenannte reale Sozialismus", sagte er, habe genau das probiert - deshalb habe er ihn stets verteidigt: Den "Auftrag gab uns die Geschichte", teilte er mit - ganz der Katholik, als der er aufwuchs, gewohnt, die Welt nicht in Jahresschritten zu begutachten, sondern die Linien über viele Jahrhunderte hinwegzuziehen.
Lieblingsbarde jener, die Musik mit Literatur verwechseln
Degenhardt, auch als Buchautor tätig, schrieb einige Romane, von denen "Zündschnüre" es in den mittleren siebziger Jahren auf die Bestsellerlisten schaffte. Es war eine Wunschbiografie aus letzten Nazitagen, eine Geschichte von Jugendlichen, die sich den Braunen erwehren. Der Rest: Schwarzweiß-Moritaten, deren Plots von Guten (Kämpfer) und Schlechten (Nato, Imperialisten etc.) handelten.
Das stärkste Lob aber mag sein, dass dieser Anwalt, der Kriegsdienstverweigerer in den Siebzigern vor der Bundeswehr bewahrte und auch als Verteidiger in RAF-Verfahren tätig war, dass er die Traditionen des textlastigen Gesangs belebte - und die Erbschaften des bündischen Liedes, gar des Arbeiterliedes nie bediente. Alles kontaminiert, sagte er, alles von den Nationalsozialisten in Dienst genommen, unbrauchbar für immer. So sang er mit seiner immer leicht nasalen Stimme, die ins Ich-habe-den-Durchblick-Hochnäsige kippen konnte - und er machte das gut.
Er war ein Musiker, der zum Aufbruch der Bundesrepublik aus nationalsozialistischer Erbschaft erheblich beitrug - er war der Lieblingsbarde all jener, die Musik mit Literatur verwechseln und für die Gedichte mehr als nur Stichwortgeber sind: Degenhardt war ein Entertainer, ein Mann der Unterhaltungsbranche - nur mit linkem Habitus, der die Stimmung seiner Zuhörenden stark zu heben wusste: Mit ihm waren sie immer auf der Seite, die sie für die richtige hielten.
Franz Josef Degenhardt, der in einer Nische zum Kulturestablishment seines Landes gehörte, ist am Montag im Alter von 79 Jahren in Quickborn bei Hamburg gestorben.
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