Zum Tode Georg Danzers Woody Allen mit Schmäh

In den siebziger Jahren schrieb er österreichische Pop-Geschichte und wurde mit Hymnen wie "Morgenrot" und "War das etwa Haschisch" zum Barden der Alternativkultur: Georg Danzer war der Meister des hintersinnigen Schmähs. Im Alter von 60 Jahren erlag er jetzt seinem Krebsleiden.


Wien - "Alle, die gegen Atomkraftwerke sind, sollen aufstehn -wer gegen Sprengstoff ist in der Hand von einem Kind, soll aufstehn, alle, die ihr Unbehagen dauernd mit sich herumtragen, die ihr Leben nicht ohne Licht verbringen wollen, sollen aufstehn", sang Georg Danzer 1978 in seinem beschwingten Lied "Morgenrot" - und landete einen Hit bei der linken Alternativkultur Deutschlands.

Liedermacher Danzer: "Es klappt irgendwie nie"
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Liedermacher Danzer: "Es klappt irgendwie nie"

Aber da hatte der 1946 in Wien geborene Sänger und Songschreiber bereits österreichische Pop-Geschichte geschrieben und das Genre des Austro-Pops gegründet. Zusammen mit Rainhard Fendrich, Wolfgang Ambros und Marianne Mendt gilt er als einer der größten Musiker der Alpenrepublik.

Im Laufe seiner Karriere veröffentlichte Georg Danzer insgesamt 40 Alben. Mit "Jö Schau", seiner Hommage an das Wiener Café Hawelka, einer österreichischen Version von Randy Newmans "Naked Man", erlebte er 1976 seinen Durchbruch. Zuvor hatte der Philosophie- und Psychologie-Student bereits zahlreiche Platten veröffentlicht, die allesamt floppten, darunter "Honigmond" (1973) und "Du mi a" (1976). Danzer, dessen Musik vom Wiener Schmäh ebenso beeinflusst war wie von US-Songwritern wie Newman oder Bob Dylan, verkaufte seine Songs damals vorrangig an prominente Interpreten wie Erika Pluhar oder André Heller.

Doch mit "Jö Schau" und vor allem mit seinem launigen Kiffer-Lied "War das etwa Haschisch?" ("War da etwa Haschisch, Haschisch, Haschisch, Haschisch in dem Schokoladeneis?") änderte sich alles: Danzer bekam einen gut dotierten Plattenvertrag mit der deutschen Polydor und wurde über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Der Haschisch-Song brachte ihm prompt den Vorwurf der Verharmlosung ein und fürhrte zum Boykott mehrerer Radiosender, woraufhin die Linke Danzer umarmte.

Sein im Auftrag des Bundeskriminalamts geschriebener Anti-Terrorismus-Song "Mach dich nicht mit Gewalt kaputt" brachte ihm auf der Höhe des Deutschen Herbstes allerdings auch harsche Kritik seiner linken Fangemeinde ein. Die beschwingte Hymne "Morgenrot" wurde jedoch wenig später zum Kult erhoben. Spürbar war Danzers Bestreben, mit seinen sanften Provokationen keinen echten Ärger hervorzurufen. Als Reparation für die BKA-Kungelei textete er das Lied "Wir werden alle überwacht"; in "Zehn kleine Fixerlein" rechnete er mit dem Drogenkonsum ab.

"Das Frivole mündet bei mir immer ins Lächerliche"

Neben politischen Belangen dominierten vor allem Frauen die Texte Danzers. Frühe Erfolge hießen "Komm zieh dich aus", "Sex-Appeal" oder "Der legendäre Wixer-Blues". Auf das Sexuelle seiner Lieder angesprochen, sagte er im Oktober 2006in einem Interview mit der Zeitung "Die Presse": "das Frivole in meinen Songs ist am ehesten mit Woody Allen zu vergleichen. Jeder meiner Songs, der ins Erotische hinüberzüngelt, ist letztlich die Geschichte eines Scheiterns. Bei 'Komm zieh dich aus' kann er nicht, bei einem anderen Lied verhakelt sich einer mit einem Lippenpiercing im Intimpiercing seiner Freundin - also es klappt irgendwie nie. Das Frivole mündet bei mir immer ins Lächerliche. Das gefällt mir vorzüglich, weil ich finde, dass Sexualität heutzutage viel zu sehr heroisiert wird."

In den späten achtziger Jahren sank das breite Interesse an Danzers Musik, was ihn jedoch nicht davon abhielt, weiter regelmäßig neue Platten zu veröffentlichen. Bis zum Schluss versuchte er, mit dem Zeitgeist Schritt zu halten und war manchmal sogar seiner Zeit voraus: Schon 1999 brachte er mit "Sex im Internet" eine Album-Meditation über die Liebe in Cyberspace-Zeiten heraus, der eine Quicktime-Video beigefügt war. Zu den späten Triumphen Danzers gehört die 1998 veröffentlichte Doppel-CD "Live", die er zusammen mit Fendrich und Ambros aufgenommen hatte - die drei Liedermacher wurden damals als "3 Tenöre" Österreichs vermarktet.

Einen Monat nach Veröffentlichung seines letztes Albums "Träumer" im Juni 2006 wurde bei dem langjährigen Kettenraucher Danzer Lungenkrebs diagnostiziert. Der Sänger, der wegen seiner Erkrankung zuletzt mehrere Konzerte abgesagt hatte, stand zuletzt im April 2007 auf der Bühne. Ein für kommenden Sonntag angesetztes Konzert musste Danzer Anfang dieser Woche absagen, weil sich sein Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Sein Freund und Kollege Rainhard Fendrich übernahm den Termin.

Bereits gestern Vormittag erlag Danzer seiner schweren Erkrankung. Wie eres in seinem Letzten Willen festgelegt hatte, wurde sein Tod erst nach der Einäscherungs-Zeremonie im engsten Familienkreis bekannt gegeben.

Viele von Danzers Liedern würden für eine ganze Generation unvergesslich bleiben, sagte laut APA der österreichische Bundeskanzler Alfred Gusenbauer (SPÖ) in einer ersten Reaktion. Danzers Texte lobte er als "berührend, hintergründig, humorvoll und ehrlich", seine Musik als "eindringlich". "Er war schon in seiner frühen Zeit als Songschreiber aus der österreichischen Musikszene nicht mehr wegzudenken."

bor/dpa/AFP



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