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Zum Tode Gil Scott-Herons: Bob Dylans schwarzer Bruder

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Mit Songs wie "The Revolution Will Not Be Televised" wurde Gil Scott-Heron in den Siebzigern zum Gewissen des schwarzen Amerika - nun ist der zornige Dichter und visionäre Musiker mit 62 Jahren gestorben. Zeitlebens wehrte er sich dagegen, als Pate des Rap bezeichnet zu werden.

Polit-Poet Gll Scott-Heron (2010): "The revolution will be live" Zur Großansicht
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Polit-Poet Gll Scott-Heron (2010): "The revolution will be live"

Du wirst nicht in der Lage sein, zu Hause zu bleiben, Bruder. Du wirst dich nicht auf Heroin schießen und blaumachen können. Du wirst nicht während der Werbung zum Bierholen gehen können, denn die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen werden. "The Revolution Will Not Be Televised", der Titel dieses Gedichts, das Gil Scott-Heron zwischen 1969 und 1970 schrieb und später in einen Song gleichen Namens umarbeitete, ist längst sprichwörtlich geworden.

Und tatsächlich, die Revolution, nennen wir sie Rap oder HipHop, kam nicht über ABC, CBS oder MTV, sie kam mit kargen Beat-Salven und zornigen Reimen aus den Boxen der Ghettoblaster, die Kids durch die Straßen amerikanischer Großstädte trugen - das "CNN des schwarzen Mannes", wie es Chuck D., Mitbegründer der Polit-Rapper Public Enemy einst nannte. Gil Scott-Heron, so schrieb nun ein amerikanischer Journalist, sei der "erste große Anchorman" dieses Netzwerks schwarzer Consciousness gewesen. Nicht, dass er das auch so gesehen hätte: Gil Scott-Heron war Zeit seines Lebens eine sehr einsame Klasse für sich. Er sei eigentlich nur ein Klavierspieler, sagte er einmal der "taz", und seinen Musikstil bezeichnete er gerne als "Bluesology" oder schlicht "black american music". Gil Scott-Heron, ewig streitbar, ewig getrieben von Ungerechtigkeit, Zorn und persönlicher Entwurzelung, war kein einfacher Mensch. "Wenn ich nicht so exzentrisch, so unausstehlich, so arrogant, so aggressiv, so introvertiert, so selbstsüchtig gewesen wäre, dann wäre ich nicht ich", sagte er dem "New Yorker" im vergangenen Jahr.

Jetzt ist Gil Scott-Heron tot, gestorben im Alter von nur 62 Jahren, an einer nicht näher bekannten Krankheit. Der "Godfather of Rap", der Pate des HipHop, wie er gerne genannt wurde, lebte zuletzt in den gleichen einfachen, ärmlichen Verhältnissen, in denen er geboren wurde und aufgewachsen ist - in einem schäbigen kleinen Erdgeschoss-Apartment in der 112. Straße in Harlem, Manhattan, New York City. Vergangenes Jahr hatte Scott-Heron, der sich seit Anfang der achtziger Jahre weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und kaum noch Platten veröffentlicht hatte, noch einmal späten Ruhm genießen dürfen.

Als Mythos gefeiert, persönlich ein Wrack

Der britische Produzent Richard Russell, Gründer der Plattenfirma XL Recordings, das unter anderem die White Stripes berühmt gemacht hat, hatte für das Album "I'm New Here" 15 Textfragmente und Gedichte Scott-Herons mit moderner elektronischer Musik unterlegt und mit dieser neuzeitlichen Übersetzung des alten Polit-Poeten für Jubel bei der Popkritik gesorgt und junge Musiker, darunter den britischen Elektronik-Künstler Jamie xx für den Veteranen begeistert. Scott-Heron selbst blieb gelassen, wenn nicht gleichgültig: "It's Richard's Album", sagte er dem "New Yorker", und: "All die Träume, in denen du vorkommst, es sind nicht deine eigenen."

Revolutionärer Mythos und Realität, das ging schon lange nicht mehr zusammen im Leben Gil Scott-Herons, denn je berühmter und wichtiger der 1949 in Chicago geborene Musiker im Bewusstsein der nachwachsenden Rapper und HipHoper wurde, desto tiefer schien der Privatmann Scott-Heron zu fallen. 1985, als HipHop mit Def Jam Records und Künstlern wie Run DMC, den Beastie Boys und LL Cool J gerade richtig durchstartete, wurde er von seiner Plattenfirma Arista wegen ausbleibender Verkäufe gefeuert. Scott-Heron stürzte ab, gab sich seiner Kokainsucht hin, die später in eine Crack-Abhängigkeit mündete, von der er sich nie mehr ganz erholte. Als er im vergangenen Jahr auf seiner Tournee auch in Deutschland Station machte, konnte man den Verfall mit eigenen Augen sehen: Der großgewachsene Sänger war immer noch charismatisch und stimmgewaltig, doch die Droge hatte ihn sichtlich zum Wrack gemacht, auch wenn er in aktuellen Interviews immer wieder betont hatte, seit Monaten clean zu sein.

Mehrmals musste Scott-Heron wegen Drogenbesitzes ins Gefängnis, zuletzt saß er für ein Jahr im New Yorker Zuchthaus Ryker's Island ein, weil man am Flughafen ein Gramm Kokain bei ihm gefunden hatte. Am vergangenen Freitagnachmittag, nach der Rückkehr von einer Europareise, sei er nun in einem Krankenhaus in Manhattan gestorben, berichtete eine Freundin von ihm der Nachrichtenagentur AP.

Durch den einzigen neuen Song, den Scott-Heron für "I'm New Here" geschrieben hatte, geisterte bereits so etwas wie eine Ahnung, dass es bald vorbei sein könnte: "Yeah, the doctors don't know, but New York was killing me/ Bunch of doctors coming round/ They don't know/ That New York is killing me/ Yeah, I need to go home and take it slow in Jackson, Tennessee". Zurück nach Tennessee, wo er bei seiner Großmutter aufwuchs, hat er es nicht mehr geschafft. Wer weiß, ob er dort den Frieden, den er suchte, gefunden hätte. Denn eine glückliche Kindheit hatte Scott-Heron nach der frühen Trennung seiner Eltern und dem Umzug von Chicago nach Jackson nicht sehr lange: Mit zwölf Jahren fand er seine Oma tot in ihrem Haus, als er von der Schule nach Hause kam; zusammen mit seiner mittellosen Mutter und dessen Bruder zog er daraufhin erneut um, in ein kleines Apartment in der New Yorker Bronx, später in einen Sozialbau nach Chelsea in Midtown Manhattan, wo seine Familie zu den wenigen Schwarzen unter Puertoricanern und Weißen gehörte.

Wichtigste schwarze Stimme seit Martin Luther King Jr.

Die Suche nach Zugehörigkeit und seine Erfahrungen mit Rassendiskriminierung und Armut formte er Ende der sechziger Jahre am Lincoln College in Pennsylvania zu einer zornigen, kritischen Haltung, der er zunächst in Texten und Gedichten Ausdruck verlieh. Mit 19 veröffentlichte er sein erstes Buch, den Roman "The Vulture", bald darauf folgte die zynische Satire "The Nigger Factory". Doch der Besuch eines Konzerts der Gruppe "The Last Poets", die den Gedanken der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in gesprochene Lyrik und Musik übersetzte, sowie die Erkenntnis, dass viele seiner schwarzen Brüder des Lesens nicht mächtig waren oder nicht über genug Bildung verfügten, um Literatur zu interpretieren, brachte Scott-Heron zu der Überzeugung, seine Botschaft ebenfalls musikalisch verbreiten zu müssen. "Es lag auf der Hand, mit den traditionellen oralen Methoden Afrikas zu kommunizieren, sagte er Mitte der siebziger Jahre dem britischen "NME".

Sein politisch engagierter Sprechgesang, unterlegt mit afrikanisch inspirierter Percussion, Bass und treibenden Funk-Rhythmen, traf den Zeitgeist der schwarzen Bevölkerung und schlug in den Untergrund-Clubs von New York ein wie eine Bombe. Der schlanke, gutaussehende Poet sang über Rassimus in "Who'll Pay Reparations On My Soul", rappte in "No Knock" über soziale Missstände, knöpfte sich mit ätzender Rhetorik die Watergate-Affäre vor ("H2O Gate Blues"), geißelte in "The Bottle" den Alkoholismus, zeigte sich aber auch ganz sanft und melodisch als gelehriger Schüler seiner Vorbilder aus der Jazzmusik, namentlich John Coltrane, Pharoah Sanders und Billie Holiday ("Lady Day And John Coltrane").

Kritiker nannten ihn zu Beginn der siebziger Jahre die wichtigste schwarze Stimme seit Martin Luther King Jr. und bezeichneten ihn als schwarzen Bob Dylan. "His is poetry with much muscle, with stiletto humor, with street talk, much of it justifiably angry and accurate", schrieb die "New York Times" 1975 staunend über den wütenden Mann aus der Bronx, dessen deklamierende, dunkel donnernde Stimme sich auch für Shakespeare-Vorträge geeignet hätte, wie sein Bassist Ron Carter dem "New Yorker" sagte.

Teufelskreis aus Armut und Opium

Ebenfalls 1975 wurde Gil Scott-Heron als einer der ersten Künstler von dem späteren Whitney-Houston-Entdecker Clive Davis für dessen neugegründetes Label Arista unter Vertrag genommen. Zusammen mit dem Musiker und Organisten Brian Jackson veröffentlichte er unter anderem das Album "Winter In America", dessen Titelsong Scott-Herons fundamentale Kritik an der durch den Kapitalismus brutalisierten US-Gesellschaft mit anrührender Melancholie auf den Punkt brachte: "And ain't nobody fighting/ Cause nobody knows what to save".

Vielleicht war es dieses immer stärker werdende Moment der Resignation, das für Scott-Herons persönlichen Niedergang verantwortlich war; die Erkenntnis, dass sich die Verhältnisse nicht ändern würden, eine Erkenntnis, so bitter, dass der Kettenraucher sie womöglich mit betäubenden Nikotin- und Crack-Dämpfen immer wieder in Schach halten musste. So konnte er dem fatalen Teufelskreis aus Armut und Opium, den er in seinen Texten anprangerte, aus dem er seine Brüder reißen wollte, am Ende leider selbst nicht entrinnen.

Kein Wunder, dass er das materialistische Gangster- und Entrepreneur-Gehabe seiner heutigen Epigonen auch im hohen Alter noch mit Verachtung betrachtete, auch wenn ihn moderne Superstars wie Kanye West mit inbrünstiger Verehrung als Vorväter feiern und in ihrer Musik samplen: "Die Rapper laufen einfach einem Image hinterher, sie suchen nach einer Nische bei ihrer Suche nach Respekt, indem sie das imitieren, was sie im TV sehen", sagte Scott-Heron 2005 in einem Interview mit der "taz". Aber die Revolution wird bekanntlich nicht im Fernsehen übertragen, "the revolution will be live", sang Gil Scott-Heron in seinem berühmtesten Stück. Man könnte auch sagen: Die Revolution war sein Leben.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. bedrückt
markusk70 28.05.2011
Ein toller beeindruckender Musiker ist gestorben, ich bin traurig http://www.youtube.com/watch?v=OET8SVAGELA
2. Bob Dylans Bruder?
Parvis 28.05.2011
Zitat von sysopMit Songs wie "The Revolution Will Not Be Televised" wurde Gil Scott-Heron in den Siebzigern zum Gewissen des schwarzen Amerika - nun ist der zornige Dichter und visionäre Musiker mit 62 Jahren gestorben. Zeitlebens wehrte er sich dagegen, als Pate des Rap bezeichnet zu werden. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,765483,00.html
Nein, dieser Mann war ehrlich - Dylan nicht. (Zitat Dylan (sinngemäß) - in das Nazi Deutschland fahre ich nicht. - tat er doch, als er Geld brauchte.)
3. Das ist ja wohl eine Frechheit -
aaal 28.05.2011
Gil Scott Heron mit diesem Kriegstreiber (man waere fast geneigt zu sagen diesem schmierigen Opportunisten) Bob Dylan in einem Atemzug zu nennen ! Der Schreiber erinnert sich wohl nicht gerne an die Zeit, in der der "grosse Dylan" sein gesamtes Vermoegen der Ruestungsmacht USA zukommen liess. Ein sich selbst den Hintern "frei-bestechender" "Friedenspoet" ? Vor Bob Dylan spucke ich auf den Boden - das hat Gil Scott Heron nun wirklich nicht verdient !!! Dylan hat nicht einen Zentimeter Charakter wie Heron ! Unverstaendlicher Vergleich !
4. Zum Tode Gil Scott-Herons: Bob Dylans schwarzer Bruder
rylandde 28.05.2011
Nein, zur großen Dylan-Fan Gemeinde gehöre ich nicht. Gil Scott-Herons Werk hat sicher eine vielleicht unterschätzte Bedeutung, ihn allerdings als Dylan's schwarzen Bruder zu bezeichnen, das beschreibt einerseits die fehlenden Ideen von Andreas Borcholte einerseits und andererseits den Umfang seiner Unkenntnis über das, worüber er hier schreibt.
5. Yep...
martian-spy-trap 28.05.2011
der Vergleich hinkt. So macht man sich mit einer blöden Schlagzeile den Artikel kaputt.
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