Zum Tode György Ligetis: Odyssee im Klangraum

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György Ligetis Musik war immer innovativ, oft spröde, nie gefällig. Dennoch gehörte der österreichisch-ungarische Komponist zu den populärsten Künstlern der zeitgenössischen Musik. Jetzt ist der Avantgarde-Star im Alter von 83 Jahren gestorben.

Es gibt musikalische Ohrwürmer, die sich verhüllen, die schleichen und sanft fesseln, sich nicht anbiedern und dennoch musikalisch so packen, dass man sie dann doch nie vergisst. György Ligetis knappes Meisterwerk "Atmosphères" von 1961, der erste "Hit" des aus dem heutigen Tarnaveni (Rumänien) stammenden Musikers, schwebt wie ein Schleier in der Luft, umhüllt den Hörer mit hypnotischer Intensität und ist zunächst eine perfekt organisierte Klangfläche. Nichts zum Mitsummen, melodiefrei, und dennoch unsagbar sinnlich und intellektuell zugleich.

Komponist Ligeti: Erfolgreich über "2001" hinaus
Gunter Glück

Komponist Ligeti: Erfolgreich über "2001" hinaus

Wie so etwas geht, zeigte György Ligeti in seinem vielfältigen Œuvre immer wieder. Höchste Komplexität in Struktur und Architektur durchzieht seine Werke, dazu Lust am Spiel und auch an der Wirkung. Wer seine "Aventures für drei Sänger und sieben Instrumentalisten" (1962) hört, könnte Ligeti gar für einen übermütigen Scherzbold halten - dabei probierte er nur mal aus, was man denn mit Stimmen, Vokalen und Konsonanten alles an Ausdruck generieren konnte.

Am 28. Mai 1923 wurde György Ligeti geboren, erhielt ab 1936 Klavierunterricht und wollte nach dem Abitur 1941 zunächst in Klausenburg/Siebenbürgen Physik studieren. Wegen des Numerus clausus für jüdische Studenten musste er stattdessen zur Musik wechseln und belegte Musiktheorie und Orgel am dortigen Konservatorium. 1949 beendete er seine Studien in Budapest und begann dort schon ein Jahr später eine Laufbahn als Dozent für Harmonielehre und Kontrapunkt, schrieb ein Lehrbuch ("Die klassische Harmonik", 1956), nachdem 1953 sein erstes Streichquartett fertiggestellt wurde. 1956 musste Ligeti aus Ungarn fliehen und fand bei Karlheinz Stockhausen und dem Studio für Neue Musik des WDR in Köln eine künstlerische Heimstatt.

Beim legendären Avantgarde-Musikfestival in Donaueschingen schlug dann 1961 für die kulturelle Öffentlichkeit die Geburtsstunde von Ligetis "Mikropolyphonie", jenen raffinierten Klangschichtungen, die Ligetis eigenwilliger Auseinandersetzung mit der seriellen Musik entsprang. Mit dem Stück "Atmosphères" gelang ihm der Durchbruch zu dem Stil, der bis zu seinen letzten Werken den Sound Ligetis prägte: Hochkomplizierte rhythmische Verflechtungen und Strukturen werden so miteinander kombiniert, dass sich eine homogene, neue Klangmasse bildet, die Einflüsse aus Volksmusik, Elektronik, Klassik und Moderne erkennen lässt und dennoch eine völlig eigenständige Sprache spricht.

Wie populär atonale E-Musik werden kann, zeigte dann die Wahl von "Atmosphères" für den Soundtrack zu Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum", die Ligeti endgültig zum ersten internationalen Pop-Star der E-Musik nach dem Zweiten Weltkrieg machte. Auch kritische Stimmen meldeten sich in den siebziger Jahren, als Ligetis Kompositionen vermeintlich melodieseliger wurde, doch mit späteren Werken strafte er alle Vorwürfe einer künstlerischen Verflachung Lügen.

Seine Hauptwerke wie die Oper "Le Grand Macabre" (deutsche Uraufführung 1978), das Klavierkonzert (1988), das Violinkonzert (1994) oder auch das "Hamburger Konzert für Horn und Kammerorchester" (1999) gehören längst zum Kanon der zeitgenössischen Musik. Auch in späteren Werken versuchte Ligeti stets, seine komplizierten Kompositionstechniken zu perfektionieren - dennoch verlor er nie den Kontakt zum Publikum, wie der Erfolg seiner Werke in zahllosen internationalen Aufführungen beweist. Der mit Preisen reichlich dekorierte Komponist erhielt 2004 den "Klassik-Echo" für sein Lebenswerk und wurde zuletzt 2005 mit dem Frankfurter Musikpreis ausgezeichnet. Auch den Nachwuchs vergaß er nicht: Ligeti lehrte an der Hamburger Musikhochschule von 1973 bis 1989 Kompositionstechnik und stiftete 1989 den Ligeti-Komponistenpreis.

György Ligeti starb jetzt im Alter von 83 Jahren, wie sein deutscher Musikverlag Schott gegenüber der österreichischen Nachrichtenagentur APA bestätigte. Über die näheren Umstände seines Todes ist noch nichts bekannt.

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