Zum Tode James Browns: Himmel, was für ein Groove!

Von Daniel Haas

Was wäre das große Kraftwerk Pop ohne James Brown, den obersten Maschinisten des Funk? Sex-Appeal, Zorn und Coolness waren sein Treibstoff. Seine Energie macht ihn unsterblich.

Kommt er in den Himmel oder ins Fegefeuer? Wird er das Paradies in eine Tanzhölle verwandeln, wo Beats und Gesang den göttlichen Heerscharen Beine machen? Oder wird er, der Sex-Maschinist und Schwerenöter, als ewiger Sünder um Gnade betteln, unterstützt von jenem Groove, der selbst Popagnostiker zum Funk bekehren konnte? "Please please please!"

James Brown ist tot, gestorben in der Nacht zu Montag an Herzversagen. Sein Testament wurde bereits zu Lebzeiten vollstreckt, die Erben sind reich geworden mit seiner Hinterlassenschaft: Prince und Michael Jackson, deren Karrieren Spiegelungen und Fortsetzungen seiner Innovationen sind; die zahllosen Rapper und HipHop-Produzenten, die sein Oeuvre unverblümt geplündert haben. Vor allem aber entdeckte eine Ethnie in seinem Sound ihre Vitalität, ihre Kraft und Wut. Wie sagte ein Polizeisprecher, als die Martin-Luther-King-Generation auf die Straße ging: Eine Handbewegung von James Brown ist mehr wert als hundert Polizisten.

Die kleine Geste, die ein Publikum in Rage versetzen konnte; die Trippelschritte, mit denen der Sänger auf die Bühne kam, um im Spagat zusammenzubrechen und anschließend wie ein Sprungfederteufel ans Mikrofon zu schnellen - sie waren Resultat größter Anstrengung. James Brown war ein Proletarier des Pop im besten Wortsinn: Neben den vielen Titeln, die der ehemalige Preisboxer trug – "Godfather of Soul", "Soul Brother Number One", "Mr. Dynamite" –, brachte einer sein Verfahren auf den Punkt: "Hardest Working Man in Show Business".

Work it!

Browns Funk-Materialismus hat den Arbeitsbegriff für Pop definiert und dekonstruiert: Der Unterbau, das war der Groove, den er sich mit mechanischer Präzision von seinen Musikern zimmern ließ, jenes unerbittliche Rattern der Rhythmusmaschinerie, die die größten ihres Fachs bedienten: der Bass-Freak Bootsy Collins, die Saxophon-Zampanos Maceo Parker und Pee Wee Ellis. Darüber intonierte Brown seine Klagen, seine Anmache, seinen Zorn.

Der entlud sich auf der Bühne gegen Rassismus und Unterdrückung und wurde mit "Say it Loud, I'm Black and I'm Proud" so explizit, dass Brown mit dem Song Ende der Sechziger einen Teil seines weißen Publikums verlor. Privat machte der Soul-Patriarch als Beziehungsdiktator von sich reden, tyrannisierte Frauen und Geliebte und wurde am Ende doch von Soul-Stars wie Marva Whitney, Gwen McCrae und Lyn Collins als Förderer verehrt.

Geboren wurde der spätere Chef einer weltweit operierenden Groove-Fabrik 1933 in einer Hütte nahe Barnwell, South Carolina. Die Eltern trennten sich mit vier, Brown landete bei einer Tante, die ein Bordell betrieb; er tanzte für Geld, pflückte Baumwolle, putzte Schuhe, mit 15 landete er zum ersten Mal im Gefängnis. Die Karriereopern, wie sie Rapper wie 50 Cent nicht müde werden, aufzuführen, haben hier ihre Blaupause, nur dass Brown sich für die Rolle des Blingbling-versessenen Showbiz-Clowns stets zu schade war. "I come from the ghetto and still have my shoeshine box in my hands": Solche Sätze wird man von Jay-Z niemals zu hören kriegen.

Ideologisch verspielt

Kein Wunder also, dass ihn die Black-Power-Intelligenz bewunderte. Der Dichter Le Roi Jones spekulierte 1967 über die revolutionäre Kraft von "Money Won't Change You": Würde man den Song in einer Bank abspielen, müssten das Gebäude und das System aufgrund ihrer inneren Widersprüche kollabieren.

Nicht immer hat Brown für das wahre Leben im falschen plädiert: Er spielte für die Truppen in Vietnam, jubilierte "America is my Home" und lobte Nixon, den Schleifer der schwarzen Sozialsysteme, für seinen kapitalistischen Einsatz. Tiefpunkt der Affirmation: der Hurra-Patriotismus von "Living in America", mit dem Brown 1985 Ronald Reagan unterstützte und dem Popcorn-Kino einen Welthit verschaffte.

Was aber bedeuten schon solche ideologischen Stolperschritte in der Choreographie dieses brisanten Musikerlebens? Den Dauereinsatz der Funk-Maschine, die James Brown für immer im globalen Pop-Betrieb installiert hat, konnten sie nicht unterbrechen. Bis letztes Jahr schuftete er auf internationalen Bühnen. In Deutschland war er als Groove-General zu sehen, dessen Fantasieuniform noch einmal deutlich machte, dass nur ein strenges Regiment diese unvergleichbare Lässigkeit zustande bringt. Da marschierten die Drums, knatterten die Gitarren, schnurrten die Bläser wie ein Räderwerk.

Es wird weiterlaufen, auch nach seinem Tod. Höllisch cool, dem Himmel sei Dank.

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