Zum Tode Karlheinz Stockhausens Der konservative Revolutionär

Mit gedanklicher Strenge und Präzision avancierte Karlheinz Stockhausen zu einem der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts - und zu einem der streitbarsten. Selbst wenn ihm eine Diskussion zu entgleiten drohte, scheute er nicht zurück.

Von Ralf Dombrowski


Es war eine Phase des Neubeginns, in vielfacher Hinsicht. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der Diktaturen in Deutschland und der Sowjetunion Stalins hatten die Intellektuellen in tiefe Krisen gestürzt. Zur gedanklichen Verunsicherung der Ästhetik kam die strukturelle des Formalen. Mit dem Sprung ins Atonale, Dissonante, Freie seit den Zwanzigern waren die prägenden Gestaltungsmuster der Musik obsolet geworden. Komponisten suchten nach Auswegen, nach Möglichkeiten, wieder sinnvoll Klang zu formen, ohne in die herkömmlichen funktionsharmonischen Systeme zurückzufallen.

Erste Ansätze gab es seit den frühen Fünfzigern. Die Neue Musik konnte sich über das Serielle definieren. Man dachte in akustischen Reihen im Anschluss an die Zwölftonmusik eines Anton Webern, die die musikalischen Strukturelemente eines Werkes nach vorher festgelegten Gestaltgesetzen ordneten, so dass sich jeder Ton mit möglichst allen seinen Eigenheiten aus dieser gewählten Vorgabe herleiten ließ. Der junge Pierre Boulez und Luigi Nono zum Beispiel arbeiteten bereits daran. Und deren Studienkollege Karlheinz Stockhausen.

Tonangebende Gestalt der Neuen Musik

Karlheinz Stockhausen war ein konservativer Revolutionär, ein disziplinierter Strukturdenker mit Faszination am Detail, aus dessen Ordnung sich das Ganze ergibt und herleiten lässt. Geboren am 22. August 1928 in Mödrath als Sohn eines Volksschullehrers und einer musisch begeisterten Mutter, hatte er zunächst Schulmusik und Klavier, außerdem Musikwissenschaft, Philosophie und Germanistik in Köln studiert, war dann aber nach einem prägenden Sommer bei den Darmstädter Ferienkursen 1952 nach Paris zu Olivier Messiaen gegangen, um sein Ausdrucksspektrum an der zeitgenössischen Avantgarde zu schulen. Im folgenden Jahr wurde er Mitarbeiter von Herbert Eimert im Studio für elektronische Musik in Köln und studierte außerdem Kommunikationswissenschaft und Phonetik.

Aus diesen vielen Bestandteilen setzte sich ein musikalisches System zusammen, das spätestens seit seiner Komposition "Gesang der Jünglinge" 1956 die Gemüter erhitzte. Denn nach den ersten seriellen Anfängen ("Kreuzspiel", 1951) widmete Stockhausen sich bald der Erforschung der räumlichen Wirkung von Tönen, Geräuschen, und der künstlichen Klangerzeugung mit Sinusgeneratoren ("Studien I/II", 1953/54). Seine Erfahrungen mit diesen neuen Medien verdichteten sich zu einem Konglomerat aus aufgenommenen, technisch vervielfältigten Knabenstimmen, einem artifiziell simulierten Chor und rein elektronisch erzeugten Klängen. Das war neu, bei der Uraufführung des "Gesangs der Jünglinge" fanden sich erstmals Lautsprecher in einem klassischen Konzertsaal, und die Komposition beflügelte die Diskussion um die Künstlichkeit der Kunst.

Spätestens von diesem Zeitpunkt an war Karlheinz Stockhausen neben Pierre Boulez und Luigi Nono die tonangebende Gestalt der Neuen Musik. Sein Verständnis von Klangentfaltung prägte die Kunstszene weit über seinen unmittelbaren Wirkungskreis hinaus, bis zu Joseph Beuys und der Popkultur. Das Studio für elektronische Musik in Köln wurde international zu einer Richtgröße im Diskurs und der frühere Mitarbeiter übernahm 1963 dessen Leitung. Stockhausen war präsent, gab nun bei den Darmstädter Ferienkursen selbst sein Wissen weiter. Er leitete zwischen 1963 und 1969 die Kölner Kurse für Neue Musik und lehrte schließlich von 1971 an mehrere Jahre als Professor an der Hochschule für Musik in Köln, außerdem in Basel, Philadelphia und Kalifornien.

Kreative, streitbare Persönlichkeit

Und er vollzog eine wesentliche inhaltliche Wandlung. War der Raum von Anfang an eine wichtige Komponente seines musikalischen Denkens, näherte Stockhausen sich seit den Siebzigern immer deutlicher einer Vorstellung des umfassenden Gesamtkunstwerks. Er konzipierte klangtheatralische Aktionen wie "ALPHABET für Liege" (1972), vor allem aber seinen gewaltigen Musiktheaterzyklus "Licht" (1977-2003), der in einer Art "Superformel" (Stockhausen) alle gestalterischen Parameter minutiös festlegte. Es war der Höhepunkt seiner Hinwendung zu kosmischen, spirituellen Themen, die ihn seit den Siebzigern zunehmend der Kritik vor allem durch vormals mit seinem Werk sich identifizierende linke Intellektuelle aussetzte.

Karlheinz Stockhausen setzte auf gedankliche Strenge, Präzision, auf die Ordnung der Dinge durch die Kraft des reflektierenden Geistes. Rund 280 selbständig aufführbare Kompositionen sind im Laufe der Jahrzehnte entstanden, zahlreiche Auszeichnungen vom Bundesverdienstkreuz (1974) bis zum schwedischen Polar-Preis (2001) wurden ihm überreicht. Stockhausen war eine kreative, streitbare Persönlichkeit, die die Diskussion in der Öffentlichkeit nicht scheute – auch wenn sie ihm zuweilen zu entgleiten drohte. Zuletzt hatten seine Äußerungen über die Anschläge des 11.September 2001 in New York für Kontroversen gesorgt, die er aus seiner ästhetisch-künstlerischen Perspektive als "das größte Kunstwerk Luzifers" bezeichnet hatte.



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