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Zum Tode Lou Reeds: Auf der wilden Seite des Lebens

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Lou Reed ist tot: Ein unbarmherzig Unbequemer Fotos
Getty Images

Großer Rock-Poet, legendärer Grantler: Lou Reed war als Mensch so unbequem wie seine Musik. Mit The Velvet Underground legte er die Wurzeln des Untergrund-Rocks, als Solo-Künstler erzählte er furchtlos von Drogen, Sucht und Außenseitern - lauter Kapitel des Großen Amerikanischen Romans.

"I can create a vibe without saying anything, just by being in the room", sagte Lou Reed Anfang der Siebziger in einem Interview. Schon damals war der New Yorker Musiker eine der schillerndsten und furchterregendsten Persönlichkeiten des Rock'n'Roll. Kein Richard Hell, kein Sid Vicious, keiner der kaputten Punkrocker, die ihre Karriere seinetwegen begonnen hatten, mit denen er aber nie etwas zu tun haben wollte, konnte seiner dunklen Zerstörungskraft auch nur nahe kommen.

Zu jener Zeit, Reed hatte mit David Bowies Hilfe gerade sein zweites Solo-Album "Transformer" veröffentlicht, das den späteren Welthit "Walk on the Wild Side" enthielt, war der ehemalige Velvet-Underground-Sänger der schwarze Prinz der von Drogen, Korruption, Gewalt und Armut gebeutelten Ostküstenmetropole New York. Wenn er sich nicht illegale Substanzen intravenös zuführte, trank er flaschenweise Johnny Walker Black Label - ein menschlicher Abgrund aus Selbsthass und Größenwahn. Interviews mit ihm waren eine Qual. "Er fixiert dich mit diesen rostigen Insektenaugen, er krächzt und knarrt und lügt dir ins Gesicht, und du bist hilflos dagegen", schrieb der US-Popjournalist Lester Bangs über ein Gespräch mit Reed im Jahre 1973.

Statt Alkohol nahm er zwar nur Wasser und einen gelegentlichen Snack gegen den Diabetes zu sich, aber ansonsten hatte Bangs' Beschreibung auch rund 40 Jahre später noch Gültigkeit. Ich traf Lou Reed zuletzt im Spätsommer 2011, als er zusammen mit der Rockband Metallica seine monströse, widerborstige Vertonung von Frank Wedekinds Bühnenstück "Lulu" herausbrachte: ein echsenartiger, drahtiger Mann, der dich mit Verachtung mustert und nur darauf zu warten scheint, dass du dich nicht ausreichend in seinem Oeuvre auskennst oder den Fehler machst, etwas Privates zu fragen - um dann entweder beleidigend zu werden, dich zu maßregeln ("Ich habe es Ihnen doch gerade erklärt, Sie hören mir nicht zu") oder einfach wortlos den Raum zu verlassen. Geschichten über schmerzhafte, demütigende Begegnungen zwischen Reed und Journalisten gibt es Dutzende, sie gehören zum Mythos.

Elektroschock-Blues

Lou Reed wurde am 2. März 1942 in Brooklyn geboren und wuchs als Sohn jüdischer Eltern in Long Island auf. Als er ein Teenager war, musste er eine Elektroschock-Therapie über sich ergehen lassen, von der sich seine Familie erhoffte, sie würde ihn von seiner Bisexualität kurieren. Reed beschrieb die Tortur 1996 im Buch "Please Kill Me" so: "Sie stecken dir dieses Ding in den Hals, so dass du nicht deine eigene Zunge verschluckst, und sie befestigen Elektroden an deinem Kopf (...) Der Effekt ist, dass du deine Erinnerungen verlierst und zum Gemüse wirst. Du kannst kein Buch lesen, weil du schon auf Seite 17 wieder zum Anfang zurückblättern musst." Als Folge der Schocktherapie blieb Reeds linke Gesichtshälfte teilweise gelähmt, selbst wenn er einen Scherz machte, blieb seine Miene beunruhigend starr.

Nach seinem Studium (Journalismus, Filmregie und kreatives Schreiben) an der Syracuse Universität fand der Gitarrist und Songschreiber Mitte der Sechziger im kreativen Gesumme der New Yorker Lower East Side Gleichgesinnte. Zusammen mit dem klassisch gebildeten Waliser John Cale, der Drummerin Maureen Tucker und dem Gitarristen Sterling Morrison gründete er 1965 die Band The Velvet Underground, der Name basierte auf einem damals populären Pulp-Roman über die sexuelle Subkultur.

Blaupause des Indie-Rock

Mit ihrem akademischen Ansatz, ihrem experimentellen Rock'n'Roll-Sound und Texten über literarische Figuren, Drogen und Homosexualität klangen Velvet Underground wie keine andere zeitgenössische Band. Während Tucker einen an frühen R&B angelegten Beat schlug, ließ Reed eine oftmals radikal gegen die Norm gestimmte Gitarre dröhnen und rauschen. Literatur, Underground-Kino und das Revival der Beat-Poetry flossen in diese nervöse, suggestiv verführerische, distanziert-kühle Rockmusik über abseitigen Sex und Drogenexzesse. Noch heute gilt die Band als Blaupause für den sogenannten Alternativ- oder Experimentalrock von Radiohead bis zu den Strokes.

Pop-Art-Künstler Andy Warhol fungierte als Produzent und übernahm das Management. Für den Gesang auf dem Debütalbum der Band heuerte er die deutschstämmige Sängerin Nico an - zum Unmut von Bandleader Reed, der zwar dankbar in die hippe Factory-Szene eintauchte und Warhol später neben dem Dichter Delmore Schwartz als wichtigsten Mentor bezeichnete, sich aber von dem Kunst-Guru nicht zu sehr in seine Musik hineinreden lassen wollte.

Aus Protest ließ die Band das Album mit der berühmten Warhol-Banane auf dem Cover "The Velvet Underground & Nico" betiteln. Schon beim nächsten Album, "White Light/ White Heat", war Andy Warhol nicht mehr dabei, aber auch John Cale kapitulierte 1968 vor dem Über-Ego Reeds. 1970, nach zwei weiteren Alben, ging auch Reed. Kommerziell erfolgreich waren The Velvet Underground zu ihrer Zeit nicht, aber noch heute rangiert das bahnbrechende Debüt weit oben in den Listen der einflussreichsten Rock-Platten.

Lou Reed
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Als Solokünstler arbeitete Reed weiter daran, seinen Traum zu erfüllen: "Ich habe immer gedacht, wenn du dir alle meine Platten als ein Buch vorstellst, dann hast du den Großen Amerikanischen Roman, jedes Album ein Kapitel", sagte er dem US-Magazin "Rolling Stone" 1987. So sehr sich Reed zwar an den rohen, zerkratzten Rock-Akkorden seiner Gitarre ergötzen konnte und obsessiv nach dem rauesten und trockensten Klang seiner Verstärker forschte, so sehr betrachtete er sich doch als Homme de Lettres, als Poet, der seine Geschichten als Song darbietet.

Und was für Geschichten: "Walk on the Wild Side", sein vielleicht größter Erfolg, handelt von den Schattenfiguren des amerikanischen Traums, den Hustlern und Hookern, den Verkrachten und Geächteten, die im Schutzraum der Warholschen Kreativ-Fabrik ihre Phantasien und Lüste ausleben konnten. Transsexualität, Oralsex, Prostitution und Drogen sind die clever verschlüsselten Themen dieser expliziten Hymne auf die Subkultur der Sechziger, die wundersamer Weise jede Zensur passierte und inzwischen nachmittags im Oldie-Radio gespielt wird.

Unbarmherzig bis zum Schluss

Wie kein anderer Sänger seiner Generation konnte Reed die Storys vom Rand der Gesellschaft erzählen, vom Taumel am Abgrund und von der Lust an Sucht und Entgrenzung: "Heroin", "I'm Waiting For The Man" oder die ambivalente Drogensucht-Ballade "Perfect Day" - sein brüchiger, tiefer, schockierend emotionsloser Gesang, eigentlich mehr Sprechen als Singen, bewahrte ihn dabei stets vor Kitsch und Duselei. Umso berührender und effektvoller war der Nachhall seiner Songs. "Ein Akkord ist prima. Zwei Akkorde sind schon übertrieben. Drei Akkorde, und du bist beim Jazz", charakterisierte er einmal seinen minimalistischen Ansatz.

Reeds Karriere verlief nie ohne Brüche. War ein Album erfolgreich, schickte er ein schwieriges hinterher. Der Hit-Platte "Transformer" folgte das verkünstelte Junkie-Epos "Berlin", dem Erfolg von "Rock'n'Roll Animal" folgte, wie zum Trotz, sein sperrigstes Werk, das experimentell-instrumentale "Metal Machine Music" - ein heute gefeiertes, frühes Meisterwerk des "Drone"-Sounds, das jedoch für alle Zeiten eine Strapaze für jeden darstellt, der den Mut aufbringt, sich das kalt-klirrende Doppelalbum zu Gemüte zu führen.

In den achtziger Jahren, weitgehend geheilt von Drogen- und Alkoholexzessen, verwandte Reed viel Energie auf Regionalpolitik, engagierte sich für humanitäre Projekte und die sozialen Zustände in seiner Heimatstadt. Vieles davon floss in das Album "New York" von 1989, auf dem Reed Themen wie Aids, Kriminalität, Religion und Machtpolitik in hintersinnige Song-Erzählungen goss. Aus dem zornigen Rock-Monster war ein Chronist des Alltagslebens geworden, ein kunstsinniger Literat, aus dessen Zeilen allerdings immer noch Säure tropfte. Im Jahr 2000 erschien sein letztes Studioalbum "Ecstasy".

Das vergangene Jahrzehnt verbrachte Reed größtenteils damit, seine Liebe zu Kunst und Literatur auch in anderen Bereichen anzuwenden. Zusammen mit dem Theaterregisseur Robert Wilson schuf er die Edgar-Allan-Poe-Hommage "The Raven" und veröffentlichte zwei Bände mit eigenen Fotografien. 2008 heiratete er seine langjährige Freundin und musikalische Partnerin, die Performance-Künstlerin Laurie Anderson. Sie war seine dritte Ehefrau nach Bettye Kronstadt und der britischen Designerin Sylvia Morales.

Künstlerisch aktiv und kreativ blieb Reed bis zum Schluss, hatte Gastauftritte auf Alben von den Gorillaz, den Killers oder Antony Hegarty. Und noch immer konnte er allein durch seine einschüchternde Präsenz einen Raum in ehrfürchtiges, ängstliches Schweigen versetzen. Bei den Aufnahmen zum "Lulu"-Album brachte er sogar Metallica-Sänger James Hetfield, einen wahrlich harten Brocken, zum Weinen, so schwierig und intensiv, aber auch lohnend war die Zusammenarbeit mit diesem unbarmherzigen Unbequemen, der für sich selbst am wenigsten Gnade fand.

Den Wahnsinn der Sechziger und Siebziger hatte er überlebt, vielleicht sogar seinen Frieden und künstlerische Erfüllung gefunden. Doch Reeds jahrzehntelanger Umgang mit Drogen und Alkohol forderte immer mehr Tribut. Im Mai dieses Jahres musste sich der schwer Zuckerkranke einer Lebertransplantation unterziehen. Am 27. Oktober ist Lou Reed im Alter von 71 Jahren in New York verstorben.

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insgesamt 76 Beiträge
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1. Metallica ist keine Rockband
nucles 27.10.2013
Eine kleine aber wichtige Korrektur - Metallica ist keine Rockband, es ist Trash und Heavy Metal
2. Rip
amtiskaw 27.10.2013
Traurige Nachricht, er war einer der ganz Großen. Immer wieder großartig seine Platten bzw. Musikstücke und natürlich 'Velvet Underground'. Rest in Peace Lou.
3.
h.hass 28.10.2013
Lou Reed gestorben - not a perfect day, würde ich sagen. Nach und nach treten nun offensichtlich die großen Musikerpersönlichkeiten dieser Generation ab. Würde mich wundern, wenn die heutigen Musiker ähnlich viele prägende Songs und Alben hinterlassen würden.
4. Alle gehen sie...
alwalis 28.10.2013
und bald sind sie alle weg. Ruhe in Frieden.
5. Die entstellte Bevölkerung
stasilaus 28.10.2013
Zitat von sysopGetty ImagesGroßer Rock-Poet, legendärer Grantler: Lou Reed war als Mensch so unbequem wie seine Musik. Mit The Velvet Underground legte er die Wurzeln des Untergrund-Rocks, als Solo-Künstler sah er sich als Dichter und erzählte furchtlos von Drogen, Sucht und Außenseitern. Zum Tode Lou Reeds: Auf der wilden Seite des Lebens - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/zum-tode-lou-reeds-auf-der-wilden-seite-des-lebens-a-930295.html)
Es ist schon merkwürdig, wie die US-Gesellschaft von Drogensucht völlig zerrüttet ist. Was die Paranoia der USA zeigt, weil die Menschen sich aus diesem Land nur noch weg dröhnen wollen, weil sie die gesellschaftliche Realität anders nicht ertragen. Ich meine damit nicht das Amerika des mittleren Westens. Allerdings saufen dort auch die meisten Bewohner fürchterlich. Oder fressen sich zu Tode. Das ist doch die Ursache von Drogenkonsum: Flucht in Traumwelten aus einer als unbefriedigend empfundenen Lebenssituation. Der amerikanische Traum ist schon längst ein Drogentraum und -taumel. Lewis Allan Reed war dafür vorbildlich. Oder Henry Charles Bumskowski. Verwahrloste Gestalten auf Penner- und Säuferebene. Nur eben mit mehr Geld.
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