Zum Tode Norman Whitfields Motowns Mastermind

Er schrieb Motown-Hits wie "I Heard It Through The Grapevine" und "Papa Was A Rolling Stone" für Marvin Gaye und die Temptations: In den sechziger Jahren war Norman Whitfield das politische Gewissen des legendären Motown-Labels. Jetzt ist der Soul-Pionier im Alter von 65 Jahren gestorben.

Von Jonathan Fischer


Er gehörte nicht zu den Motown-Künstlern, deren Namen auf Leuchtschildern mit blinkenden Glühbirnen annonciert wurden. Auch seine Stimme blieb meist unhörbar – lässt man einmal das energische Einzählen des Temptations-Hits "Ball Of Confusion" außen vor. Und doch hat Norman Whitfield Ende der sechziger Jahre dem Soul seinen ganz eigenen Stempel aufgedrückt. Nicht nur als Songwriter einiger Dutzend der bedeutendsten Motown-Hymnen überhaupt – von "I Heard It Through The Grapevine" bis zu "Papa Was A Rolling Stone" - sondern vor allem als Produzent und Wegbereiter psychedelischer Klänge, die bis dato im schwarzen Pop unerhört waren.

Motown-Legende Whitfield (2004): Pop und Politik
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Motown-Legende Whitfield (2004): Pop und Politik

Experimente, die späteren Crossover-Stars von Prince bis zum Neptunes-Produzent Pharrell Williams bis heute als Inspirationsquelle dienen sollten.

Der aus Harlem stammende Norman Whitfield begann seine Karriere ganz unscheinbar als Tamburinspieler: 1960 lud Barrett Strong den gerade mal 17-Jährigen ein, ihn auf dessen ersten Motown-Hit namens "Money (That's What I Want)" rhythmisch zu begleiten. In der Folge schrieben sie zusammen einige der frühesten Songs für Marvin Gaye, etwa "Pride And Joy" oder "Wherever I Lay My Hat (That's My Home)". 1967 erzielte die Whitfield/Strong-Komposition "I Heard It Through The Grapevine" in den Fassungen von Gladys Knight und Marvin Gaye gleich zwei Nummer-Eins-Hits und sollte gar zum größten Motown-Hit des ganzen Jahrzehnts heranwachsen.

Dennoch hatte Whitfield bei seinem Label kein leichtes Spiel: Ein ganzes Jahr lang hatte er mit dem wenig begeisterten Motown-Boss Berry Gordy darum gerungen, den Song überhaupt veröffentlichen zu dürfen. Inhaltlich standen sich die Vorstellungen der beiden allzu oft diametral entgegen.

Gordy war stets vorsichtig, keine Reizthemen wie Sozialkritik oder Rassenbeziehungen in seinen Songs auftauchen zu lassen. Er favorisierte den harmlosen Drei-Minuten-Popsong. Whitfield dagegen wollte Motown Ende der sechziger Jahre vom alten Zuckerguss befreien – und Songs über Diskriminierung und städtischen Verfall mit entsprechend dringlichen Klängen befeuern. 1966, als er zusammen mit Eddie Holland den Nummer-Eins-Hit "Ain’t Too Proud To Beg" schrieb, hatte Whitfield Smokey Robinson als Hausproduzenten der Temptations abgelöst.

Der wichtigste Stein kam 1972 ins Rollen

Der neue Mann am Mischpult begann augenblicklich mit Tom-Toms und afrikanisch anmutenden Polyrhythmen zu experimentieren. Fast alle seine Produktionen zeichneten sich durch solche Zutaten aus – als ob er der Mainstream-Ästhetik Motowns eine schwärzere, ethnischere Note unterschieben wollte. Zwei Jahre später begann Whitfield seine perkussiven Teppiche mit psychedelischem Rock und Funk zu kombinieren: "Ich wollte Sly Stone übertrumpfen", erzählte er Marvin Gayes Biograf David Ritz: "Sein (Sly Stones, d. Red.) Sound war neu und intelligent, seine Grooves unglaublich und er hatte eine Menge von Rockmusikern gelernt. Aber ich hatte den Ehrgeiz, es ihm gleichtun. Seinen Rhythmen etwas Eigenes entgegenzusetzen".

Es war eine Musik, die hervorragend zu den sozialkritischen Botschaften von Edwin Starrs "War" oder "Ball Of Confusion" von den Temptations passte – und den Soul insgesamt weiter ans afroamerikanische Ende des schwarz-weißen Spektrums amerikanischer Popmusik rückte. James Brown, Curtis Mayfield und Aretha Franklin hatten gezeigt, dass sie auch kritische Themen ansprechen durften, ohne ihre Karrieren zu gefährden.

Nun wollte Whitfield mit Motown zumindest mitziehen. Gestärkt durch seinen Erfolg, überwand er Gordys Widerstand gegen den von Drogengenuss handelnden Song "Cloud Nine". Als der Song die Top Ten stürmte, gab der Motown-Boss seinem rebellischen Produzenten schließlich freie Hand: Es sollte sich auch für ihn auszahlen: Das von den Temptations gesungene Whitfield-Stück "Papa Was A Rolling Stone" toppte 1972 nicht nur die Soul- und Popcharts, sondern gewann auch noch drei Grammys.

Das Sieben-Minuten-Epos löste alles ein, was Whitfield bisher bei Motown vermisste: Sein Text erzählte von den Wunden, die Rassismus, Armut und das Macho-Gehabe des patriarchischen Songprotagonisten – "spent most of his time chasing women and drinking" - in der schwarzen Community hinterlassen hatten. Ein tiefer, melancholischer Blick in die Seele des schwarzen Amerikas, der auf dem zugehörigen Album "All Directions" sogar zwölf hypnotische Minuten dauerte.

Es sollte der wichtigste Stein in Whitfields Produzentenkrone bleiben. Spätere Alben für The Undisputed Truth und Rose Royce (1976 gewann Whitfield für den mit Rose Royce komponierten Soundtrack zu "Carwash" einen weiteren Grammy) weiteten sein psychedelisches Klangexperiment weiter aus, erreichten aber nicht mehr ein ähnlich breites Publikum.

1984 schloss sich Whitfield – er hatte Motown ein Jahrzehnt zuvor verlassen – noch einmal mit den Temptations für die Single "Sail Away" zusammen. Das letzte Mal kam er 2005 wegen einer Steuerhinterziehungsaffäre in die Schlagzeilen.

Am Mittwoch verstarb der 65-jährige in einem Krankenhaus in Los Angeles. Er war nach Komplikationen aufgrund seiner Diabetes in ein Koma gefallen, aus dem er nicht mehr erwachte. Wünschen wir dem Mann, der dem psychedelischen Soul einst seine Seele gab, eine weiche Landung auf "Cloud Nine".

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