Zum Tode von Ron Asheton Der Morgen nach dem Acid-Trip

Kein Sex, kein Spaß, keine Hoffnung: Iggy And The Stooges waren die fiese Fratze der Flowerpower-Bewegung. Ihr Gitarrist Ron Asheton gab dieser größten und erfolglosesten Rock'n'Roll-Band aller Zeiten ihren Klang. Nun verstarb der Musiker 60-jährig in Michigan.

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Noch im Sommer vergangenen Jahres raste er mit den wiedervereinigten Stooges in Deutschland von Freilichtbühne zu Freilichtbühne. Aber was heißt bei jemandem wie Ron Asheton schon rasen? Der Mann mit den dicken Brillengläsern und den abgewetzten Army-Klamotten stand bewegungslos wie eh und je vor einer Wand aus Verstärkern und rieb stoisch seine scharfkantigen Riffs aus der E-Gitarre.

Das eigentliche Rasen überließ er also mal wieder seinem Kollegen Iggy Pop, der am Bühnenrand durch die nasse Jeanshose hindurch sein Genital befingerte und die Techniker bepöbelte, sie sollten verdammt noch mal die Lautstärke weiter hochfahren. Asheton war das natürlich herzlich egal, auf Tuchfühlung mit der geliebten Verstärkerwand dürfte der 60-Jährige sowieso bereits längst ein wohliges, Zeit und Raum verschlingendes Fiepen in den Ohren gehabt haben.

Iggy und Asheton nach drei Jahrzehnten wiedervereint – das gab im letzten Sommer noch mal Aufschluss über die Arbeitsteilung bei der größten und erfolglosesten Rock'n'Roll-Band aller Zeiten. Während Pop die Rampensau gab, lieferte sein Kompagnon die dreckigen Riffs, durch welche die autoerotischen Ferkeleien des Anderen erst so richtig zur Wirkung kamen.

Mögen die beiden immer mal wieder öffentlich ihren Hass aufeinander bekundet haben, da war wohl stets viel Zuneigung und Zärtlichkeit im Spiel – wenn diese auch nur in pervertierter Form geäußert werden konnte. Die Stooges waren das kranke Kind einer kranken Liebe, und die Bedeutung dieses vollkommen unbelehrbaren, gewalttätigen, schrecklichen Balgs für die Rockmusik ist gar nicht groß genug einzuschätzen.

Man dachte eigentlich, die Revolution wäre noch voll im Gange, da erschienen Ende der Sechziger auf einmal die Stooges auf der Bildfläche. Während die Blumenkinder von freier Liebe und neuen Gesellschaftsformen träumten, übten sich diese vier hässlichen Vorstadtkinder in einer Art angewandtem Nihilismus: "Nun ja, wir haben 1969 in den USA / ein weiteres Jahr für dich und mich / Ein weiteres Jahr, in dem es nichts zu tun gibt." So schimpfte Iggy Pop auf dem Debütalbum in dem freudlosen Boogie "1969", den Ron Asheton mit schmerzvoll verzerrten Riffs unterlegte.

Ausgedacht hatten sich das die Stooges alles in einem öden Kellerloch in Ann Arbor, Michigan. Songs hatten sie anfänglich fast überhaupt keine, sie machten auf Blechtonnen und alten Gitarren Krach. Nach einigen Auftritten bekamen sie sonderbarerweise einen Vertrag beim Doors-Label Elektra, von da an versuchte die Band, eine Art Repertoire auszuarbeiten.

Asheton entwickelte ein paar rohe Hooks, Pop verdichtete seinen Frust zu markanten Zwei- und Vierzeilern. "I Wanna Be Your Dog", "No Fun" und "Not Right" waren das Ergebnis: Hymnen der Langeweile, Klassiker des Punkrock. Die gesamte Hässlichkeit des US-Vorstadtlebens steckte hier oft in drei Worten und einem Riff.

Übelste Gefühle und Gedanken

Kein Sex, kein Spaß, keine Hoffnung: Die Stooges waren die Umkehrung des Sommers der Liebe, das ängstliche Unterbewusste der euphorischen Revolution. Und sie waren der Morgen, an dem der Acid-Trip noch lange nicht aufhört, aber leider nur noch übelste Gefühle und Gedanken hochspült. Statt freier Liebe gab es verzweifelte Autoerotik; statt die Entgrenzung zu feiern, beschwor man die Klaustrophobie.

Und Ron Asheton, dieser von sämtlicher klassischer Ausbildung unbeleckte Gitarrist, dieser Urvater des Punk, lieferte die Riffs dazu. Großartig, wie er vom seinerzeit erfolglosen ersten Album zum seinerzeit ebenso erfolglosen zweiten Album Wah-Wah-verzerrten Rhythm'n'Blues ins Atonale und in den Freejazz weitete. War das Stooges-Debüt aus dem Jahr 1969 der Blueprint für die Punkrockbewegung, gestaltete der begnadete Lahmarsch Asheton ein Jahr später den Nachfolger "Fun House" zum Inbegriff eines psychedelischen Rauschens. Aus dem Vorortkellerloch zu den Sternen – diesen Weg legte er innerhalb nur eines Jahres zurück.

Für das dritte Stooges-Werk "Raw Power", 1973 produziert vom Glamrockstar David Bowie und natürlich ebenso erfolglos wie die Vorgänger, wurde Ron Asheton trotzdem an den Bass verdammt. Was für eine Schmach. Der Abschied von der Band war nur konsequent – zumal ausgerechnet der Klangzauberer Asheton nach eigenen Angaben als einziger drogenfrei war.

LSD, Kokain und am Ende vor allem Heroin bestimmten das Sein bei den Stooges. "Also tat ich das Unmögliche", erinnerte sich der Musiker unlängst in einem Interview: "Ich zog mit einer ganz normalen Frau zusammen, um wenigstens eine einzige Person um mich zu haben, die nicht vollkommen verrückt war."

Historische Fehleinschätzung

Was gut für das Überleben war, förderte allerdings kaum die Karriere. Der Mann, der viele Tausende Bands dazu inspirierte, Instrumente in die Hand zu nehmen, von den Modern Lovers bis zu den Sex Pistols, von Sonic Youth bis zu den White Stripes – dieser Mann bekam erst mal keinen Fuß mehr auf den Boden.

Dabei bot er seinen nihilistischen Noiserock so inspiriert dar wie eh und je – unter anderem mit einem Projekt namens New Order (nicht mit den gleichnamigen Briten zu verwechseln!), bei Destroy All Monsters und schließlich - am schönsten und am schwärzesten - mit der Formation New Race, für die der eigentlich so phlegmatische Großkünstler sogar nach Australien übersiedelte, um mit den Resten der dort heimischen Punkrockvorreiter Radio Birdman zusammen zu spielen. Geld ließ sich so nicht machen, und so lebte Asheton gelegentlich in recht bescheidenen Verhältnissen.

Ein Segen war es da, dass er sich 2003 erstmalig mit Iggy Pop und seinem trommelnden Bruder Scott Asheton für eine Stooges-Reunion zusammentat. Die Verkäufe des 2007 eingespielten Comeback-Albums "The Weirdness" waren zwar bescheiden wie eh und je, auf den extrem gut besuchten Konzerten der Stooges konnte jedoch die legendäre historische Fehleinschätzung revidiert werden. Wie wunderbar: Das kranke Kind schrie wieder, und zwar lauter und nervender als je zuvor!

Am Dienstag wurde Ron Asheton in seiner Heimatstadt Ann Arbor tot aufgefunden, nicht weit von jener Nachbarschaft, in der er aufgewachsen ist und die ihn wohl mit dazu antrieb, dieses matte Gefühl namens Langeweile in große, strahlende und generationenverbindende Kunst zu verwandeln. Die Todesursache ist vermutlich ein Herzinfarkt, der ihn schon am Neujahrstag ereilt haben muss. Drogen sollen nicht im Spiel gewesen sein.

Der Verstorbene, so gab ein Polizeibeamter kurz nach dem Fund zu Protokoll, habe außerordentlich friedvoll dagelegen.



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