Von Peer Schader
Manchmal braucht es kein Hochwasser, keinen Wirbelsturm und auch keinen Krieg, damit ein schönes Fleckchen Erde von heute auf morgen zum Krisengebiet wird. In einigen Fällen reicht auch ein stinkender Komposthaufen, eine unerwartete Baumverstümmelung oder ein geruchsintensiver Grillanzünder. Es gibt viele schlimme Probleme auf der Welt, man muss ja bloß "Tagesschau" einschalten, da erzählen sie das ständig. Die ärgsten Konflikte sind für viele Menschen aber immer noch die, die vor der eigenen Haustür passieren.
Aus diesem Grund ist den Redakteuren von RTL beim Brainstorming für ihre neue Doku-Reihe auch nicht New Orleans, Afghanistan oder Phuket als Drehort eingefallen - sondern Andernach im Kreis Mayen-Koblenz.
Dort hat's neulich so richtig gekracht. Seit Familie Faulhaber-Cera im Nachbarhaus wohnt, fühlt sich das daneben lebende Ehepaar Weißmann in seiner Freiheit massiv eingeschränkt. Sechsmal im Monat wird drüben gegrillt, mit "Kerosin", wie Frau Weißmann vermutet, und weil das alles zu ihr herüberzieht, stinkt das ganze Haus barbarisch.
Dann hat der Untermieter der unerwünschten Nachbarn auch noch einen Komposthaufen im Garten angelegt, der das Ungeziefer anlockt. 16 tote Ratten haben ihr die Katzen schon auf die Treppe gelegt: Frau Weißmanns Strichliste lügt nicht.
Endgültig zu weit gegangen ist der Nachbar aber, als er kürzlich die auf der Grundstücksgrenze stehenden Tannen "ohne Zustimmung einseitig radikal gestutzt" hat. Wenn die Familien sich jetzt im Garten begegnen, wird radikal geschrien.
Offensive am Gartenzaun
"Krieg" nennen es die Parteien unabhängig voneinander, nur der Verteidigungsminister würde das vermutlich anders sehen, und eigentlich müsste sich auch längst Krisenreporterin Antonia Rados gemeldet haben. Kann aber natürlich sein, dass die für den Kreis Mayen-Koblenz so kurzfristig kein Visum bekommen hat. Also schickt RTL Ersatz: Ernst-Andreas Kolb, den Mann mit der Lizenz zum Schlichten, von Beruf Rechtsanwalt und Mediator.
"Nachbarschaftsstreit - Kolb greift ein" heißt die neue Reihe, die der Sender sich im Jahre 10 n. R. Z. (nach Regina Zindler) für seinen Krisenmittwoch ausgedacht hat, weil Schuldnerberater Peter Zwegat und die "Super-Nanny" auch irgendwann mal in Urlaub fahren wollen.
Und diesmal geht es um mehr als nur um einen popeligen Maschendrahtzaun samt Knallerbsenstrauch. Diesmal geht es um: "Kreissäge", "Hundegebell", "Kindergeschrei", "Beleidigungen", "Partylärm", "Wut" und "Diskussionen" - man kommt kaum hinterher beim Mitzählen der vielen Vergehen, die RTL für den Vorspann in eine aus der Vogelperspektive gefilmte Wohnsiedlung eingezeichnet hat, wie man das aus den Nachrichten nach schlimmen Bombenattentaten kennt.
Dass sich die Dramatisierung anschließend in Grenzen hält, ist erstaunlich, liegt aber womöglich daran, dass die aufgestöberten Streitfälle bereits eine ausreichende Grundabsurdität besitzen. Da lohnt es sich kaum, noch was dazuzuerfinden.
Krieg, im Ernst
Auffällig am RTL-Gartenzaunprotokoll ist hingegen, mit welcher Ernsthaftigkeit es präsentiert wird - als sei es völlig normal, dass sich erwachsene Menschen fast an die Gurgel gehen, weil sie sich so sehr in den Hass aufeinander hineingesteigert haben.
Frau Weißmann hat geweint, als sie die beschnittenen Tannen zum ersten Mal sah. Und Frau Faulhaber ist es leid, sich von den besserwisserischen Nachbarn wie "Menschen zweiter Klasse" behandeln zu lassen, bloß weil sie und ihr Lebensgefährte Geld vom Amt kriegen. Bürgerliches Establishment gegen Hartz-IV-Idylle - klar, dass das Privatfernsehen da Witterung aufnimmt.
Mit ausgeschaltetem Verstand könnte man glatt auf die Idee kommen, die Andernacher Privatfehde besitze eine ähnliche Tragweite wie der Nahostkonflikt. Zumindest unternimmt RTL nichts, um diesem Eindruck entgegenzuwirken.
Auch nicht die kleinste ironische Bemerkung hat sich in den Kommentar des Off-Erzählers geschlichen. Bloß einmal, als Frau Weißmann auf ihrem Balkon erzählt, wie sehr sie sich statt Lärm von drüben "vor allem Ruhe" wünsche, zoomt die Kamera auf den Güterzug, der in diesem Moment über die ans Ende des Gartens grenzenden Schienen rattert ohne von der 55-Jährigen wahrgenommen zu werden. Kann aber natürlich auch Zufall gewesen sein.
Immerhin, Mediator Kolb darf sich ein bisschen Witz erlauben: Ob die beschnittenen Bäume noch zu retten seien, wisse er auch nicht, sagt er dem Ehepaar Weißmann bei seinem Hausbesuch: "Ich bin kein Baum."
Am Ende aber macht er alles gut, hat Sachverständige bestellt und die Streithähne an den runden Tisch gebracht, um endlich Frieden zu schaffen und Deutschland die Debatte über einen Einsatz der Bundeswehr im Innern zu ersparen. Nicht mal vor Gericht ist der Streit gegangen; die Weißmanns und die Faulhaber-Ceras schütteln sich sogar die Hand, weil Kolbs "Einsatz" natürlich "ein voller Erfolg" war. Da kann sich auch Barack Obama noch was abgucken.
Und wenn das nicht lange hält: umso besser. Das RTL-Kamerateam kommt bestimmt gerne wieder, um die nächste Eskalationsstufe für die Nachwelt zu dokumentieren. Nicht dass einer auf die Idee kommt, immer nur die Leute im Ausland hätten Probleme.
Auf anderen Social Networks posten:
So weit hergeholt sind diese Dramen doch gar nicht: Ich habe einen Nachbarn - liebevoll Blockwart genannt - der die Mülltonnen täglich mehrmals exakt justiert (http://www.myvideo.de/watch/369254/Tonnenballett) und andere [...] mehr...
.... Jede Thematisierung ist sinnvoll, auch und gerade die der immer mehr ausufernden und ätzender werdenden Nachbarschaftskonflikte. Nur werden sie hier zur Belustigung eines breiten Publikums dargeboten, daß die [...] mehr...
Was hat denn der zitierte Beitrag mit trollen zu tun? Genaugenommen ist er näher am Thema als Ihrer, denn es geht um die Sendung und nicht um Klaviervirtuosen, die gerne ohne Fernsehen leben. Was ich auch wahnsinnig störend [...] mehr...
Was macht eigentlich Regina Zindler, gibt's die noch? Die könnte man doch bestimmt auch noch irgendwo in diese Sendung einbauen... mehr...
LOL - Wie kommst du darauf, dass K11 und der FauLenzen-und-Partner-Kram gestellt ist! Hallo?! ;-) Allein die Kamerateams, die sich immer wieder selbstlos in gefährliche Situationen bringen, aber immer noch soviel Respekt vor der [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH