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18.09.2009
 

Jugendgewalt-Debatte bei Illner

Eine Favela namens Deutschland

Von Christoph Twickel

Lust am Lamento: Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner Zur Großansicht
DPA

Lust am Lamento: Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner

Um Zivilcourage sollte es gehen bei Maybrit Illners Runde nach der tödlichen Attacke auf einem Münchener S-Bahnhof. Nach 20 Minuten war die gute Absicht vergessen. Danach drehte sich alles um Angstmache, Alarmismus und Forderungen nach mehr Knast, mehr Fußfesseln, mehr Polizei.

Der Talk zum Thema "Tödlicher Mut in der S-Bahn" war ein rechter Rentnerschreck. Wer seinen Schaukelstuhl längere Zeit nicht verlassen hat, musste den Eindruck gewinnen, in deutschen Ballungsgebieten herrschten inzwischen Verhältnisse wie in brasilianischen Favelas.

Die Täter träten immer in Gruppen auf, seien mit Quarzhandschuhen und Messer bewaffnet und obendrein maskiert, erklärte die Neuköllner Jugendrichterin Kirsten Heisig und sprach von Stadtgebieten, in die sich Polizei und Sozialarbeiter "nicht mehr ohne weiteres hintrauen".

Nein, juristische Nüchternheit ist nicht die Stärke der mediengestählten Justizbeamtin, deren Zitate zur Kriminalität migrantischer Jugendlicher sich großer Beliebtheit in rechtsradikalen Blogs erfreuen. "Die Brutalisierung bei der Kriminalitätsbegehung steigt! Da können mir die Kriminologen erzählen, was sie wollen", rief Richterin Heisig aus.

"Überall sonst hat der Krawattenträger das Sagen"

"Sie sind doch vom Fach", sagte Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit". "Woran liegt es, dass einige ihrer Kollegen so große Schwierigkeiten haben, eine empfindliche Strafe schnell auszusprechen?"

Dabei sollte es doch anlässlich der tödlichen Prügelattacke von München um etwas anderes gehen: Um Zivilcourage, jene Tugend, die den 50-jährigen Dominik B. das Leben kostete, als er zwei Jugendliche daran hindern wollte, einer Gruppe von Kindern Geld abzupressen. "Wird unsere Jugend immer schlimmer, unser Alltag immer gewalttätiger?", so moderierte Maybrit Illner ihren Talk an. "Das könnte man fragen, wollen wir aber nicht, weil solches Lamento nichts bringt."

Doch ach: Nach 20 Minuten war die gute Absicht vergessen, die Lust am Lob der Zivilcourage erloschen und die Expertenrunde mittendrin im Sumpf des allgegenwärtigen jugendlichen Intensivtätertums. Das Format des Brennpunkt-Talks verführt dazu: Unter dem Eindruck einer schrecklichen Tat neigen solche Zirkel dazu, die Alles-wird-immer-schlimmer-Stimmung zu befeuern.

Von der "elektronischen Fußfessel" bis zum Bootcamp und geschlossenen Heimen für nicht strafmündige Jugendliche: Dass "diese Leute nicht frei umherlaufen" dürfen, wie Polizeigewerkschaftschef Konrad Freiberg erklärte, darüber war man sich schnell einig. Erschreckend schnell - denn ob mit "diese Leute" nun verurteilte Straftäter oder Problemkids mit mutmaßlicher Intensivtäterkarriere oder auch bloß "fehlender Gefühlsbremse" gemeint sind, war dann nicht mehr so relevant angesichts des überwältigenden Bedürfnisses, dass die Gesellschaft vor "denen" geschützt gehört.

Kurz: Man wünschte sich einen kritischen Juristen wie Heribert Prantl von der "SZ" in der Runde, der den Beteiligten mal ein paar rechtsstaatliche Prinzipien erläutert hätte. Stattdessen klärte uns der Gefängnisarzt und "Tatort"-Schauspieler Joe Bausch darüber auf, wie diese jugendlichen Schlagdraufs so ticken: "Überall sonst hat der Krawattenträger das Sagen, aber hier, da wo ich bin, bestimme ich." Kriminalpsychologie schnell gemacht.

Maidemonstranten gleich mit verwahren

Ein bisschen schwappte der Talk dann auch noch in den Wahlkampf hinüber, als sich der Grüne Hans-Christian Ströbele und Markus Söder von der CSU zu Wort meldeten. Ob die SPD mit ihrer Weigerung, das Jugendstrafrecht zu verschärfen nicht eine Mitverantwortung für solche Taten trage - mit dem Stichwort brachte Illner den ehemalige CSU-Generalsekretär richtig in Fahrt: "Solche Menschen" müsse man "verwahren und zwar für lange Zeit", erklärte er und mischte gar noch die Maidemonstrationen in Kreuzberg in seine Verwahrungsphantasien.

Ströbele blieb es vorbehalten, darauf hinzuweisen, dass Prävention und Gefängnisstrafen keineswegs ein und dasselbe sind. "Sie tun so", warf er di Lorenzo vor, "als kämen die dann alle geläutert raus. Alle Erfahrung zeigt aber, dass Leute, die im Gefängnis waren, so was besonders häufig auch wieder tun."

Am Ende war man sich dann einig, dass mehr Polizei in Deutschlands Straßen und U-Bahnhöfen patrouillieren muss. Und zwar nicht im Auto, sondern zu Fuß!

Nur den freundlichen Glatzkopf Dr. Bausch, Mitgründer eines Vereins für die Rechte von Straßenkindern, befiel am Ende noch so etwas wie Unwohlsein über die Idee, die Favela Bundesrepublik einfach mit mehr Ordnungshütern vor ihren jugendlichen Gewalttätern zu schützen. "Man könnte das Geld sinnvoller einsetzen, nicht für mehr Polizei, sondern für mehr Jugendhilfe", so der schauspielernde Gerichtsmediziner. "Das ist auch Respekt vor den Opfern."

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insgesamt 77 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
19.09.2009 von prophiler: keine Zivilcourage für mich

weil ich nicht schwer verletz oder getötet werden will, dazu hat der Steuerzahler schon zuviel Geld in meine Ausbildung investiert. Ein möglicher Grund fehlender Zivilcourage könnte das Fehlen eines "normalen" [...] mehr...

19.09.2009 von TKl: Notwehr

Er hätte sich unter Abwägung aller Umstände auch einfach nur zusammenschlagen lassen können, um dann entweder im Krankenhaus oder gar nicht mehr aufzuwachen. Die Gefängnisstrafe wäre ihm damit erspart geblieben. Nicht vergessen [...] mehr...

19.09.2009 von shopgirl1: x

*Die Polizei *darf laut § 20 POG eine Wohnung ohne Einwilligung des Inhabers betreten und durchsuchen, wenn Sie der Auffassung ist , dass das zur Abwehr einer gegenwärtigen Gefahr für Leib, Leben oder Freiheit [...] mehr...

19.09.2009 von Born to Boogie: Darf's etwas mehr sein ?

Nachdem nun klar ist, dass man gegen jugendliche Gewalttaeter nicht ankommt und sogar sein eigenes Leben riskiert, wenn man sich mit ihnen zu nahe kommt, haette die Attacke in Muenchen vermieden werden koennen, wenn der Mann die [...] mehr...

19.09.2009 von leonardK: Witzig

Sie sind ja lustig. Er hätte ihn nicht in den Hals stechen müSsen.wenn man kein Kind mehr ist, weiß man, dass man dadurch lebensgefährlich verletzen kann und nimmt dies, beim ausführen des Stiches in den Hals, billigend in Kauf. [...] mehr...

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