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18.09.2009
 

Harald-Schmidt-Premiere

Wickie trifft den Antichristen

Von Reinhard Mohr

Harald Schmidt: Zurück auf der Late-Night-Bühne
Fotos
ARD

Der Antichrist macht's mit Wickie, Westerwelle heilt Rollstuhlfahrer, und ein Moderator darf ins Mausoleum: Die neue "Harald Schmidt Show" ist die alte. Und das ist glänzend: Deutschlands Chefironiker ist ohne Pocher wieder scharf, cool und auf der Höhe seiner Zeit.

Timing ist alles. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", sagte Michail Gorbatschow im Herbst 1989, als von der DDR nur noch Erich Honeckers Hut zu sehen war. "Make Capitalism History" lautet das Motto eines Kongresses in Berlin Anfang Oktober - und auch hier steht zu befürchten, dass der Weckruf ein bissl spät kommt, historisch-materialistisch gesehen.

Harald Schmidt aber macht es richtig: Am späten Donnerstagabend, zehn Tage vor der Bundestagswahl, kehrt er zurück auf die Late-Night-Bühne. Und von Beginn an offenbarte sich das heimliche Motto seines fernsehsatirischen Neustarts: "Make Pocher History! Forget Sandy Meyer-Wölden!" Nun soll es wieder kritisch, scharf politisch und kulturell auf höchstem Niveau zur Sache gehen.

Und tatsächlich: Schmidt ging sofort ans Werk. Anders als alle anderen Beobachter widersprach der Altmeister aus Nürtingen der populären These, der Wahlkampf sei langweilig. Im Gegenteil: Es handele sich um eine Angelegenheit für ästhetische Spezialisten. Beispiel "Wahlduell" vom vergangenen Sonntag: "Es hat uns gefreut, mal den Ehemann von Frau Merkel kennenzulernen." Oder beim Dreikampf Trittin-Westerwelle- Lafontaine: "Das waren the Good, the Bad and the Ugly."

Guido macht mobil

Zum Beweis, dass der Wahlkampf sehr wohl inhaltlich geführt werde, präsentierte Schmidt einen rasanten Zusammenschnitt von Zahlen, die die Spitzenkandidaten der drei kleineren Parteien jeweils lautstark in den Raum gestellt hatten - ein wahrhaft komischer Moment. Sigmar Gabriel als strahlender Hoffnungsträger der womöglich bald endgelagerten SPD, Dieter Althaus als weißes Gespenst im Thüringer Landtag, die Verfremdung des Merkel-Wahlspots zum Werbefilm für die Fortsetzung der Großen Koalition und ein jesusmäßiger Westerwelle-Auftritt, bei dem ein vermeintlicher Rollstuhlfahrer plötzlich aufsteht und sagt: "Ich kann wieder gehen!"

Ein Sidekick assistierte ihm nicht, er musste ganz allein dem selbsternannten Friedensfürsten und Afghanistan-Experten Jürgen Todenhöfer eins auf den ideologischen Turban geben. Der hatte bei "Hart aber fair" allen Ernstes die These formuliert, den Mauerfall vor 20 Jahren hätten wir den Afghanen zu verdanken, die kurz zuvor die sowjetischen Truppen vertrieben hatten.

Konsequent weitergedacht im Sinne von Charlotte Roche, Roger Willemsen, Sarah Kuttner und Richard David Precht, den Unterzeichnern eines "Raus aus Afghanistan"-Aufrufs in der Wochenzeitung "Freitag": Beim nächsten Triumph der Taliban muss die Grenze zwischen Nord- und Südkorea fallen, und vielleicht klappt's dann ja auch mit der endgültigen Befriedung Irans unter seinem gütigen Präsidenten Ahmadinedschad.

Auf die miese Latour

Beim Todenhöfer-Bashing bewährte sich wieder einmal (und leider noch zu selten) der kathartische Effekt der schmidtschen Weltbetrachtung. Der beste Moment allerdings war eine Parodie auf Peter Scholl-Latour, den weitgereisten Weltennuschler, Islam-Experten und Vietnam-Kriegsveteranen, der in diesem Fall "Lothar" hieß.

Katrin Bauerfeind, neben Ralf Kabelka ("Dr. Brömme") und Dr. Peter Richter ("FAZ") Mitglied des neuen Schmidt-Teams, interviewte den angeblichen Bruder des berühmten Weltenbummlers, der in Fidel-Castro-Montur erschienen war, auf dem Bonner Petersberg. Man verstand zwar fast nichts, begriff aber alles.

Nach der Aufdeckung eines klaren Falls von Schweinegrippen-Journalismus (recht eigentlich: Schweinejournalismus) bei ProSiebenSat.1 strebte Schmidt reloaded auf den feuilletonistischen Höhepunkt zu, dessen Genuss jedoch nur einer auserwählten Schar von Cineasten, kulturwissenschaftlichen Kennern und leidenschaftlichen Zeitungslesern vorbehalten war.

Im blitzschnellen Dialog mit Katrin Bauerfeind entstand eine ironische Travestie der gängigen, beflissen fortschrittlichen Filmkritik, an deren Ende ein gesamtideeller Regisseur namens Lars "Bully" von Trier den verstörenden und alle Grenzen des Gewohnten überschreitenden Film "Wickie und der Antichrist" der Welt zum Staunen gab. Ein wahres Kinowunder: "Das bringt frischen Wind in die ganze Familie."

Dann kam der harte Schnitt zur Realität: Wolfgang Grupp, Chef von Trigema, "die nackte Kanone des deutschen Unternehmertums". Er war der erste Wunschgast von Schmidt, und er gab dem Chauvi-Affen Zucker. Zum Schluss bot er Harald Schmidt noch einen schönen Platz in seinem schlichten, pflegeleichten Familiengrab an, das örtliche Neider als gigantisches Mausoleum verunglimpfen.

Bevor es so weit ist, rufen wir Schmidt zu: Es war ein Anfang. Machen Sie weiter. Mach Sie's besser. Denn wir wissen ja: Wir haben die Kraft.

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insgesamt 71 Beiträge zum Forum...
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28.09.2009 von mdp: bitte nochmal zurückspulen...

Bitte: habe ich wirklich Herrn Schmidt zusehen können, wie er einer blonden Frau etwas unbeschreibliches aus dem Bauchnabel leckte? Dann doch lieber wieder den Satire-GAU auf zwei Beinen wieder in die Anstalt zurückholen und [...] mehr...

26.09.2009 von aqualung: .

Ja, ich revidiere hiermit meine Posts #34 und #57 insoweit, dass an der zweiten Sendung zu merken war: er will wieder. Und die Zeichen stehen nicht so schlecht, dass er nicht wieder zu alter Form auflaufen könnte. Der [...] mehr...

25.09.2009 von Cleanthinking: Lustig

Also, ich fand die Premiere und auch die gestrige Sendung richtig gut - das ist der alte, schnelle, dreckige Harald Schmidt, den wir jahrelang geliebt haben! herrlich das Interview mit Angela Merkel gestern ;-) mehr...

25.09.2009 von nicolai-bruno: Buchverfilmungen

Eine Anregung, der ich in dieser Form voll beipflichten kann. Es ist ja mit Buchverfilmungen immer so eine Sache. Aber wie ich finde, bei Harald Schmidt keineswegs so krass wie z.B. bei Süsskinds "Parfüm". mehr...

25.09.2009 von buethowen: Ich will den Autoren-Harry

Ich muss sagen, dass ich die Sendung zwar im klaren überdurchschnittlichen Bereich im Bezug auf die restliche Comedy-Landschaft des deutschen Fernsehens gesehen habe. Ich aber dennoch finde, dass wirklich guter Humor etwas anderes [...] mehr...

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