Von Peer Schader
Thomas Gottschalk fügte sich ganz in seine neue Rolle: Er gab so beharrlich den Dampfplauderer, dass seiner neuen Co-Moderatorin Michelle Hunziker sicher das ein oder andere Mal der Schweiß auf der Stirn stand. Geschlagene 65 Minuten musste sie gemeinsam mit dem Publikum ausharren, bis endlich die zweite Wette dran war. Vorher verständigte sich Gottschalk mit dem Wirtschaftsminister erst einmal aufs Du, weil er bei dessen Großvater früher immer auf dem Schloss spielen durfte. Karl-Theodor zu Guttenberg nutzte die Einladung, einem größeren Publikum bekanntzugeben, dass er seine Frau auf der Loveparade kennengelernt habe und um einen applausträchtigen Vernunftsatz nach dem nächsten rauszuhauen, von denen man jeden einzelnen als Sinnspruch auf ein Geschirrhandtuch sticken könnte. "Klartext schadet nicht in unserer politischen Gesellschaft". "Ich glaube, man sollte authentisch bleiben, aber sich auch mal Humor leisten."
Bully Herbig war auch schon wieder da, genau wie in der Oktober-Show des vergangenen Jahres. Was wohl als Kampfansage an Iris Berben, Otto Waalkes, Götz George und die anderen Stars gewertet werden muss, die bisher die meisten "Wetten, dass..?"-Auftritte vorzuweisen haben. Whitney Houston und Tokio Hotel verschwanden nach ein paar belanglosen Worten auf dem Sofa wieder. Ohne Wette. Es wurde also geplaudert, diskutiert und herumgealbert, und wenn mittendrin ein schwerer Eichenholztisch ins Studio gehoben worden wäre, hinter den sich Thomas Gottschalk mit seinen Gästen gesetzt hätte, wäre die Befürchtung endgültig wahr geworden: "Wetten, dass..?" ist jetzt eine Talkshow - wenn auch eine, in die sich zufällig ein paar kuriose Experimente hinein verirrt haben.
Ganz auf seine prominenten Gesprächspartner solle sich Gottschalk ab sofort konzentrieren können, teilte das ZDF vor zwei Wochen der Öffentlichkeit mit, und gab bekannt, die Schweizerin Michelle Hunziker als Co-Moderatorin engagiert zu haben, die künftig die Wetten erklären soll, damit Gottschalk spontan darauf reagieren könne.
Zur Premiere zog Gottschalk aber erst einmal spontan seinen Redeteil in die Länge. Dann, endlich: Ein Schweizer, der auf einem alten Militärfahrrad schneller ins Ziel fahren wollte als Radfahrer Jens Voigt mit seinem modernen Profirad - was gelang und nachher für den Wettkönig-Titel reichte.
Aber so richtig half auch das nicht. Irgendwie fehlte bei dem vielen Geplapper diesmal das Tempo, obwohl bereits kurz nach Beginn der Show riesige Saurierpuppen aus der Dino-Kirmes "Dinosaurier - im Reich der Giganten" ins Studio gestürmt waren.
Dem Mann, der 100 volle Wasserflaschen in zwei Minuten umpustete, sei zu seinem Lungenvolumen gratuliert, und dem Gummistiefel-Schnüffler, der Frauen an ihrem Schuhgeruch erkennen konnte, zur Schweißfestigkeit seines Riechorgans. Aber spektakulär geht anders.
Hunziker war fleißig - aber langweilig
Immerhin hat Michelle Hunziker ihre neue Aufgabe ganz gut gemacht, auch wenn ihre Position in der Show ziemlich überflüssig scheint. Artig angezogen, damit Papa zuhause auf dem Sofa nicht verwirrt wegen eines tiefen Dekolletés vom Sofa kippt, war ihr die Fleißarbeit anzumerken, die sie beim Auswendiglernen der Wetten geleistet haben muss. Hunziker wusste, dass das Rad von Jens Voigt nur sieben Kilo wiegt und "Baujahr 09" ist. Bei der Außenwette, für die ein Isländer mit einem Offroad-Fahrzeug über einen Baggersee fahren wollte, erklärte Hunziker: "1,5 Tonnen wiegt das! Das weiß ich von den Proben" Wie stark? "1000 PS!" Und: "Der See ist 90 Meter tief!"
Ja, hui, das sind sicher Informationen, die so eine "Wetten dass..?"-Ausgabe für den Nachrichtenmann Jörg Schönenborn noch spannender machen. Dem Normalzuschauer ist das alles sicher herzlich egal.
Nachher dauerte der Weg vom Baggersee zurück ins Studio so lange, dass sich Gottschalk die letzte Wette ohne Unterstützung seiner neuen Co-Moderatorin selbst erfragen musste - was natürlich auch kein Problem war. Fast tut's einem für Hunziker ein bisschen leid, weil sie sich so reingehängt hat. Auch wenn sie am Platze stand, stellten die Kandidaten ihre Wetten ausnahmslos selbst vor. Einmal schaute die Blondine Gottschalk ganz enttäuscht an: "Ich hab gehört, du hast schon alles erklärt bekommen?" Es kann aber natürlich sein, dass man beim ZDF darauf besteht, ab sofort immer jemanden in der Show zu haben, der die Anekdoten aus den Vorgesprächen mit den Kandidaten nacherzählt. Und "Ooooooch" sagt, wenn mal eine Wette schief geht, "Wir trösten ihn jetzt" und "Das war aber superspannend".
Was soll's, vielleicht groovt sich das Moderatorenpaar noch ein. Womöglich reicht es beim nächsten Mal auch für eine spannendere Abschlusswette, die nun immer zwischen Gottschalk und Hunziker ausgetragen wird - wenn auch mit Stellvertretern, die diesmal halb ausgetrunkene Dosen schräg auf den Rand stellen mussten. Weil Hunzikers Kandidatin verlor, ließ sie sich nachher von einer Wilhelm-Tell-Kopie eine Dose vom Kopf schießen.
Wenn's nix wird, springt hoffentlich "Wickie"-Darsteller Jonas Hämmerle mal für sie ein. Der elfjährige Hauptdarsteller in Herbigs neuestem Film zeigte sich bei seinem Auftritt richtig schön frech, schlau und witzig - und musste leider irgendwann ins Bett, sonst hätte sich Oliver Pocher noch was bei ihm abschauen können, als er gegen Ende der Sendung mit einem kurzen Stand-up-Programm auftrat und dafür allenfalls verhaltenen Applaus aus dem Publikum bekam.
Es war vielleicht kein denkwürdiger, aber doch ein gelungener "Wetten dass..?"-Auftakt nach der Sommerpause. Und wenn beim nächsten Mal wieder etwas mehr Tempo drin ist, hat sicher niemand was dagegen.
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