Von Christian Buß
"Urlaub in Deutschland ist schwer im Kommen." So lautet der beste Satz dieses extrem schauwertträchtigen Katastrophenzweiteilers, in dem nicht nur die schöne Vulkaneifel, sondern gleich der ganze Westen des Landes unter Lava und Asche begraben wird. Gesprochen wird er gleich zu Anfang von einem Bankdirektor, als er einen faulen Kredit zu rechtfertigen versucht. "Das muss man sportlich sehen", sagt er noch. "Wir müssen jetzt größer denken."
Das Großdenken gibt der Kleinstadtbanker auch in der Apokalypse nicht auf. Lorchheim am Laacher See steht nach einem Vulkanausbruch bereits in Brand, doch ausgerechnet am Anwesen des Kredithais sind die Magmabrocken vorbeigeflogen. "Dabei habe ich doch extra eine Versicherung gegen Naturkatastrophen abgeschlossen", stöhnt er. Also zündet er sein Eigenheim selbst an und zieht sich mit einer Aktentasche unterschlagenen Geldes in eine Höhle zurück, wo die anderen Überlebenden aus Lorchheim im vorzivilisatorischen Dämmerzustand aufs nahe Ende warten. Deutschland als Zombie-Nation.
Sicher, der RTL-Zweiteiler "Vulkan" besitzt alle Zutaten eines Katastrophen-Eventmovies: die unvermeidliche Dreiecksgeschichte, den plumpen Cliffhanger zwischen Teil eins und zwei und den unvermeidlichen Matthias Koeberlin als Retter in der Not. Der bereits bei ProSieben ausgiebig mit eher unwahrscheinlichen Wetter- und Umweltphänomenen konfrontierte Schauspieler ("Tornado", "Das Jesus Video") gibt hier den Kleinstadtfeuerwehrmann, dessen Stelle wegrationalisiert wurde, der aber auch als Bürger ohne Uniform sein Bestes gibt, um die Nachbarn in Sicherheit zu bringen.
Emmerich trifft auf Romero
Doch eine halbe Stunde lang, und dafür gebührt Regisseur Uwe Janson ("Eine Liebe in Saigon") Respekt, löst sich das Katastrophenszenario komplett aus seiner Formelhaftigkeit. Am Anfang des zweiten Teils, als die Erde ihr Feuer ausgespuckt hat, rieselt für lange, lange Sendeminuten die Vulkanasche auf die fast komplett verdunkelte Eifellandschaft.
Im undurchdringlichen Grau begleicht dann so mancher offene Rechnungen, statt Solidarität herrscht das Recht des Stärkeren. Taub und untot taumeln die Menschen aneinander vorbei. Derweil werden im gar nicht so fernen Frankfurt die Finanztürme von schwarzen Wolken umschlossen. Und weil die computergenerierten Tricks dieser Neun-Millionen-Euro-Produktion durchaus beachtlich sind, fühlt man sich beim apokalyptischen Fall-Out über der Bankenmetropole ans ebenso apokalyptisch zugeschneite New York des Öko-Schockers "The Day After Tomorrow" erinnert.
In seinen besten Momenten sieht "Vulkan" so aus, als habe Roland Emmerich, der Logistiker der Zerstörung, gemeinsam mit dem Horror-Propheten George A. Romero ("Die Nacht der lebenden Toten") gedreht: Das nicht vollkommen an den Haaren herbeigezogene Naturkatastrophenszenario - jüngste Forschungen legen nahe, dass die Aktivitäten unter der Eifel tatsächlich zum Vulkanausbruch führen könnten - wendet sich für 30 Minuten zur Schauermär einer ethisch und ökonomisch völlig aus den Fugen geratenen Gesellschaft. Gierige Banker, Rationalisierungswahn und Investitionsschaumschlägerei, hier werden sie zur Horror-Parabel verdichtet. Ein deutsches Eventmovie als Zombie-Parade, das ist wirklich ein Ereignis.
Schauspielattrappen zum Grausen
Doch leider ist "Vulkan" (Buch: Alexander Rümelin) nicht eine halbe, sondern drei Stunden lang. Und um den bedrohlich brodelnden Kern der Story herum gibt es doch nur lauwarm plätschernden deutschen Fernsehstandard. So erinnert der Verlauf der Geschichte zuweilen an "Die Sturmflut", den letzten großen Katastrophenzweiteiler, den die Eventfilmschmiede teamWorx für RTL produziert hat. Das Liebesgeplänkel am Anfang und die Auffanglagerwiedersehensfreude am Ende, die Pettingzoten und Partyimpressionen fürs werberelevante junge Zielgruppenpublikum, die Ignoranz der Behörden insgesamt und das beherzte Eingreifen einzelner Politiker - das alles entspricht den hierzulande beim Elbhochwasser-Abenteuer eingeführten Desaster-Movie-Must-Haves.
Für Schauspielfeinheiten blieb da beim großen Magma- und Lava-Slalom kein Platz. Problematisch wird das, wann immer es zur Großaufnahme aufs Gesicht geht. Das ist nicht von Vorteil bei den hier versammelten Schauspielattrappen. Wie Ursula Karven im Notlazarett einem Sterbenskranken Mut zuspricht, wie Jenny Elvers-Elbertzhagen als Managerzicke beim Ascheregen überm Büroturm innere Einkehr hält und wie zu allem Überfluss die Schlagersängerin Yvonne Catterfeld als junge Vulkanologin vor blinkendem Computerbildschirm Poesie und Fachsprache verbindet ("Das Gefährlichste ist die Stille, dann atmet der Vulkan durch!") - das ist wahrlich zum Grausen.
Oder gehörte das zum Besetzungskonzept? Eine gewisse Logik besäße es ja schon: Deutschland als Nation von Zombies, dargestellt von den Fernsehzombies der Nation.
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