Mittwoch, 10. Februar 2010

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08.11.2009
 

Wetten, dass..?

König des halbnackten Nichts

Von Stefan Kuzmany

Eiertrennen mit Essstäbchen, Popo-Vergleich mit Sprühpistole und Basketball mit Baggerschaufel - diese Ausgabe von "Wetten, dass..?" hat bewiesen: Genial ist Thomas Gottschalk genau dann, wenn seine Spielchen völlig gaga sind. Der Mann hat selbst eine Wette zu gewinnen. Gegen sich und den Rest der Welt.


Hamburg - Es ist ja Krise, immer noch, und da hat sich der Thomas Gottschalk gedacht: an diesem Abend nicht. An diesem Samstagabend gönnen wir uns mal eine Verschnaufpause, weil: "Opel-Krise, Medien-Krise, jeder hat seine persönliche Beziehungskrise", da muss man doch auch mal abschalten und das alles vergessen dürfen. Hat sich der Gottschalk gedacht.

Obwohl, so genau kann man das auch nicht wissen, denn gesagt hat er es zwar, aber ob sich der Gottschalk das auch tatsächlich gedacht hat oder nur zurecht gelegt als Eröffnung dieser 184. Ausgabe von "Wetten, dass..?", um sofort dieses Wir-Gefühl herzustellen - das weiß man nicht. Vielleicht war es ehrlich gemeint. Vielleicht war es aber auch nur aufgesetzt, ein Satz für das Publikum, damit alle gleich wissen: Der Gottschalk ist einer von uns, immer noch.

Denn Thomas Gottschalk hat eine Wette laufen, gegen sich selbst und den Rest der Welt. Nicht nur an diesem Abend, seit einigen Jahren schon, und sie geht so: Ich, Thomas Gottschalk, wette, dass ich es schaffe, mein 9,85-Millionen-Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht nur zu unterhalten, sondern so zu unterhalten, dass diese Millionen hinterher sagen: Der Gottschalk kann es noch, er ist einer von uns geblieben, er wohnt zwar schon lange nicht mehr hier, aber er weiß, was uns beschäftigt und gefällt, worüber wir lachen und was uns rührt.

Gewinnt Gottschalk, kann er weitermachen. Verliert Gottschalk, hört er auf. Das Schöne an dieser Wette: Sie kennt letztlich nur Sieger. Das Spannende: Es wird nicht leichter für Gottschalk. Es wird immer schwerer, von Sendung zu Sendung.

L.A., Michael Jackson, Dreharbeiten - weniger Wir geht gar nicht

Zum Beispiel jetzt, kurz nach Beginn, nach dem schönen Eröffnungszug mit dem Wir-Gefühl, ist schon fast wieder alles dahin, denn weniger Wir geht gar nicht. Schon die Tatsache, dass Gottschalk eine Frau wie Michelle Hunziker an seiner Seite haben darf, entfernt ihn weit, weit vom Publikum. Und als die beiden auch noch anfangen, sich zu unterhalten, schaffen sie es, mit wenigen Sätzen die größtmögliche Distanz zur Realität ihrer Zuschauer aufzubauen. Man habe sich ja getroffen in L.A., sagt Hunziker, "weil Du da wohnst und ich hatte Dreharbeiten. Und dann hast Du mich zur Premiere von 'This is it' eingeladen", das war sooo schön. Mag ja sein, dass das für diese beiden völlig normal ist, Los Angeles, Michael Jackson, Dreharbeiten, aber Gottschalk und Hunziker wie wir? Schon klar.

Nächste Schwierigkeit: Gottschalk ist so schnell durch nichts mehr zu überraschen. Das ist natürlich blöd, wenn einer stets aufs neue Begeisterung vermitteln soll, und deshalb ist man jüngst dazu übergegangen, ihm die Wetten vorher nicht mehr zu verraten. Damit er nicht mehr nur so tun muss, als sei er erstaunt über die unglaublichen oder auch nur unglaublich blöden Leistungen seiner Kandidaten. Er darf jetzt wieder wirklich spontan sein.

Jetzt mag es möglicherweise für einen normalen Menschen überraschend sein, wenn er, sagen wir, einem begegnet, der ganze Sätze von einer mit drei Metern pro Sekunde rotierenden Trommel ablesen kann. Aber Thomas Gottschalk hatte sie ja schon alle: Rückwärtshörer, Schnellleser, Telefonbuchauswendiglerner, alles schon da gewesen. Routiniert lässt Gottschalk also den Kandidaten Oliver Gugenberger von der rotierenden Trommel ablesen und wirkt nicht richtig bei der Sache. Möglicherweise ist er spontan überrascht, aber man kann das bei Gottschalk nicht mehr so genau sagen, denn die Spontaneität hat sich über die Jahrzehnte in sein Gesicht eingegraben und sitzt nun dort fest. Er schaut wahrscheinlich auch dann spontan überrascht und interessiert, wenn ihm alles wurst ist, Promis, Wetten, egal.

"Ich kann überhaupt nichts"

Wenn er dann zum Beispiel sagt: "Und jetzt gibt es wieder was Besonderes bei Wetten dass", dann ist es ihm vermutlich einerlei, dass da jetzt gleich Robbie Williams kommt. Oder wenn er später zu dem Violinisten David Garret in Sachen Wetteinsatz sagt: "Wenn Du verlierst, dann hoffen wir natürlich auch, etwas Geigentechnisches von Dir zu hören" - dann weiß man nicht, was eher falsch ist: die Form oder der Inhalt dieses Satzes.

Gottschalks Wurstigkeit wird umso deutlicher, wenn er sich in Gesellschaft von noch nicht ganz so abgezockten Fernseherscheinungen befindet, zum Beispiel der RTL-Formel-1-Moderatorin Nazan Eckes ("Ich kann überhaupt nichts"). Bei ihr weiß man nicht, ob sie so weit von Gottschalk abrückt, weil sie die berechtigte Sorge hat, er könne ihr sonst mit der Hand das Knie tätscheln - oder um näher bei Formel-1-Vizeweltmeister Sebastian Vettel zu sitzen, damit sie ihm leichter das Knie tätscheln kann. Wobei Vettel offenbar nicht so genau weiß, wie er darauf reagieren soll, und seinerseits auf dem Sofa herumrutscht.

Aber das sind Nebenschauplätze. Denn hier läuft Gottschalks große Wette, und noch sieht es nicht aus, als würde er sie gewinnen. Zu oft hat er schon gesagt "Die Älteren werden sich erinnern", manchmal auch die hübsche Variation "Die Jüngeren werden sich nicht erinnern", aber das reicht nicht, das ist Opa-erzählt-vom-Krieg, er ist noch nicht angekommen in, wo war er noch, in Braunschweig.

Selbst die wirklich spektakuläre Aktion des Pascal Siffert, der in einer Minute 100 Meter über 15 ihm entgegenkommende Autos sprintet, kann Gottschalk nicht aus der Reserve locken. Was ihm aber nicht vorzuwerfen ist, weil er diese Außenwette nur über den Monitor verfolgen kann - und im Fernsehen hat man natürlich schon viel gesehen.

Stundenlang nichts, und dann solche Kracher

Aber dann. Dann kommt Marlon Burlage, und Marlon Burlage wettet, dass er vier von fünf Frauen an ihrem Po-Abdruck erkennen kann. "Ich wusste, dass Dir diese Wette gefällt", sagt Michelle Hunziker zu Gottschalk, und es stimmt. Gottschalk wird zu Gottschalk, endlich, sein langer Anlauf ist vorbei, jetzt ist er in seinem Element: Schwachsinnige Wette, garniert mit halbnackten Frauen, da ist es wieder, das Gottschalk-Gefühl. Na gut, der Spruch über den 9. November 1989 (als Deko stand da, warum auch immer, ein Stück Mauer) war offensichtlich vorher ausgedacht, aber trotzdem lustig: "Der Mauerfall, das war doch die Stadtwette damals." Dann, angesichts der bemalten Frauenhintern und ihrer Abdrücke, haut Gottschalk einen Spruch nach dem anderen heraus.

Die Popos seien "blau wie ein Beamtenhintern kurz vor der Pensionierung"! Der Po-Abdruck sehe aus "wie ein Daumenabdruck von Reiner Calmund"! Stundenlang nichts, und dann solche Kracher! Hier gehe es ja zu wie bei einem "FKK-Ausflug der Schlümpfe"!

Ja, mit dieser Wette hat die Redaktion Gottschalk eine große Freude gemacht. Und die gibt er gerne weiter an sein Publikum. Jetzt ist er wieder wir.

Den Baggerführer, der mit seinem Bagger Basketbälle in einen Korb werfen kann, den moderiert Gottschalk mit links weg, immer noch im Hochgefühl, inklusive Kinderfotos auf dem T-Shirt des Kandidaten. Gottschalk wirkt entspannt. Jetzt läuft die Sache, und bald ist sie ja auch schon wieder vorbei.

Aber Moment, eine Wette haben wir noch, die nehmen wir noch mit, da kann er noch einen draufsetzen, denn mit der letzten Wette ist er schließlich bei seiner Königsdisziplin angelangt: dem absoluten Nichts.

Popo ist lustig, China ist Essstäbchen

Yao Chunzi aus China wettet, dass sie in drei Minuten 30 Eier mit Essstäbchen in Eigelb und Eiweiß trennen kann. Die Wette: völlig unspektakulär. Die Kandidatin: versteht kein Wort. Bedeutet: Gottschalk kann nochmal richtig aufdrehen, es ist praktisch egal, was er jetzt redet, Hauptsache witzig.

Und was fällt ihm ein? Ein kleiner Essstäbchen-Scherz. Und zur Sicherheit noch einer. Und als die Kandidatin gewonnen hat, soll sie doch mal "alle China-Restaurants" grüßen. Und als die Zuschauer später anrufen sollen, um den Wettkönig zu bestimmen, da warnt Gottschalk: "Jetzt aber nicht im China-Restaurant anrufen!"

Jetzt werden manche sagen: Das war doch nichts, das war nicht lustig, das war sogar ein bisschen fremdenfeindlich, und von den über die gesamte Sendung verstreuten kleinen Frauenfeindlichkeiten haben wir ja noch gar nicht gesprochen. Aber das stimmt alles nicht. Was stimmt, ist: Wettkönig geworden ist zwar der Baggerführer Ralf Rabung, aber der eigentliche Gewinner heißt Thomas Gottschalk.

Er hat seine Wette gewonnen. Er hat es mal wieder allen gezeigt. Nicht verkrampft, sondern mit den ganz einfachen, volksnahen Wahrheiten. Denn merke: Popo ist lustig. Und: China ist Essstäbchen.

Da ist der Thomas Gottschalk wie wir alle.

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