Wenn Deutschland trotz aller Bemühungen der Bundesregierung irgendwann doch einmal untergehen sollte - durch einen gigantischen Atomschlag, eine Riesenwelle infolge der Klimaerwärmung oder eine kombinierte Schweinehühnervogelgrippen-Epidemie - dann werden zwei Namen das nationale Epitaph bilden: Hitler und Hartz IV. Gleich danach aber und weit vor Jürgen Drews, Currywurst und Biotonne wird das Kürzel RAF den stolzen dritten Platz im globalen Andenken einnehmen.
RAF alias Rote Armee Fraktion - das war die deutsche Antwort auf den Mythos Loch Ness; die unzerstörbare Lederjacke von Andreas Baader, "Mensch oder Schwein" und "Sieg oder Tod", Gudrun Ensslin in der Badewanne und Ulrike Meinhof als heilige Johanna der intellektuellen Strandurlauber von Sylt bis Sizilien. Eine Saga vom konsequenten Kampf bis zur Selbstzerstörung. Dostojewskis Dämonen aus dem Geiste deutscher Gründlichkeit.
Jeder neue Film und jedes neue Buch, das die Aufklärung des deutschen Nachkriegsterrorismus noch ein Stückchen weiter treiben will, arbeitet im gleichen Augenblick an seiner weiteren Verklärung. Kaum sonst wo ist die Dialektik der Aufklärung, die in einen neuen (alten) Mythos umschlägt, in rätselhafte Faszination und erlebnisorientierte Legendenbildung, derart mit Händen zu greifen wie in diesem Fall.
RAF-Talk in Stammbesetzung
Lebte Andreas Baader noch, der ein veritables "Arschloch" war, wie nicht nur Daniel Cohn-Bendit bezeugt, er würde seinen zeitlosen Triumph bis zur letzten Sekunde auskosten. So viel Nachruhm hatte sich nicht einmal dieser größenwahnsinnige Macho mit der Schwäche für weiße Luxuscoupés vorstellen können.
Passend zum Totensonntag und am traditionellen Sendeplatz des "Tatort" hatte die ARD den "Baader-Meinhof-Komplex" ins Programm gehoben, die Fernsehversion des gleichnamigen Spielfilms von Uli Edel und Bernd Eichinger nach dem Buch von Stefan Aust, der vor gut einem Jahr in den Kinos lief. Selbstverständlich musste anschließend diskutiert werden. Zum wievielten Mal, das weiß kein Mensch mehr. Aber so will es der Audience Flow. Der Zweiteiler (Montagabend um 20:15 Uhr geht's weiter) soll noch mal ordentlich Quote machen.
Die Stammbesetzung der immerwährenden RAF-Debatte - Ex-Terrorist Peter-Jürgen Boock, Ex-Innenminister Gerhart Baum und Michael Buback, Sohn des 1977 ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback, - war beinahe vollzählig angetreten. Als Special Guests fungierten diesmal Edmund Stoiber und Katja Ebstein, der frühere bayerische Ministerpräsident ("Ich bin sozusagen ein umgedrehter 68er") und die Sängerin, die sich zu den richtigen 68ern zählt.
Gleich zu Beginn wurde noch ein Polizist vernommen, der 1977 bei der Festnahme von Günter Sonnenberg und Verena Becker, beide am Buback-Mord beteiligt, lebensgefährlich verletzt wurde. Sonnenberg hatte ein ganzes Magazin auf den Beamten Wolfgang Seliger abgefeuert, als der schon am Boden lag.
Was war noch gleich das Thema?
Über die Brutalität der schießenden Genossen gibt es dennoch nichts Neues zu berichten: Da stand manch einer der Nazi-Vätergeneration in nichts nach. Das Problem bei Anne Will war nur: Wie war noch mal die Frage? Worum ging es eigentlich? Um eine kollektive Filmrezension?
Da jedenfalls war man sich rasch einig und zu Recht: Fast noch mehr als im Kino wirkt der Film im kleineren Fernsehformat gehetzt und oberflächlich. Knall, peng, bumbum - wie mit einem rasenden Abreißkalender werden die Stationen von der Erschießung Benno Ohnesorgs bis zur Waffenausbildung im jordanischen Palästinensercamp abgehakt - ohne politischen Kontext, ohne Hintergründe und ohne eine auch nur annähernd sorgfältige Personenführung. Wer sich in der Geschichte der RAF nicht auskennt, kriegt nur die volle Dröhnung ab, mehr nicht.
Aber all das stand auch schon vor einem Jahr in den Zeitungen. Dass der Film "ein kommerzielles Produkt" ist, wie Michael Buback meinte, ist ebenso richtig wie Gerhard Baums Kritik, dass er trotz der langen Anfangsszene vom 2. Juni 1967 "keine Einordnung" liefert - doch was soll das jetzt noch?
Man hätte auch damals schon "mehr reden müssen" - das glaubt immerhin Katja Ebstein. Womöglich wäre uns dann einiges erspart geblieben. Doch die 68er seien ja grob-autoritär zurückgewiesen worden von einer unverständigen Gesellschaft.
Die RAF-Genossen schweigen
So schön diese Volksausgabe vom herrschaftsfreien Diskurs auch klingt, sie hat einen kleinen Haken. Reden ist eben doch nicht alles, wie schon die Talkshows zeigen. Peter-Jürgen Boock jedenfalls ist überzeugt, dass die ideologischen Gräben schon zu tief waren, als es richtig losging mit dem bewaffneten Kampf und mit ihm die moralische Relativierung mörderischer Gewalt. "Natürlich darf geschossen werden", hatte Ulrike Meinhof dekretiert, und auch Peter-Jürgen Boock war dabei. Heute bedauert er all das und findet nicht mal mehr eine triftige Erklärung für sein damaliges Verhalten, schon gar keine Entschuldigung.
Das wesentlich schlimmere, ja skandalöse Schweigen aber betrifft andere, all jene RAF-Genossen, die längst wieder in Freiheit sind und bis zu dieser Stunde kein Wort zur Aufklärung beitragen. Denn die Mörder sind unter uns, unerkannt; zum Beispiel jene, die 1991 den ehemaligen Treuhand-Chef Detlev Carsten Rohwedder erschossen und Alfred Herrhausen, damals Vorstandssprecher der Deutschen Bank.
Auch deshalb hat Michael Buback bis heute keine Klarheit, wer seinen Vater erschossen hat. Dass inzwischen einiges auf Verena Becker hindeutet, die seit ein paar Monaten wieder in Untersuchungshaft sitzt, geht vor allem auf seine eigenen Aktivitäten zurück. Nun muss er die Entscheidung des neuen Bundesinnenministers Thomas de Maizière (CDU) über die Freigabe von Geheimakten des Verfassungsschutzes abwarten.
Bleibt zu hoffen, dass Deutschland doch nicht untergeht und der nächste RAF-Talk frühstens zum 50-jährigen Jubiläum des "Deutschen Herbstes", also nicht vor 2027, stattfindet.
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