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26.11.2009
 

Ernährungs-Talk bei Plasberg

Kochduell mit Miss Kaviar

Von Barbara Hans

Plasberg-Diskutanten (v. l.) Pollmer, Naumann, Mälzer, Jakits, Lauterbach: Inhalt auf Sparflamme
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WDR

Plasberg-Diskutanten (v. l.) Pollmer, Naumann, Mälzer, Jakits, Lauterbach: Inhalt auf Sparflamme

Warum werden Kinder immer dicker? Warum kaufen die Leute lieber teure Autos statt gesunder Lebensmittel? Gute Fragen - doch die Runde bei Frank Plasberg lieferte dazu eine Diskussion auf Sparflamme: Man redete konsequent aneinander vorbei.

Nach einer halben Stunde griff Tim Mälzer endlich durch: "Dass einem solchen Schwachsinn so viel Zeit eingeräumt wird, ärgert mich sehr", herrschte Mälzer die Runde an. "Und das, wo die Nation ein echtes Problem hat."

Das Problem blieb in den 75 Minuten "Hart aber fair" allerdings nebulös, die naheliegenden Fragen ungestellt. Stattdessen durfte Karl Lauterbach, Gesundheitsexperte der SPD, seine Grillkünste mit denen des Deutschen Grillmeisters messen und im Stil einer Außenwette über die perfekte Marinade schwadronieren: "Hier trete ich nicht als Politiker auf, hier trete ich als Kampfgriller auf."

Es sei der "Spaßgang" gewesen, konterte Plasberg auf den Einwand des Kochs Mälzer. Allein: Richtig lustig war die Darbietung nicht. Nur irgendwie unangemessen und ein bisschen peinlich. "Ich finde, dass es gerade etwas albern wird", sagte Mälzer. Und sprach dem Zuschauer aus der Seele.

Die Sendung zum Thema "Sterneküche im TV, Pizza auf dem Schoß: Warum wir Europas Moppel-Könige sind" setzte auf eine vermeintlich explosive Gästemischung, doch Madeleine Jakits, Chefredakteurin der Zeitschrift "Der Feinschmecker", Valerie Naumann, Geschäftsführerin des Bundesverbands Systemgastronomie, Udo Pollmer, äußerst meinungsstarker Buchautor und Lebensmittelchemiker, der asketische Lauterbach und Fernsehkoch Mälzer lieferten die meiste Zeit verbale Trennkost: Sie redeten konsequent aneinander vorbei.

Dazu gab es Allgemeinplätze, die so wenig Aussagekraft besaßen, dass man ihnen nur schwer widersprechen konnte: "Wenn die Menschen wüssten, was eine Gurke ist, bräuchten sie die Dosen nicht", resümierte etwa Jakits.

"Es riecht wie Gülle"

An den Flanken des Rednertresens lieferten sich Lauterbach und Vollmer ein Scharmützel über Salzgehalte und mehrfach ungesättigte Fettsäuren - was blieb, war nicht viel mehr als ein Wust schwer verdaulicher, schwer nachvollziehbarer Thesen zweier Dogmatiker. Allgemeinverständlichkeit? Fehlanzeige. Stattdessen warf man sich Studienergebnisse an den Kopf, debattierte über den wissenschaftlichen Anspruch eigener Untersuchungen und ließ die Menschen vor den Bildschirmen ratlos zurück.

"All die Körnerfresserei bringt nichts", polterte Pollmer in Richtung Lauterbach. "Die Leute sind ungesund und das sieht man ihnen auch an." "Das geht an die Grünen, da sage ich nichts zu", konterte der SPD-Gesundheitsexperte.

Dazwischen saß "Miss Kaviar", wie Tim Mälzer Chefredakteurin Jakits nicht zu Unrecht taufte. Plasberg machte sie später gar zur "Kaviar-Tusse". Die Sorge, wer mit Fastfood aufwachse, verliere den Sinn für Geschmacksvielfalt, brachte Jakits auf den wenig griffigen, aber bezeichnenden Vergleich: "Wer immer nur Shiraz trinkt, schmeckt irgendwann die Zwischentöne beim Pinot Noir nicht mehr."

Mag sein - vielleicht ist es auch schlicht unangemessen, mit einer Feinschmeckerin über die Ernährungsmisere eines Landes debattieren zu wollen. Denn Jakits' Beruf ist der Genuss, nicht die Ernährung. ("Das Wort Ernährung klingt so freudlos.") Zweimal in ihrem Leben habe sie bei McDonald's gegessen, offenbarte die Chefredakteurin. Beide Male habe sie es "furchtbar" gefunden: "Das Essen stinkt, es riecht wie Gülle."

"Das Leben besteht nicht nur aus getrüffelten Lachsbällchen", konterte Naumann, die im Verband Systemgastronomie unter anderem Burger King und McDonald's vertritt. In Jakits' Zeitschrift werde, so meint Naumann, zwar die Leserfrage "Wie bewahre ich eine Kaviardose am besten auf?" beantwortet. Mit dem Alltag der meisten Menschen aber habe das wenig zu tun.

Die Verbandsfrau brachte das Problem auf den Punkt: Wer Fastfood mit Sterneküche vergleichen will, muss scheitern. Gourmet-Tempel sind keine Alternative zu einer McDonald's-Filiale. Wie viele Menschen sind im Alltag in der Bredouille, sich für Big Mac oder Barbarie-Entenbrust entscheiden zu müssen?

"Sauerkraut in der Badewanne"

Naumann und Mälzer waren es, die die Diskussion immer mal wieder zurück zum Thema brachten: Weil es ihnen mehr um die Sache ging als um die Selbstdarstellung. Sie waren es, die die Gründe für die proklamierte Ernährungsmisere zumindest andeuteten.

Mälzer wies auf die Bedeutung von Wissen und Bildung für eine ausgewogene Ernährung hin - auch wenn er das Wort vermied und lieber von "Aufklärung" redete. Naumann sprach über Lebensentwürfe und das Thema Zeit. Darüber, dass Kochen nicht nur exquisites Vergnügen, sondern häufig schlicht Alltagsbewältigung ist: "Als berufstätige Mutter kann ich nicht abends das Sauerkraut in der Badewanne treten."

Beide Aspekte hätten man diskutieren können. Man hätte überlegen können, warum die Deutschen zwar gern und regelmäßig in ihr Auto investieren, aber ungern Geld für Lebensmittel ausgeben. Wie es sein kann, dass immer weniger Menschen kochen können, aber zugleich auch immer mehr Menschen Bioprodukte kaufen. Warum die Mehrheit der Kinder immer dicker wird, aber auch das Problem der Magersucht wächst. Welche Verantwortung den Schulen zukommt und inwieweit Lebensmittelgutscheine für sozial Schwache Fluch oder Segen sein können.

Stattdessen wurden Themenaspekte zusammenhanglos von der Agenda gequatscht, die inhaltliche Kontroverse köchelte auf Sparflamme. Die Diskutanten mutierten zur Jury und mussten Lauterbachs salz- und schadstofffrei gegrillten Fisch kosten, sie konnten sich nach einem Einspielfilm zu einer 16-Jährigen äußern, die Fanta und Cola für Saft hielt und sich schließlich über Lebensmittel empören, die, obwohl "Entensuppe" auf der Packung stand, nur Geschmacksverstärker enthielten - jedoch keinen Fitzel Entenfleisch.

Alles in allem eine herbe Produktenttäuschung.

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