Von Gordon Repinski
In einigen Tagen geht ein Jahrzehnt zu Ende, fernsehtechnisch könnte man sagen: das Jahrzehnt der Castingshows. Allein 2009 wurden im neunten Anlauf "Popstars" gesucht, wurde das vierte "Topmodel" gekürt und sogar der beste Nachwuchszauberer. Auch RTL hatte einen Preis ausgelobt, Dieter Bohlen und seine Jury-Kollegen Bruce Darnell und Sylvie van der Vaart suchten bis gestern Abend "Das Supertalent 2009".
Sie denken, das guckt keiner mehr? Weit gefehlt! Es war bereits die dritte Staffel der Sendung, die "Meilensteine gesetzt hat" und in der "Quotenrekorde erzielt wurden", wie Dieter Bohlen gewohnt selbstbewusst verkündet.
RTL protzt mit "Bandbreite der Talente"
Und tatsächlich: 37.000 Kandidaten haben sich beworben, zwölf haben es bis ins gestrige Finale geschafft, ihnen winken 100.000 Euro Siegprämie. Über sechs Millionen Zuschauer hatten bereits bei den Vorrunden an den vergangenen Wochenenden eingeschaltet - Kennziffern des Erfolgs für RTL. Prompt brüstete sich der Sender, "die Bandbreite der Talente ist so breit wie nie".
Was genau RTL darunter versteht, sieht man in der Endrunde. Wobei zuvor gesagt werden muss, dass wohl die Chancen eines jeden Kandidaten steigen, wenn er einer der drei Gruppen angehört, die offenbar in keinem RTL-Supertalent-Finale fehlen dürfen.
Und das wären: Die Gruppe der Gesangstalente mit schwerer Kindheit oder anderen Lebensschicksalen. Etwa der Hartz-IV-Empfänger Oliver Roemer, der wegen seines Übergewichts ("50 Kilo weniger wären schön") allmählich den Lebensmut verliert und dessen Mutter dem 41-Jährigen noch immer hinterher putzt.
In der zweiten Gruppe treten die singenden Kinderstars an, je jünger desto besser. Mit elf Jahren ist Tamina Geuting schon eine der Älteren, die Konkurrenten wie Richard Istel oder Carlotta Truman sind gerade mal so alt wie die erste "Popstars"-Sendung in Deutschland, nämlich zehn. Früher sind Kinder wie der Richard, die Carlotta oder die Tamina noch in der "Mini-Playback-Show" auf einem Podest aufgetreten. Heute geht's im gleichen Sender direkt ums große Geld, deshalb sind sich die Kleinen - oder ihre Eltern - auch nicht für einen Auftritt in Minikleid oder Anzug zu schade.
Selbst Bohlen muss Alternativkünstler dulden
Die dritte Gruppe der Finalteilnehmer ist für die Alternativkünstler reserviert. Die zünden sich entweder im Studio an und schwingen alternativ an einem Seil, einen Ball auf den Füßen balancierend, durch den Saal. Oder sie bodenturnen mit ihrem Hund auf den Schultern. Mit Blick auf die anschließende Vermarktung der Stars hätte Dieter Bohlen wohl am liebsten ganz auf sie verzichtet.
Das aber geht nicht - denn sonst gibt es ja gar keinen Unterschied mehr zu "Deutschland sucht den Superstar". Also duldete man auch die Alternativkünstler - auch wenn die wie die beiden Akrobaten Sven Mattiß und Sebastian Wöhrl prompt die einzig offene Kritik des Abends abbekamen: "Das dritte Mal die Nummer mit dem Ball - das ist mir ein bisschen zu viel", meckerte Bohlen.
Denn der wollte gerne die Sängerin Vanessa Calcagno gewinnen sehen, die einen zweifellos respektablen Auftritt mit einem Klassikstück aus einer Puccini-Oper hinlegte. Calcagno, vaterlos aufgewachsen und damit der ersten Gruppe der Gesangstalente mit Schicksalsschlägen zuzuordnen, erinnerte mit ihrem Auftritt an das Ober-Supertalent: den Briten Paul Potts, der ebenfalls mit einer Puccini-Oper vor zwei Jahren die britische Variante der Show gewann und es damit sogar bis an die Spitze der deutschen Charts schaffte.
Turnen mit Hundedame
Eigentlich war auch alles perfekt ins Detail inszeniert: Die Sängerin hatte einen günstigen vorletzten Startplatz, sie brachte alles mit, was ein Supertalent braucht, hatte zudem die Unterstützung von Dieter Bohlen und der ganzen Jury.
Und wurde trotzdem nur knapp Zweite.
Den Gewinn holten sich nach fast fünf Stunden dauernder Show, endlosen Schnelldurchläufen und unvermeidlichen Wiederholungen der schrägsten Bewerber dann doch zwei Außenseiter: Es waren der 30-jährige Yvo Antoni und seine Hundedame "Prima Donna", die zusammen Seil sprangen und durch den Saal turnten.
Ist das nicht toll?
Das Jahrzehnt der Castingshows endet mit einem Hund als Sieger, einem bodenständigen Herrchen und einer Präsentation, bei der es selbst Dieter Bohlen nicht schafft, eine Hit-Single daraus zu pressen. Es war eine Wahl der Zuschauer gegen die Fertigprodukte aus wenig Talent und viel Schicksal, die ihnen als fertige Showstars vorgesetzt wurden.
Der Star des Abends, Hundedame Prima Donna, hatte übrigens schnell keine Lust mehr. Kaum war sie als Siegerin gekürt, hielt sie es nicht mehr auf dem Arm ihres Herrchens aus, sprang hinunter und rannte aus dem Studio.
Es könnte ein Zeichen gewesen sein. Die Zuschauer wählen Hunde. Die Sieger rennen aus dem Saal.
Zeit, mal wieder ein Buch zu lesen.
Auf anderen Social Networks posten:
Lieber eine Hundedeame als das Gejaule irgendwelcher profilneurotischen Jungstars... mehr...
Es gilt doch immer noch die Devise: Kleine Kinder und Tiere kommen immer gut an. Dieses Mal hatten "die Tiere" die Nase vorn. mehr...
Klassisch Deutsche Einstellung. Die Sendung ist nicht scheiße, sie empfinden es nur so. Ich kann das ja persönlich nachvollziehen, denn mein Ding ist es auch nicht. Nur dieses typisch deutsche Oberlehrer-Gehabe, der Drang, die [...] mehr...
Ich finde diese Diskriminierung unserer vierbeinigen Freunde und die anthropozentrische Überhebung über sie unerträglich. Spaß beiseite und zum tatsächlichen Spaß der Sache: Der Hunde-Sieger hat für mich das Format bestens auf [...] mehr...
Das Supertalent 2009. Ist es eine singende Hausfrau? Ein mundharmonikaspielender Hirte? Ein arienschmetternder Handyverkäufer? Nichts von alledem. Deutschlands Supertalent ist: ein Hund, der aufs Wort pariert. Wenn [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH