Von Daniel Haas
Die wirtschaftliche Lage ist angespannt, die Stimmung schlecht. Jedes vierte deutsche Unternehmen will in den kommenden Monaten Stellen streichen. Die Arbeitslosenzahlen sollen dieses Jahr auf 3,8 Millionen steigen. Wer braucht also eine Dokumentation über ehemalige Kleinunternehmer, die so umfassend gescheitert sind, dass sie alles verloren haben: ihr Geschäft, ihre Familien, ihre Selbstachtung?
Will man nicht eher Erbauungsstorys sehen, Bundesbürger, die durch die verschärften Verhältnisse Tatkraft und Kreativität entwickeln? Was ist denn bitte so erhellend am Zusammenbruch, dass man ihm als Elendsvoyeurist beiwohnen möchte, in Form einer 30-minütigen Niedergangsgeschichte?
Man muss diesen kleinen Film sehen, weil er dann eben doch nicht der gängige Schlüssellochblick in verpfuschte Leben ist, sondern ein exzellenter Balanceakt zwischen existentieller Havarie und Selbstbehauptung, wirtschaftlichem Versagen und persönlicher Ermächtigung.
Drei Klein-Bankrotteure porträtiert Autor und Regisseur Dominic Egizzi: den gelernten Gas- und Wasserinstallateur Stefan, der sich mit einem Fitnessstudio ruinierte. Sandra, eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern, die mit einem Küchenstudio Pleite ging und in der privaten Insolvenz landete. Meta, die studierte Maschinenbauerin und ehemalige Gewerkschaftsfunktionärin, die sich mit 1-Euro-Jobs über Wasser hält, nachdem ihr Tabakladen floppte.
Diese drei Biografien fächert die Reportage behutsam auf: Stefan hat sich zu Hause ein Musikstudio installiert und will es als Sänger und Entertainer versuchen. Sandra hat die sechs Jahre der Insolvenz fast hinter sich und plant schon das nächste Projekt, die Eröffnung eines Cafés. Meta, die einstmals gefragte Akademikerin, die sogar Auftritte im Fernsehen absolvierte, riskiert den Schritt in die Frührente. Nur 900 Euro wird sie erhalten, zuzüglich 400 Euro Witwenrente. Aber sie genieße wieder Ansehen, sagt die abgekämpfte Frau. "Man hat einen anderen Status in der Gesellschaft."
Ächtungspotential von Hartz IV
Nüchterner und treffender sind die sozialen Herausforderungen, die mit der Agenda 2010 verbunden sind, kaum zu illustrieren. Natürlich ist die Zahl der Jobsuchenden seit Einführung der Reformen um gut eine Million gesunken, und der Beitrag zur Nürnberger Arbeitslosenversicherung hat sich mehr als halbiert. Aber bei Meta wird neben den realökonomischen Folgen - Arbeitslose müssen so gut wie jeden Job annehmen, dazu blähte sich der Niedriglohnsektor auf - auch die gesellschaftliche Stigmatisierungskraft der Reform deutlich. Hartz IV ist ein Beschämungsszenario, sein Ächtungspotential ist vor allem in Kleinstädten, wo Bürger mehr voneinander wissen, enorm.
Auch Sandra hat den Zusammenbruch in einer kleineren Stadt erlebt. In Bremerhaven stolperte sie in den Bankrott. Das Geschäft lief auf ihren Namen, und als der finanzielle Untergang kam, ließ der Mann sie mit Kindern und 50.000 Euro Schulden sitzen. "Von deinen Partnern hast du nie Hilfe gekriegt", sagt Sandras Mutter. "Dass du die Familie ernährst, darauf haben sich immer alle verlassen."
In diesem Moment wird der Film zum generationen- und milieuübergreifenden Frauenporträt. Und darin liegt letztlich seine größte Leistung. Wenn Sandras Teenager-Sohn sagt, er wolle später wie seine Mutter sein, weil sie die Familie durch die schwere Zeit gebracht habe, dann hat noch das letzte Klischee vergangener Macho-Unkultur ausgespielt. Dann zeigt sich, dass das moralische Zentrum eines Gemeinwesens durchaus mit dem ökonomischen zusammenfallen kann und dass es nicht selten von Frauen verkörpert wird.
Oder Meta: Die 60-Jährige sucht die neue Besitzerin ihres kleinen Ladens auf und erkundigt sich rührend nach deren Fortkommen: Wollte man Solidarität und soziale Empathie darstellen, müsste es nicht genau so eine Szene sein?
Ausgedehnt eingeschränkt
Bei Stefan schließlich ist die Ehefrau gerade an jenem Punkt angekommen, an dem Sandras Mann türmte. Sie muss die Unsicherheit einer prekären Existenz aushalten, ihren Mann unterstützen, der die Jobcenter-Angebote ausschläft und stattdessen als Schmalspur-Sinatra zu billigen Castingshows tingelt. "Ich hab keine Angst, dass unsere Beziehung kaputt geht", sagt Stefan. "Das sehe ich manchmal anders", sagt seine Frau.
Die Glücksversprechen des entfesselten Marktes haben sich weitgehend als Budenzauber erwiesen. Natürlich gibt es Krisengewinnler, solche, denen das wirtschaftliche Chaos noch mehr Spielraum verschafft. Aber was flexibler Kapitalismus auch bedeuten kann - die Fähigkeit, sich in den engsten Nischen einzurichten und noch das schmalste Budget zur Existenzgrundlage auszudehnen -, das zeigt sich anhand dieser Schicksale.
So gesehen sind die Katastrophenstorys ernüchternd im besten Sinne: Sie verdeutlichen im Gewand eines aufgeklärten Journalismus die Facetten einer gesellschaftlichen Misere, die immer mehr Menschen betrifft und die alle angeht.
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Und dann sitzen alle händchenhalten im Kreis und trinken Jasmintee. Wir leben aber in der realen Welt und rein evolutionär betrachtet sind wir zuerst uns und unserem Stamm, auf die heutige Zeit bezogen also der Familie, [...] mehr...
Schonmal was von der BaFin gehört? Da gibt es einige Hürden, nicht mal der "Allianz"-Konzern durfte einfach so eine Bank eröffnen, weshalb die Allianz-Bank offiziell Tochter der Oldenburgischen Landesbank ist mehr...
Erzählen Sie mal nicht so einen ausgemachten Schwachsinn!! Das einzige "Entgegenkommen" kann man vom Finanzamt erwarten, das einem nicht entgegen, sondern auch hinterhergerannt kommt, wenn mal die Steuer nicht zeitig [...] mehr...
Das kann man definitiv so unterschreiben. mehr...
Vielleicht ist der Grund ja, dass "bei Banken und Versicherungen" mit dem Geld fremder Leute umgegangen wird, auf das man eben besonders gut aufpassen muss und das man nicht jedem einfach 'mal so geben kann? mehr...
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