Von Marc Pitzke, New York
Jay Leno blüht dann auf, wenn er ganz unten ist. So auch am Montagabend: "Wir sind keine Show mehr", begrüßte der entthronte US-Talk-König seine Zuschauer mit säuerlichem Grinsen. "Wir sind jetzt ein Sammlerstück."
Damit spielte er auf die Absetzung seiner noch relativ jungen "Jay Leno Show" durch das amerikanische TV-Network NBC an. Das neue Promi-Varieté des einstigen Zugpferdes kam von Anfang an nicht aus dem Quotenkeller. Mit dem Beginn der Olympischen Spiele Mitte Februar, für die NBC sein Programm sowieso wochenlang umwirft, soll nun wieder Schluss sein - nach nicht einmal fünf Monaten.
Für Leno ist das ein böses Déjà-vu. "Schon wieder gefeuert", mokierte er sich am Montag. "Wurden wir nicht erst im Mai gefeuert?" Damals hatte NBC seinen mit rund 25 Millionen Dollar pro Jahr hochbezahlten Altmeister Leno gezwungen, die legendäre und seit 1992 von ihm moderierte "Tonight Show" wider Willen an den jüngeren Conan O'Brien abzutreten. Leno selbst wurde mit der "Jay Leno Show" getröstet, einem "Tonight"-Klon auf dem gleichen Kanal, aber zur Primetime um 22 Uhr und von O'Brien (23.35 Uhr) nur durch die Lokalnachrichten getrennt.
Das, so hoffte NBC, sollte billiger sein als die aufwendigen Krimi- und Comedyserien, die anderswo zu dieser Zeit laufen ("CSI", "Law & Order", "Ugly Betty", "Numbers"). Doch das Experiment, das im September begann, ging gnadenlos schief. Die Zuschauer akzeptierten weder O'Briens Versuche, sich als neuer "Tonight"-Master zu profilieren - noch Lenos abgestandene Routine zur früheren Sendezeit.
Die Einschaltquote zur wichtigen Primetime sank mit Lenos Sendung um kaum tragbare 30 Prozent, und unter O'Brien hatte auch die "Tonight Show" der parallel ausgestrahlten Show von CBS-Konkurrent Dave Letterman nichts mehr entgegenzusetzen. Schließlich revoltierten die sogenannten "Affiliates", die Lokalsender der US-Bundesstaaten, die das abendliche NBC-Rumpfprogramm übernehmen: Ihre eigenen Nachrichtensendungen, eingezwängt zwischen Leno und O'Brien, gerieten in deren Quotensog. Sie drohten, Lenos erfolglose Show in ihren Gebieten abzusetzen. NBC gab auf.
Late Night Wars Reloaded
"Ich lasse die NBC-Primetime genauso zurück, wie ich sie vorgefunden habe", schloss Leno am Montag seinen scharfen Tiefschlag. "Ein komplettes Desaster." Wenn TV-Stars bittere Witze über ihren Arbeitgeber reißen, ist das immer ein schlechtes Zeichen. Zwar verbindet das US-Network NBC und sein gestürztes Idol seit Jahren nur noch wenig mehr als Hassliebe, doch diesmal scheint die Lage wirklich ernst zu sein.
Seit dem Wochenende ist Lenos Schicksal das Top-Thema in Hollywood. Ein Skandal, eine Mega-Peinlichkeit, "ein spektakuläres Desaster", jubelt der Kabelsender MTV, Schwesterkanal des NBC-Konkurrenten CBS. Erinnerungen an die "Late Night Wars" der neunziger Jahre werden wach. Damals bekriegten sich Leno und Erzfeind Dave Letterman um die TV-Trophäe der "Tonight Show" und zerstörten sich fast - Futter für einen Bestseller und einen TV-Film.
Diesmal bekriegen sich Leno, 59, O'Brien, 46, und NBC - ein interner Hauskrieg also. Längst aber ist der Zank selbst interessanter als der Anlass - das verkalkte Sendeformat Talk, das mit seinen Fans altert und unweigerlich stirbt. Der Niedergang der "Tonight Show" und die Doppel-Düpierung ihres langjährigen Herrschers Leno wie auch dessen Thronerben geraten zur Parabel nicht nur auf gewandelte Sehgewohnheiten und die Zersplitterung der TV-Landschaft, sondern auf die Hilflosigkeit der heutigen Medienmanager.
Die "Tonight Show" - Vorbild für zahllose Nachahmer in aller Welt, auch in Deutschland - wird nun wohl das erste Opfer werden. Seit 55 Jahren läuft sie schon, sie ist der älteste Talk-Dinosaurier der USA und hat sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert: Müde Witze vom Teleprompter, Stars auf Werbetour (für einen Film, ein Buch, sich selbst), zwischendurch schwache Sketche, Musik und die gelegentliche Raubtierdressur.
Untergang eines ehemaligen Erfolgs-Franchise
Leno ist kaputt. O'Brien ist kaputt. Und NBC, das sich früher als "Must-See TV" rühmte, steht vor einem Scherbenhaufen. Doch keiner kann sagen, dass der Niedergang nicht vorgezeichnet war. Leno hatte "Tonight" 1992 vom Ur-Talker Johnny Carson übernommen, da war die Show noch die lukrativste Marke der amerikanischen Fernsehgeschichte, eine nationale TV-Institution. Zwölf Jahre später schickte NBC dann allerdings schon mal vorab den Pensionsbescheid: 2009 müsse Leno seinen Sendeplatz für den zappeligen Rotschopf O'Brien räumen.
"Wieder ganz von vorne anzufangen ist wahrscheinlich die beste Idee", sagte NBC-Fernsehchef Jeff Gaspin am Sonntag zerknirscht. Um Leno jedoch nicht ganz zu verlieren, hat das Network ihm angeboten, im März auf seinen Stammplatz um 23.35 Uhr zurückzukehren. Die "Tonight Show" würden sie dafür auf nach Mitternacht degradieren. O'Brien reagierte "entsetzt" und spielt nun mit dem Gedanken, sich aus seinem NBC-Knebelvertrag zu winden und zum Rivalen Fox abzuwandern.
Der eigentliche Urheber der missratenen Leno-Scharade, der umstrittene NBC-Präsident Jeff Zucker, lässt sich derweil nirgends blicken. Wohlweislich: Unter seiner Ägide ist das glücklose Network immer tiefer in die "Midlife-Crisis" gerutscht, wie es David Carr ausdrückt, der Medienkolumnist der "New York Times". Sein Kollege Howard Kurtz von der "Washington Post" bezeichnet das Late-Night-Stühlerücken als den "dümmsten Schritt seit New Coke", dem Coca-Cola-Markenflopp.
Auch für Zucker steht nun sein Job auf dem Spiel. NBC-Mutter General Electric ist dabei, das Network an den Kabelkonzern Comcast zu veräußern. Der hat Zucker zwar einen neuen Dreijahresvertrag garantiert, doch solche Schwüre sind oft mit Bleistift geschrieben.
Das "Tonight"-Desaster ist symbolisch für die Existenzkrise der alten, behäbigen Networks und ihrer vormaligen Top-Attraktionen, der spätabendlichen Talkshows. Gesprächsstoff liefern hier heute meist nur die viel gewagteren Kabel-Shows, deren Clips sich über YouTube, iTunes, Facebook oder Twitter in alle Ecken des zersplitterten Medienuniversums fortpflanzen.
Mit einer Ausnahme: Lenos Ex-Kollege Dave Letterman erfreut sich mit seiner "Late Show" auf CBS der besten Quoten seit Jahren. "Bei meinem alten Network herrscht so viel Durcheinander", freute er sich am Montag schelmisch. "Ich sorge mich richtig."
Auch der gedemütigte O'Brien nahm seinen treulosen Sender zum Wochenbeginn aufs Korn. "Alle wollen jetzt wissen, was meine Pläne sind", sagte er und rasselte, die Hände leger in den Hosentaschen, eine ganze Reihe abstruser neuer Jobs herunter. Schlusspointe: "Ich könnte das Fernsehen ganz aufgeben und in ein stilvolleres Geschäft mit netteren Leuten einsteigen. Zum Beispiel Hardcore-Porno."
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Könnte mir gut vorstellen, dass Craig Ferguson einmal ein ganz spiessiger Rentner wird, erlebt hat er ja schon genug für ein paar Leben... Hier habe ich die beschriebenen Orte seiner lesenswerten Autobiographie kartiert: [...] mehr...
Hoffentlich bleibt's auch dabei! Wäre schade, wenn die Sendung ihren Anarcho-Charakter, den sie oftmals hat, verlieren würde... Im Laufe der letzten beiden Jahre ist sie (leider) schon um einige Ecken und Kanten ärmer [...] mehr...
Wer z.B. den Auftritt von Robin Williams bei Craig Ferguson gesehen hat, oder einen Don Rickles bei Lettermann, der weiß, daß selbst ein Harald Schmidt in Bestform im Vergleich dazu eine Schlaftablette ist. mehr...
Jay leno war schon immer überbewertet (my 2cents) und der einzig im mom. unterhaltsame Talker ist definitv Craig Ferguson! Auch hier gibt es zwar nicht sehr viel neues, jedoch seine Impros und das leicht subversive macht es immer [...] mehr...
1. BITTE NICHT DIE TROLLE FÜTTERN 2. Wer Ferguesons 1000. Show verpasst hat - unbedingt sofort nachholen, genial 3. Iowa ist nicht so konservativ wie man glauben mag, dort wurde immerhin die Homo-Ehe legalisiert, die gibts sonst [...] mehr...
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