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15.02.2010
 

Psychoserie "In Treatment"

Seele putzen nicht vergessen!

Von Christian Buß

Mein Auto, mein Haus, mein Psychologe - die grandiose US-Serie "In Treatment" berührt das kollektive Innenleben. Der Konversationskrimi zeigt eine übertherapierte Gesellschaft, die glaubt: Die Seele ist auch nichts anderes als ein Vorgarten - hübsch gepflegt muss sie sein!


Dieser Psychologe, er ist selbst sein härtester Fall: Vier Sitzungen haben wir Paul (gespielt von Gabriel Byrne) absolvieren sehen, da wechselt er die Seiten. Auf einmal sitzt er selbst auf der Couch, und zwar bei seiner inzwischen in Rente gegangenen Kollegin Gina (Dianne Wiest), die er seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hat. Er wolle nur ein bisschen mit der alten Freundin über die Zweifel an seiner Arbeit sprechen. Aber als die zu bohren beginnt, zickt er rum wie die uneinsichtigsten seiner Patienten.

Der Psychologe als therapeutischer Härtefall: Das ist die vielleicht verwegenste Wendung in der doppelbödig angelegten US-Serie "In Treatment", mit der die Möglichkeiten und Begrenzungen des modernen Seelendeutungsgewerbes vorgeführt werden.

Dass sich Paul, die graumelierte Institution, auf einmal in ein aggressives Nervenbündel verwandelt, desavouiert seinen Berufsstand keineswegs. Es zeigt nur, dass sich auch der Therapeut selbst gelegentlich einer prüfenden Instanz aussetzen muss. Denn wer, wenn nicht ein Mustertherapeut wie Paul mit seiner tausendfach erprobten Deutungsmacht, kann sich selbst besser manipulieren? Die Kranken, das sind immer die anderen.

"In Treatment" stellt sehr viel mehr dar als einen klassischen Seelenkrimi, der uns in die Abgründe und Ängste der Patienten hinab führt. Die Serie ist eine Reflexion über die therapierte Gesellschaft. Fünf Fälle (inklusive dem von Paul selbst) werden über die insgesamt 43 Episoden der ersten Staffel verfolgt. Das heißt: Der Zuschauer erlebt hier pro Folge ein Vieraugengespräch - beziehungsweise im Falle eines in Behandlung befindlichen Pärchens ein Sechsaugengespräch. Viele der Sitzungen enden unbefriedigend: Gewissheiten verflüchtigen sich, bequeme Diagnosen werden verworfen, längst verschüttete Traumata aufgeworfen.

Mit dem Defekt die Welt auf Abstand halten

Das muss so sein, denn "In Treatment" spielt in einer Gesellschaft, in der alle möglichen Probleme mit der Behandlung durch einen angesehen Therapeuten aus der Welt geschafft werden sollen: Mein Mann, mein Haus, mein shrink. Die seelische Reinigung erscheint da oft nur als reine Kostenfrage, die Selbstdiagnose gehört zum gesellschaftlichen Ritual. Doch wie kommt man an Patienten ran, die durch Rollenspiele, Abwehrreaktionen und Psychorhetorik die größtmögliche Verschleierung ihrer eigentlichen Probleme betreiben?

Besonders drastisch wird das anhand eines Ehepaares dargestellt, das Nachwuchs erwartet: Sie überlegt, das Kind abtreiben zu lassen, er geht dagegen wutentbrannt an. Irgendwann während des Gesprächs bricht es aus der Frau heraus: Sie habe sich schon bei ihrem ersten Kind überfordert gefühlt und glaube nicht, dass sie ein zweites lieben könne. Eine Offenbarung, die sie in authentischer anmutender Wut vorträgt. Doch kaum ist sie damit fertig, sagt ihr Partner, sie solle mal nicht die Verrückte spielen - und die Frau sagt nun denkbar ruhig, dass es ja mal ein Versuch wert gewesen sei, die beiden auf sie einredenden Männer ruhig zu stellen: der seelische Defekt als Mittel, die Welt auf Abstand zu halten.

Die Misere der therapierten Gesellschaft ist ja, dass für jedes Symptom eine Erklärung griffbereit daliegt. So gesehen wird Therapeut Paul in seinen Sitzungen mit einer Reihe von Westentaschenpsychologen konfrontiert, die von ihm nur einen Ratschlag haben wollen, wie sie das selbst längst diagnostizierte Problem möglichst schnell beheben können. Innenleben verstopft? Ruf den Seelenklempner!

Psychologisches Labyrinth

So läuft es offenbar überall auf der Welt: Denn der US-Bezahlsender HBO hat "In Treatment" fast originalgetreu der israelischen Serie "Be Tipul" nachgebaut und die Handlung von Tel Aviv nach Maryland verlegt. Rodrigo Garcia, der schon "Six Feet Under" mitgeschrieben hat, überwachte den Transfer für die erste Staffel als Chefautor. Hochkonzentrierte 22-minütige Episoden (die 3sat nun in Doppelfolgen sendet) lieferte er. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, die Figuren zu entlarven - sondern im Gegenteil diesen überreflektierten Menschen erstmal ihr Geheimnis zurückzugeben.

Dabei nahmen alle an der Produktion Beteiligten die Idee der Psychotherapie sehr Ernst: So offenbarte der Golden-Globe-gekrönte Hauptdarsteller Gabriel Byrne unlängst, dass er als Messdiener auf einem Priesterseminar sexuellen Übergriffen ausgesetzt gewesen sei und erst durch eine sehr späte Therapie dieses Trauma hat verarbeiten konnte. Der Rest des Teams hat ähnliche Erfahrungen gesammelt. Autor Warren Leight, der die zweite Staffel koordinierte, sagt freimütig: "Die erste Regel, um mitarbeiten zu dürfen an 'In Treatment' ist, selber mal in treatment gewesen zu sein."

So gesehen ist die Produktion die radikalste shrink-Serie überhaupt. Statt schön leicht verdaulich pro Folge eine Krankenakte zu öffnen und zu schließen, stößt man den Zuschauer über viele Episoden in ein psychologisches Labyrinth. "In Treatment", das ist "Lost" als Konversationsthriller: Nur wer zugibt, nichts zu wissen, darf sich der Hoffnung hingeben, am Ende heil hier rauszukommen.


"In Treatment - Der Therapeut", wochentags, jeweils 21.00 Uhr, 3sat

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insgesamt 14 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
16.02.2010 von Mr. Pink: Premiere

In Treatment lief bereits 2008 auf Premiere Serie. Was ist daran bitte ärgerlich, wenn der Autor den Artikel zu einem früheren Zeitpunkt geschrieben und nun zum Free-Tv Start veröffentlicht? Das ist doch völlig in Ordnung. Ich [...] mehr...

16.02.2010 von kuchenbob: .

Naja auf HBO wahrscheinlich. Da steht doch nirgendwo, dass vier Sitzungen auf 3sat geschaut wurden, sondern nur, dass der Shrink sich nach vier Sitzungen selbst auf die Couch legt. mehr...

16.02.2010 von pixmax: Da ist mir wohl was entgangen?

---Zitat--- Vier Sitzungen haben wir Paul (gespielt von Gabriel Byrne) absolvieren sehen, da wechselt er die Seiten. Auf einmal sitzt er selbst auf der Couch, und zwar bei seiner inzwischen in Rente gegangenen Kollegin Gina [...] mehr...

16.02.2010 von Dr. Thomas Brotzler: Nun ja ...

Die Wartezeit auf einen Therapieplatz ist ein bekanntes Problem. Gewiß spielt die erwähnte Beliebtheit mit hinein, nicht unterschätzen sollte man aber auch die von Seiten der Gesundheitspolitik zu verantwortende, durchaus rigide [...] mehr...

16.02.2010 von boer640: kopie vs original

ich fands nicht schlecht, hätt ich nicht die kopie gesehn, würde ich mich jetzt nicht für das original interessieren. ich hoffe, das gibt es wenigstens in englisch... mehr...

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