ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
25.02.2010
 

Katholiken-Talk bei Plasberg

Vertuschtes verjährt nicht

Von Barbara Hans

Plasberg-Gäste Englisch, Geißler, Mika: Schwadronieren statt analysierenZur Großansicht
WDR

Plasberg-Gäste Englisch, Geißler, Mika: Schwadronieren statt analysieren

"Priester und Sex" hieß das Thema - die Gäste: ein Bischof, der sich rausredet, ein übermotivierter Vatikanfan von "Bild", dazu der Ex-Jesuitenschüler Heiner Geißler. Leider war die Runde bei "Hart aber fair" so wenig erhellend wie eine Messe in der Provinz.

Man redete schon fast eine Stunde, der Zuschauer hatte beinahe vergessen, dass Andreas Englisch überhaupt anwesend war, da platzte es aus ihm heraus: "Es ist gemein, auf die katholische Kirche zu schauen wie auf ein Biotop", krächzte der "Bild"-Korrespondent des Vatikan. Englisch polterte, sprang von seinem Hocker auf, mit zorngeschwollener Halsschlagader und wilder Gestik versuchte er gegen das Argument anzureden, das Sündenregister der Kirche umfasse womöglich mehr Seiten als die Bibel.

Der Papst-Verehrer schleuderte den anderen Gästen die Wörter nur so an den Kopf, den Zeigefinger erhoben wie einen Taktstock - gerade so als könne er Frank Plasbergs Bitte, sich zu beruhigen, in Grund und Boden gestikulieren.

"Priester und Sex - Wie viel Wahrheit wagt die Kirche" lautete das Thema bei "Hart aber Fair". Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die Diskussion in etwa die Dramaturgie eines mäßig originellen Wortgottesdienstes am Sonntagvormittag: wenig mitreißend, wenig erhellend, wenig konkret.

Die Gäste schafften es nur selten, sich aus den Schubladen zu befreien, in die man sie bei der Sendeplanung offensichtlich gesteckt hatte. Die frühere "taz"-Chefredakteurin Bascha Mika betonte die Unterdrückung der Frau in der katholischen Kirche, Vatikan-Korrespondent Englisch lobte papstbegeistert und hyperenergisch die Verdienste der Kirche in der Dritten Welt, CDU-Politiker Heiner Geißler gab den wohl temperierten, gut abwägenden, schlau argumentierenden Jesuiten-Schüler - und an den äußeren Flanken übte sich der Hamburger Weihbischof Hans-Jochen Jaschke in weichgespülter Rhetorik, während Missbrauchsopfer Norbert Denef als lebender Beweis für die Heuchelei der Kirche fungierte.

Angriff mit der anti-katholischen Schnellfeuerwaffe

Man hatte sich viel vorgenommen - und am Ende übernommen. Allein der Titel der Sendung vereinte gleich mehrere Reizthemen. Jedes für sich genommen ausreichend, um die Sendezeit zu füllen. Es wurde vermischt, was nicht vermischt gehörte oder aneinandergereiht, was aufzudröseln gelohnt hätte.

Natürlich kann man im Rahmen der Missbrauchsfälle auch über den Zölibat sprechen, eine Aufklärungsfibel aus den sechziger Jahren als Beleg für die vermiefte und verbohrte Sexualmoral der damaligen Zeit ins Feld führen - das aber wäre zu einfach. Der Zölibat sei nicht der Grund für den sexuellen Missbrauch in der Kirche, warf Missbrauchsopfer Denef zu Recht ein. Er drohte, die Sendung zu verlassen, sofern man sich nicht wieder auf das eigentliche Thema besinne. Stattdessen wurde ein weiteres Fass aufgemacht: rechtliche Verjährungsfristen - Denefs Lebensthema. Und so blieb er.

Am Ende konnte der Zuschauer fast Mitleid für Bischof Jaschke empfinden, der alle Angriffe aus der anti-katholischen Schnellfeuerwaffe abzuwehren versuchte - im Verlauf der Sendung allerdings spürbar souveräner wurde. Er wuchs in die Rolle des Krisen-PR-Managers hinein. Vielleicht weil er wusste, dass auf die theologisch fundierten Argumente Geißlers wenig später leicht zu entkräftende Allgemeinplätze folgten - und es der Runde an Kontinuität und Ausdauer fehlte.

Zu Beginn gab sich Jaschke ganz der Rolle des Dampfplauderers hin. Er ließ aalglatte Kalenderweisheiten verlauten, die ihn wenig angreifbar machten - weil sie wenig aussagten. Es waren Sätze wie: "Es wird alles versucht, um die Wahrheit ans Licht zu bringen." Klingt gut, bedeutet wenig.

Der "Bild"-Mann muss Druck ablassen

Denn was nützen die Forderungen, so lange immer noch versucht wird, das Geschehene lieber zu vergessen als zu verarbeiten? Die Debatte hätte mehr Sein statt Schein gebraucht. Oder, wie Denef bissig bemerkte: "An den Taten wirst du sie erkennen, nicht an den leeren Worten."

Auf die Frage Plasbergs, ob die Kirche sich nicht vor allem für das Vertuschen der Missbrauchsfälle entschuldigen müsse, antwortete Bischof Jaschke nicht.

Norbert Denef, der in seiner Jugend von zwei Kirchenmännern missbraucht wurde, saß in der Runde als personifizierte Antithese dessen, was Jaschke sagte. Während der Bischof die eigene Offenheit predigte ("Wir haben gezeigt, dass wir auf der Seite der Opfer stehen und die Täter bestraft werden"), berichtete Denef, wie das Bistum Magdeburg ihn zwar nach jahrelangem Ringen entschädigte - in der Folge aber ein Schweigeversprechen verlangte, gegen das Denef zwei Jahre lang kämpfte.

Schließlich kündigte sogar Jaschke an, Denefs Kampagne zur Aufhebung der Verjährungsfristen unterstützen zu wollen.

Wenn es gelang, aus dem Nebeneinander an Beiträgen ein rhetorisches Miteinander entstehen zu lassen, ergaben sich durchaus interessante Argumentationsstränge. So, als Bascha Mika versuchte, Jaschkes Einwand zu widerlegen, man wisse erst seit wenigen Jahren von den Folgen und der Bedeutung der Pädophilie: "Sie können doch nicht so tun, als wussten sie bis 2002 nicht, was sexueller Missbrauch ist. Seit Ende der siebziger Jahre gibt es in Deutschland eine intensive Debatte."

Die frühere "taz"-Chefredakteurin versuchte beharrlich, Jaschke Antworten abzuringen - und sagte schließlich den Satz der Sätze: "Sie reden sich raus."

Und Andreas Englisch? Der Mann, der sich dem Vatikan so verbunden fühlt? Der schadete seiner Kirche durch seinen Auftritt vielleicht mehr, als er ihr nützte. Englisch fiel weniger durch interessante und anschlussfähige Beiträge auf, sondern präsentierte sich als übermotiviertes Energiebündel, das Runde im Teamwork vergeblich zu bremsen versuchte: "Frau Mika, können Sie es mal probieren", bat der Moderator.

Am Ende war der Korrespondent immerhin für einen Schmunzler gut: "Herr Englisch hat lange geschwiegen, dass er jetzt mal Druck ablassen muss, ist völlig klar", kalauerte Plasberg - unmittelbar zuvor war es um die verklemmte Sexualmoral der Kirche gegangen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 132 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
15.03.2010 von adama.: Das war und ist die Aufgabe des Staatsanwaltes

Eigentlich ist das Normal. Der DFB, mit Zwanziger an der Spitze, befasst sich auch nicht gerne mit unappetitlichen Sachen. Die Kirche muss gar nichts aufklären. Dies Forderung ist leicht Debil. Das war und ist die Aufgabe des [...] mehr...

15.03.2010 von mundi: Volksverhetzung

Die Mehrzahl der jährlich 120.000 Mißbrauchsfällen in Deutschland ereignet sich in den Familien. Nach der Hetze gegen "die Katholiken", erwarte ich Angriffe gegen die Institution der Familie. mehr...

15.03.2010 von Rainer Helmbrecht: Titel verweigert!

Vermutlich haben wir beide den selben Anspruch. Das Problem ist die fehlende Trennung von Staat und Religion. Religionsunterricht hat an staatlichen Schulen nichts zu suchen. Ebenso wenig wie ein bestimmter Sportverein im [...] mehr...

15.03.2010 von doccoby: Mehr differenzieren

Sehr geehrter Herr Helmbrecht, das sehe ich nicht ganz so: Pfarrer und Lehrer müssen für moralisches Verhalten die selben Strafgesetze als moralisches Mindestmaß verkünden, der Pfarrer kann dann noch erhöhte Anforderungen [...] mehr...

14.03.2010 von doccoby: Zu viel der Rede

Ich will Sie nicht in Versuchung führen, dummes Zeug über den Zölibat zu reden, obwohl Ihre äußerst langen Texte ja beweisen, daß bei Ihnen diese Gefahr denkbar gering ist. Nur, die Grenze zwischen Caritas (vgl. Ratzinger: [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik TV
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP