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05.03.2010
 

Echo 2010

Muntermacher mit Mittelfinger

Von Christian Buß

Echo 2010: So sehen Sieger und Verlierer aus
Fotos
REUTERS

Kriegt Pocher eine gelangt? Kann Moderator Opdenhövel wirklich englisch? Was war der Trostpreis für Westernhagen? Und zieht Raab inzwischen auch bei der ARD die Fäden? Nach den öden Veranstaltungen der Vorjahre kam der Echo 2010 ungewohnt unterhaltsam daher.

Ist die ARD das neue ProSieben? Bei der Verleihung des Echo am Donnerstagabend hatte man jedenfalls das eine oder andere Déjà-vu, das die öffentlich-rechtliche Anstalt in die Nähe des Privatkonkurrenten rückte. Schuld daran war vor allem das Moderatorendoppel, das durch die live übertragene Gala führte: Sabine Heinrich und Matthias Opdenhövel.

Die beiden hatten sich in den letzten Wochen ja schon recht flott durch den deutschen Eurovision-Song-Contest-Vorentscheid "Unser Star für Oslo" geschnattert, deren meiste Ausgaben eben beim Stefan-Raab-Haussender ProSieben zu sehen waren. Die öffentlich-rechtliche Radiofrau Heinrich lernte dabei unter anderem, wie man auf Highheels über Kabel tänzelt; der ewige Raab-Sidekick Opdenhövel, eine Art enthemmter Sparkassenkundenberater, machte sich derweil viele Gedanken um seine eher bescheidene Haarpracht. Klar, Glamour geht anders, Unterhaltung aber eben genau so.

Da darf man ruhig mal ein bisschen nerven - und lieber freundlichen Provinzialismus verbreiten, anstatt Weltläufigkeit vorzutäuschen. Das Interview, das der gebürtige Detmolder Opdenhövel am Anfang mit dem internationalen Jazzpopsuperstar Sade führte, war für diese neue Richtung bezeichnend: "Ich verstehe Sie nicht!", barmte die Sängerin nur immer wieder auf seine deutschen Fragen - bis das ProSieben-Gewächs Opdenhövel, nun endgültig den Raab machend, mit seinem überschaubaren Englisch nachhakte, welches Shampoo sie denn benutze.

Die Mischung aus fröhlichem Desinteresse, lapidarer Anteilnahme und dann doch immer mal wieder aufblitzendem musikalischen Knowhow (Heinrich und Opdenhövel sind ja wirklich nicht blöd, auch wenn sie so tun) tat der Veranstaltung jedenfalls durchaus gut.

In den Vorjahren war die Echo-Verleihung häufig wie die Vergabe des Bundesverdienstkreuzes dahergekommen. Der Plattenmarkt insgesamt schrumpfte stetig, der Anteil deutsch singender Interpreten aber stieg. Da wurde hiesiger Pop von der Deutschen Phono-Akademie, dem branchengestützten Echo-Ausrichter, gelegentlich zu einer Art industriellem Rettungsprogramm erhoben und seine Interpreten zu Nationalheiligen.

Okay, auch diesmal wurden die unvermeidlichen Silbermond für ihr heulsusiges Krisenlied "Irgendwas bleibt" als beste nationale Gruppe Rock/Pop ausgezeichnet. Kriegen ja jedes Jahr irgendeinen Echo. Aber ansonsten war der ganze Betrieb mal ein wenig durchgemischt worden - ganz im Sinne der seit einigen Wochen bei ProSieben und in der ARD verbreiteten "Unser Star für Oslo"-Stimmung: Das ganze Leben ist eine Vorentscheidshow. Heute bist du ein Nobody, morgen ein Star - oder umgekehrt.

Beerdigt in der "Echo Hall of Fame"

Da müssen sich denn auch alte Recken wieder hinten anstellen - so wie Marius Müller-Westernhagen, der mit seinem Wendejubelsong "Freiheit" ja einst zu einer Art musikalischen Staatsakt erstarrt war, bevor er wegen sinkender Verkaufszahlen beleidigt aus dem Musikbetrieb schied. Letztes Jahr meldete er sich mit einem unerträglich prätentiösen Album auf die Bildfläche zurück. Beim Echo nun war Westernhagen in der Kategorie nationaler Künstler Rock/Pop nominiert - und ging leer aus.

Zuvor hatte er aber noch einen fürchterlich eitlen Auftritt als Laudator, bei dem er metaphernselig zwischen kulinarisch wertvoller Musik und Fast-Food-Ware unterschied. Das Imbissfutter, klar, stellten für Westernhagen Castingshow-Musiker dar. Und während er da etwas ungelenk seine altväterlichen Klagen ausstieß, wurde schnell auf die Casting-Band Monrose, noch ein ProSieben-Gewächs, im Zuschauerraum geschnitten. Die zeigten ihm dafür zu Recht genervt den Mittelfinger.

Wo die Monrose sind, da ist natürlich ihr Entdecker Detlev D! Soost nicht weit. Auch er saß im Auditorium. Zuvor aber hatte der ProSieben-Castingshow-Einpeitscher für die ARD eine etwas irre Choreographie zu Ehren des 2009 verstorbenen Michael Jackson mit ganz vielen drolligen Jacko-Lookalikes einstudiert. Der Großkünstler wurde posthum in die "Echo Hall of Fame" aufgenommen; eine zweifelhafte Ehre, hatte man von dieser Ruhmeshalle doch zuvor noch nie etwas gehört. Ist das nun lustig - oder einfach nur pietätlos?

Immerhin verzichtete Oliver Pocher, der hier als Präsentator für das beste Video fungierte, auf eine seiner unlustigen Jackson-Imitationen. Überhaupt gab sich der junge Vater sehr kleinlaut, weil er den Preis ausgerechnet an Sido aushändigen musste, der gerade von der Pocher-Freundin Sandy Meyer-Wölden eine Beleidigungsklage angehängt bekommen hatte und dementsprechend übellaunig seinem Laudator entgegentrat. Pocher, so sah es aus, hatte wohl Angst vor Prügel und duckte sich weg: "Ach, hätten sie mir doch den Wendler hingestellt!", seufzte Sido nur. Dann ignorierte er den verschämten Witzbold und dankte seinem Anwalt. Zuvor meldete er aber noch Zweifel an der Qualität seines prämierten Videos an. Das sei eigentlich nicht richtig gut geworden.

Ach herrlich: Musiker, die ihr eigenes Werk nicht mögen. Großkotze, die Angst vor Prügel haben. Deutschrocksuperstars, die vergeblich auf einen Trostpreis warten. So geschmackvoll geschmacklos wie bei dieser ARD-goes-ProSieben-Veranstaltung darf die Selbstbeweihräucherungs-Chose namens Echo ruhig jedes Jahr daherkommen.

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insgesamt 23 Beiträge zum Forum...
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Der leicht ironische Beitrag zur Sendung war passend!!! Für mich war´s eine Veranstaltung und ein Spiegelbild der vor sich hin dümplenden Musikindustrie in Deutschland. Ich habe die Sendung nur bis zum Newcomer gesehen [...] mehr...

06.03.2010 von favela lynch: Das Bauhaus ist tot.

So wollen Sie doch bitte erkennen: Es gibt keinen Unterschied zwischen Jeanette Biedermann und Rammstein. Es ist daher nicht weniger veraltet, für eine "Berichtigung" oder auch Ausweitung der Kategorien zu plädieren. [...] mehr...

05.03.2010 von saintof7: Veraltet

KÜNSTLER NATIONAL ROCK/POP KÜNSTLER INTERNATIONAL ROCK/POP KÜNSTLERIN NATIONAL ROCK/POP KÜNSTLERIN INTERNATIONAL ROCK/POP GRUPPE NATIONAL ROCK/POP GRUPPE INTERNATIONAL ROCK/POP KÜNSTLER/KÜNSTLERIN/GRUPPE DEUTSCHSPRACHIGER [...] mehr...

05.03.2010 von Hercules Rockefeller: Naja

Also die Sonnenbrillen haben denke ich schlicht damit zu tun, dass zwei Stunden Blitzlichtgewitter und Lichtshow einfacher zu ertragen sind, wenn man eine Sonnenbrille aufhat-und zudem ist das eben grad in bei den Sternchen, [...] mehr...

05.03.2010 von hinschauen: @Christian Buß

vielem in Ihrem Artikel kann ich zustimmen. Nicht allerdings der Behauptung, Westernhagen habe mit "Freiheit" einen Wendejubelsong komponiert. Auch, wenn dieser im Nachhinein möglicherweise so verwendet wurde - was [...] mehr...

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