Von Daniel Haas
Wer die Wahrheit sagt, muss nicht unbedingt etwas sagen. Im Gegenteil: Wörter sind oft das Mittel der Wahl, wenn man täuschen, verschleiern, lügen will. Die Sprache selbst weiß von diesem Problem - und in ihren Redensarten bietet sie auch eine Lösung an: Ehrlichkeit ist in der Physiognomie zu Hause, im Körper. Die Lüge steht uns ins Gesicht geschrieben, man kann sie uns vom Gesicht ablesen. Ja, die Moral hat selbst ein Antlitz: Das schlägt der Wahrheit ins Gesicht - so sagt man, wenn die Regelverletzung unübersehbar ist.
Ein Ermittler, der Mienen liest wie andere Bücher, hat also einen enormen Vorteil: Er kann den Text der Wahrheit dort entziffern, wo die Emotionen direkt und ohne Camouflage die Feder führen. Mach nicht so ein Gesicht - dies sollte der Leitspruch aller Missetäter sein, die unerkannt bleiben wollen. Denn in unserer Mimik drücken sich die geheimen Botschaften aus, die unser Intellekt zensieren soll.
Cal Lightman ist dieser Exeget: ein Spezialist für sogenannte micro expressions, minimalste, oft nur Zehntelsekunden währende Regungen im Gesicht. Zorn, Verachtung, Angst, Hass - sie huschen kaum merklich durch die Mimik, und Lightman macht sie erst sichtbar, dann dechiffriert er sie: als zweiten, verborgenen Text, aus dem die Wahrheit spricht.
Der richtige Gesichtspunkt
Mit so einem Talent kann man viel Geld verdienen: Das FBI, die Polizei, die Staatsanwaltschaft, sogar die Regierung buchen Lightman und sein Team. Ein Kompaniechef soll eine Soldatin vergewaltigt haben; ein ranghoher Politiker sucht angeblich Prostituierte auf; eine Richterstochter kommt wegen Mordes vor Gericht, ein Feuerwehrmann hat bei einem Einsatz den Kollegen nicht gerettet: alles Fälle, bei denen konventionelle Verhörmethoden versagten.
Dann übernehmen Lightman und seine Helfer, der zwanghaft ehrliche Eli (Brendan Hines), die Softdrink-süchtige Gillian (Kelli Williams) und Ria (Monica Raymund), das Raubein der Truppe. Und los geht der mit viel technologischem Heckmeck gestützte Analysespaß. Jede noch so kleinste Zuckung, Straffung oder Kräuselung wird verzeichnet und im Zusammenhang des Falls gedeutet. So sind diese Detektive tatsächlich Hermeneutiker des unehrlichen Subjekts. Wie sagt Lightman: "Die Frage ist nie, ob jemand lügt, sondern warum."
Das Ganze wäre nur eine weitere Genrevariation, der nächste Aufguss der Ermittler-Story, in der eine Sonderbegabung das Gemeinwesen beschützt. Ob Mathe-Nerd ("Numbers"), Beobachtungsgenie ("The Mentalist") oder Hellsichtigkeitsbegabte ("Medium"): Der schräge Vogel, der die Verhältnisse gerade rückt, gehört zum Standardprogramm aktueller Serienunterhaltung.
Was "Lie to me" dem Muster hinzufügt, ist eine Idee von Verbrechensbekämpfung, die buchstäblich visionär ist und die moderne Gesellschaften an einem zentralen Punkt ihrer Ängste anspricht. Lightmans Methode, die auf den Erkenntnissen des amerikanischen Psychologieprofessors Paul Ekman beruht, ist nämlich nicht rekonstruktiv, sondern präventiv. Die Katastrophe lässt sich vorhersehen, wenn man nur genau genug das Umfeld von möglichen Tätern und Opfern analysiert.
So wird dann auch ein Attentat verhindert: Man spürt in der Entourage des Diplomaten den potentiellen Killer auf, indem man die geheime Pantomime des Hasses sichtbar macht.
Das Schlimmste verhindern
Liegt nicht eine große Hoffnung in dieser prognostischen Methode? Dass man zum Beispiel die Gesichter von Fluggästen analysieren und aus ihnen den Plan des Massenmords ablesen könnte? Nicht zufällig rekrutiert Lightman eine neue Mitarbeiterin am Flughafen. Ria arbeitet an der Gepäckkontrolle. Weil sie ein Naturtalent ist, das heißt micro expressions intuitiv und ohne technische Hilfe erkennen kann, hat sie die höchste Trefferquote bei Schmugglern überhaupt.
An dieser Figur zeigt sich eine weitere Qualität der Serie: Humor. Gefragt, wie ihr bisheriges Training in der Erkennung von Lügnern ausgesehen habe, antwortet die Latina: "Ich bin mit einer Menge Männern ausgegangen." Auch Roth spielt seinen Ermittler als schlagfertigen Kauz, der einem inhaftierten Gangboss schon mal sagt: Schweigen Sie nur, ich hab selbst kein Vertrauen in die Sprache. Später wird der Gangster doch geständig, natürlich ohne ein Wort zu sagen.
"Du kannst deine Eltern belügen. Mich nicht": So bewirbt der Sender Vox die Serie. In dem Spruch liegt auch eine Drohung. Denn in Lightmans Blick löst sich das Private auf, und von der Analyse zur Indiskretion, von der Recherche zur Überwachung ist es manchmal nur ein kleiner Schritt.
Die moralische Mahnung aber ist vollkommen korrekt: Wenn Lügen nicht helfen, sollte man nichts tun, was einen später zwingt zu lügen.
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Wer bist du, das du dir erlaubst Urteile über andere Fragen zu stellen! mehr...
Ja, genau, alle diese Fragen würde ich in einem Artikel gerne beantwortet haben, auch, WANN die Serie angelaufen ist, sie ist ja schon vergleichsweise alt. Das würde schon zur Einschätzung der Serie beitragen... Und ich will [...] mehr...
Ein Blick in die Zukunft ? Es reicht das zuckende Augenlid - die Maßstäbe, ab wann DU verdächtig/schuldig bist, setzen schliesslich andere. Egal, it's only rock'n roll...Tim Roth ist allemal ein Grund, da nächste Woche mal [...] mehr...
Ich finds ja ganz unterhaltsam und interessant was da passiert. Aber dann reg ich mich jedesmal auf, dass auch der raffinierteste Plan kurz vor Ende jeder Folge flöten geht, nur weil irgend ein Spinner behauptet, jemand hätte mit [...] mehr...
Wollen wir hoffen dass das auch so bleibt. mehr...
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