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12.03.2010
 

Missbrauchsdebatte bei Illner

Scheinheilig in den Triebstau

Von Henryk M. Broder

Bischof Ackermann, Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Besondere Gemengelage"Zur Großansicht
ZDF

Bischof Ackermann, Ministerin Leutheusser-Schnarrenberger: "Besondere Gemengelage"

Ist Ehelosigkeit der Grund für die Missbrauchsfälle bei den Katholiken, ist die Kirche ein Magnet für Pädophile? Ein Bischof und drei Frauen diskutierten bei Illner über die großen Fragen hinter dem aktuellen Skandal. Und brachen doch nicht mit dem naiven Ideal, dass es auf der Welt wirklich Heilige gibt.

Der Bundestag hat einen Wehrbeauftragten, jeder größere Betrieb eine Gleichstellungsbeauftragte und beinahe jede Rundfunkanstalt einen Suchtbeauftragten. Nun hat es auch die katholische Kirche erwischt. Seit kurzem hat sie einen Missbrauchsbeauftragten, was natürlich zu Witzeleien einlädt, ob er Missbräuche verhindern oder nur darauf achten soll, dass sie nicht aufgedeckt werden. Es ist ein relativ junger und sympathischer Bischof namens Stephan Ackermann, der bis jetzt außerhalb kirchlicher Kreise ein Unbekannter war.

Am Donnerstagabend saß er bei Maybrit Illner und musste eine extrem schwierige Aufgabe lösen: Die Fälle von sexuellem Missbrauch an Jugendlichen, die in 22 der 27 Bistümer bekannt wurden, als Einzelfälle zu klassifizieren, ohne sie als Ausnahmen zu verharmlosen. Fehlverhalten von kirchlichen Amtsträgern zuzugeben, ohne es als systemimmanent zu verurteilen.

Keine einfache Übung angesichts einer "Lawine" (Stephanie zu Guttenberg, die Vorsitzende des Vereins "Innocence in Danger"), die "nicht das Ende" (Sabine Leutheusser-Schnarrenberger) der ganzen Geschichte, sondern vermutlich den Anfang eines Erkenntnisprozesses markiert.

Das Thema hieß "Moral predigen, Missbrauch dulden - Wer stoppt die Scheinheiligen?" Und wie immer bei solchen Vorgaben verstand jeder Teilnehmer der Diskussion etwas anderes darunter. Was in den vergangenen Wochen bekannt wurde, sei "erschütternd und beschämend", man müsse "der Wahrheit ins Gesicht sehen", sagte Bischof Ackermann. Sie sei "nicht überrascht", erklärte Alice Schwarzer, "Männer mit pädophilen Neigungen gehen in Berufe, in denen sie mit Kindern zu tun haben", allerdings: Drei von vier missbrauchten Kindern würden "in der Familie missbraucht", nicht in der Schule oder in der Kirche.

Magnet für Pädophile?

So drehte sich die Debatte vor allem um zwei Punkte. Sind "Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit die Wurzel des Problems", ist die katholische Kirche "ein Magnet für junge Männer mit pädophilen Neigungen" (Illner) - oder ist sexueller Missbrauch von Kindern in der Gesellschaft so weit verbreitet, dass er praktisch in allen Gruppen und Institutionen vorkommt, vom konservativen Jesuiten-Kolleg bis zur progressiven Odenwaldschule?

Es gebe "keinen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch", behauptete Bischof Ackermann, der Zölibat sei "ein sperriges Zeichen". Da sei eben die ganze Gesellschaft gefordert, postulierte Alice Schwarzer, sie müsse "eine Haltung und eine Moral" haben.

Wie in der Debatte über die Henne und das Ei ging es auch bei Illner um den Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Werden pädophile Männer bevorzugt Pfarrer, oder führt die Arbeit als Pfarrer auf das Glatteis der Pädophilie? Das sei "eine besondere Gemengelage", sagte Bischof Ackermann, und auch die Justizministerin stimmte ihm bei: "Da kommt viel zusammen in so einer Umgebung."

Extrem naives Konzept

Und so war alles, das gesagt wurde, richtig und falsch zugleich, denn es war in höchstem Maße unspezifisch. Wenn der Missbrauch von Kindern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist, dann ist es wenig hilfreich, sich die katholische Kirche vorzunehmen. Wenn sich die Fälle aber tatsächlich in bestimmten Milieus häufen, in denen die Trennung von Körper und Geist praktiziert wird und vitale Bedürfnisse geleugnet und verdrängt werden, dann liegt die Verantwortung nicht bei der "Gesellschaft", sondern bei denjenigen, die Sexualität primär für ein Instrument der Fortpflanzung halten. Zu sagen, wie in der Diskussion mehrfach geschehen, es gebe Menschen, die ohne Sexualität gut leben könnten, ist so lebensfremd wie die Behauptung, man komme auch ohne Nahrung aus. Niemand würde einen Zusammenhang zwischen Hunger und Mundraub bestreiten, nur bei aufgezwungener Enthaltsamkeit und sexuellem Missbrauch wird ein Zusammenhang gerne verneint.

Worüber bei Illner trotz der Ankündigung im Titel überhaupt nicht gesprochen wurde, war der Begriff des Scheinheiligen, der derzeit Konjunktur hat. Er setzt voraus, dass es tatsächlich Heilige gibt, die im Gegensatz zu den Scheinheiligen sich an die Regeln halten, deren Verbindlichkeit sie predigen. Es ist ein extrem naives Konzept, noch naiver als die Idee, der Mensch sei von Natur aus gut. Die katholische Kirche war die längste Zeit ihres Bestehens keine moralische, sondern eine politische Institution, die mit aller Macht ihre weltliche Macht verteidigte. Erst mit der Entmachtung der Kirche, mit der Trennung von Kirche und Staat, also vorgestern, setzte eine Hinwendung zur Moral ein.

Daher kommt auch die Enttäuschung über Pfarrer, die sich an Jugendlichen vergreifen. Es muss doch irgendwo noch ein Eckchen geben, in dem das Gute regiert, wenn man sich sonst auf nichts mehr verlassen kann. Helene Hegemann hat ihren Roman abgeschrieben, Ryszard Kapuscinski hat seine Reportagen getürkt, der Vorsitzende einer christlichen Partei hat ein uneheliches Kind und Schiedsrichter des DFB lassen diejenigen gewinnen, die kleine Gefälligkeiten großzügig belohnen. Da soll es wenigstens in katholischen Institutionen gesittet zugehen.

Das Frankfurter Kabarett "Die Schmiere" hat vor Jahren ein Programm gespielt, in dem es um Anstand und Moral ging. Das dazugehörige Plakat zeigte eine stilisierte Frauenfigur mit großen Brüsten. Darüber den Spruch: "Auch Nonnen haben welche. Die Natur lässt sich von Gott nicht ins Handwerk pfuschen."

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14.03.2010 von Rainer Helmbrecht: Titel verweigert!

Ich denke, Sie haben einen breiten Weg des Erfolges vor sich. Sie Antworten nicht auf das Problem, sondern ziehen sich auf einen philosophischen Schauplatz zurück. Die Betrachtungen über die Zeit..... genial, sie schreitet [...] mehr...

14.03.2010 von ein_student: ...

Wie ich ihre "Jetztzeit" aufgrund Ihrer Kommentare einschätze, beschreibt Ihr Bild von Pfarramtsstrukturen und Kirchenrecht den Zustand von vor 100 Jahren, ich bleibe da lieber im 21. Jahrhundert. In der Tat liegt also [...] mehr...

14.03.2010 von ein_student: ...

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14.03.2010 von Rainer Helmbrecht: Titel verweigert!

Der Fall, der sich gerade mit dem Papst in seiner Eigenschaft als Bischof von München beschäftigt, beschreibt dass jemand zur "Behandlung" nach München überstellt wurde und der dann erneut straffällig wurde. Also [...] mehr...

14.03.2010 von ein_student: Upps...

Da stimmt wohl was mit meinem Internetzugang nicht... Die Antwort sollte nur ein Mal versendet werden. Was wundern Sie sich denn? Sie haben schließlich Kastration als Allheilmittel vorgeschlagen - weil's bei den Chinesen ja so [...] mehr...

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