Von Hannah Pilarczyk
Einige der besten Fernsehserien kommen aus dem englischsprachigen Raum. Einige der besten Begriffe, um Fernsehen zu beschreiben, auch. "Car crash TV" ist so ein Begriff. Oder auch "cringeworthy".
"Car crash TV" ist Fernsehen, das so schlimm ist, dass es auf perverse Art schon wieder sehenswert ist - eben wie ein spektakulärer Autounfall. "Cringeworthy" hingegen beschreibt Sendungen, die so misslungen sind, dass man beim Sehen zusammenzuckt. Der neue Sat.1-Krimi "Der letzte Bulle" fällt leider in die zweite Kategorie.
Während eines Polizei-Einsatzes Ende der Achtziger wurde Kommissar Mick Brisgau (Hennig Baum, "Mit Herz und Handschellen") schwer verletzt. Seitdem liegt er im Koma. Im Krankenhaus kümmern sich zuletzt nur noch die Krankenschwestern um ihn. Als er nach zwanzig Jahren unerwartet aufwacht, liegen ihm aber nicht Worte der Überraschung auf der Zunge - er startet sein neues Leben mit einer Zote: Eine Krankenschwester hatte gerade angesetzt, ihn zu waschen. Was sich dann an Dialog um "kleine Micks" und "große Micks" entspannt, ist so fürchterlich, dass man es nicht wiedergeben möchte. Immerhin ist man vorgewarnt: Dieses Witzniveau hält "Der letzte Bulle" souverän durch. Aber die Entschuldigung dafür liefert die Serie gleich mit. Schließlich ist Mick ja ein Relikt aus der Vergangenheit.
Koma? Zeitreise? Oder doch nur schlicht verrückt?
Das Prinzip des Clashs der Kulturen mittels Zeitsprung haben sich die Macher von "Der letzte Bulle" bei der britischen Serie "Life on Mars" abgeschaut. Dort erleidet der Polizist Sam Tyler 2006 einen Autounfall und findet sich im Manchester des Jahres 1973 wieder. Aber hat er tatsächlich eine Zeitreise unternommen? Oder liegt er im Koma und halluziniert die Vergangenheit bloß?
Aus dieser Konstellation heraus entspinnt "Life on Mars" ein komplexes Netz von Bewusstseinsebenen. Mit seiner politischen Korrektheit und seinen CSI-Methoden mischt Sam seine alt-neuen Kollegen kräftig auf. Ein Polizist aus der Zukunft? Das können und wollen sie nicht glauben. Doch auch Sam traut sich insgeheim selbst nicht über den Weg - schließlich besteht immer noch die Möglichkeit, dass er einfach nur verrückt geworden ist. So bewahrt sich "Life on Mars" eine Spannung, die bis zum hochdramatischen Ende nach zwei Staffeln anhält.
Von solchen erzählerischen Finten kann man beim "Letzten Bullen" nur träumen. Indem die Serie das Strukturprinzip von "Life on Mars" umkehrt und nur eine Person einen Zeitsprung erleben lässt, spart sie sich die Komplexität des britischen Vorbilds gleich doppelt: Zum einen muss hier keine vergangene Welt mittels Ausstattung geschaffen werden. Wo bei "Life on Mars" die Reifen von orangefarbenen Ford Cortinas quietschen, müssen beim "Letzten Bullen" Micks Lederjacke und Fliegersonnenbrille ausreichen, um den Geist einer Ära heraufzubeschwören. Zusätzlich wird man mit Sound-Schnipseln von Achtziger-Hits akustisch zugemüllt. Fast wundert man sich, dass nicht plötzlich Hugo Egon Balder eingeblendet wird und etwas über Nenas Achselhaare erzählt.
Männlichkeit kann so einfach sein
Viel entscheidender ist aber, dass die Konstellation "Alter Macho trifft modernen Büroalltag" herzlich unoriginell ist. In jedem zweiten deutschen Büro gibt es schätzungsweise ein männliches Urgestein, das seinen Kolleginnen lieber auf den Hintern hauen statt auf den Mund schauen würde. Die britische Serie "The Office" und ihre deutsche Adaption "Stromberg" haben aus dieser Konstellation heraus das Prinzip des Fremdschämens perfektioniert: Fasziniert schaut man zu, wie sich der Chef mit seinem Sexismus eigenständig demontiert.
Beim "Letzten Bullen" ist von Peinlichkeit aber keine Spur. Wenn Mick allein in seiner Jungesellenbude hockt, eine alte U2-Single auflegt und seiner Ex-Frau hinterher trauert, ist der Blick auf ihn sentimental: letzter Bulle, einsamer Wolf - ach, Männlichkeit kann so einfach sein.
Zwischen Popo klapsen und in der Stammkneipe bechern ermittelt "Der letzte Bulle" natürlich auch noch. Dabei muss er sich mit dem ehrgeizigen Jung-Kollegen Andreas Kringge (Maximilian Grill) herumschlagen, der lieber auf DNA-Analyse statt robuste Verhöre setzt. Welche Ermittlungsmethoden Mick bevorzugt, ist klar: Zeugen nicht zu vorsichtig anpacken, vor Ort sein statt am Schreibtisch zu vertrocknen, notfalls auch mal einbrechen, wenn man so besser an Beweismittel gelangt. Letztlich erzielt dann die Mischung aus Kringges und Micks Methoden die größten Erfolge. Doch das bleibt der einzige Mix, der in dieser Serie aufgeht.
"Der letzte Bulle", 20.15 Uhr, Sat.1
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Life on Mars ist als Serie villeicht britisch, aber die Idee dahinter ließe sich problemlos in jedes Land transferieren. Der Doctor als solcher ist aber IMHO eine britische Institution wie die Queen oder 5-Uhr-Tee. Die lässt [...] mehr...
*zu*britisch? na die aktuelle weniger finde ich, aber Life on Mars ist doch auch irgenwo typisch britisch. Von Torchwood sollten sie auch die Finger lassen, da sollte eher mal noch Staffeln 2-4 in D laufen. Die Serie ist ja [...] mehr...
Doctor Who ist glaube ich zu britisch. Die Amis denken/dachten zwar darüber nach, Torchwood zu re-maken, aber vom Doctor lassen auch sie wohlweißlich die Finger. mehr...
Na Tatort kann auch mal ganz gut sein aber Koma-Bulle ist halt eine typische Unterhaltung ohne übermässigen Anspruch; den will Tatort manchmal stellen. Bezweifle ob die wirklich Life On Mars oder Ashes To Ashes (welches ich [...] mehr...
War zumindest ein interessanter Ansatz; nichts was einen vom Hocker reißt, aber verglichen mit dem Schnarchort ist alles ein Fortschritt. Nur das Prinzip von Life on Mars/Ashes to Ashes haben die Macher wohl nicht verstanden, [...] mehr...
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