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19.04.2010
 

Afghanistan-Debatte bei Anne Will

Lieber Mädchenschulen bauen als Taliban bekämpfen

Von Sebastian Fischer

Verteidigungsminister der Reserve: Dirk Niebel zu Gast bei Anne WillZur Großansicht
NDR/Wolfgang Borrs

Verteidigungsminister der Reserve: Dirk Niebel zu Gast bei Anne Will

Welche Ziele verfolgt Deutschland in Afghanistan? Der Tod von sieben Bundeswehrsoldaten innerhalb von zwei Wochen löste eine überfällige Diskussion aus. Bei Anne Will jedoch tauschten uninspiriert ausgewählte Gäste sattsam bekannte Positionen aus - als ob nichts geschehen sei.

Selten war so klar, über welches Thema bei Anne Will gesprochen werden muss. Deutschland ist im Krieg. In den letzten zwei Wochen sind sieben Soldaten der Bundeswehr erschossen oder in die Luft gesprengt worden. Seit September, seit dem fatalen Bombenschlag auf die beiden Tanklaster in Kunduz, ist der Einsatz in Afghanistan endgültig auch hierzulande in der Realität der Menschen angekommen. Das jüngste Sterben der Deutschen im Gefecht hat das Land erschüttert.

Die Leitfrage der Sendung ist damit von vornherein klar: "Gefallen in Afghanistan, gestorben für Deutschland?" In der Redaktion müssen sie Zeit gehabt haben, sich vorzubereiten. Müssen die Gästewunschliste mehrfach durchgegangen sein. Wollen wir nicht den versuchen? Rufst du die mal an? Schön, wenn es so gewesen sein sollte.

Das Ergebnis jedenfalls zeugt von eher simplen Assoziationsketten: Es ist Krieg, man nehme also zwei profilierte Kriegsgegner. Den einen vielleicht aus der Politik, den anderen am besten irgendwie aus der Gesellschaft. Auf der anderen Seite das gleiche Spiel. Dann, klar, einen Soldaten.

Also treten auf: Der Hauptmann der Reserve und Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel als Verteidigungsminister der Reserve. Als seine Gegenspieler: Linke-Fraktionschef Gregor Gysi, der schon immer gegen den Afghanistan-Krieg war und das auch an der ein oder anderen Stelle gern mal bemerkt. Sowie der Feuilletonist Roger Willemsen, der ein Buch über die Menschen in Afghanistan geschrieben hat und eine Art Mini-Niebel ist, weil er "zahlreiche Hilfsprojekte" (Anne Will) vor Ort unterstützt.

Dann gibt's da allerdings noch zwei, die aus dem Rahmen dieses Abends fallen. Kerstin Müller, die außenpolitische Sprecherin der Grünen, zeigt sich unter mannigfaltigen Hinweisen auf das Schicksal diverser Frauenbeauftragter in Afghanistan recht überzeugt vom Bundeswehreinsatz. Und Michael Wolffsohn, Professor für Neuere Geschichte an der Münchner Bundeswehr-Uni, müht sich um emotionslose Logik. Wobei der danebensitzende Gysi stets mit ihm im Clinch über die Redezeit liegt. Wolffsohn kommt in dieser Runde also nicht oft zu Wort. Und das ist schade.

Denn so wird Altbekanntes ausgetauscht. Ein solch volkspädagogisches Engagement des öffentlich-rechtlichen Fernsehens muss man keineswegs bedauern; es ist aber schade, dass nicht mehr drin war. Zum Beispiel eine Diskussion über die Rolle der SPD. Seit dem Verlust der Regierungsmacht verabschiedet sie sich schleichend vom Einsatz am Hindukusch. Zuletzt stimmte sie zwar im Bundestag dem Mandat noch einmal zu, doch in der Partei brodelt es vernehmlich, immer mehr prominente Sozialdemokraten fordern, wie Gysi, den raschen Abzug - zum Beispiel Erwin Sellering, der Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern; oder Ralf Stegner, Parteichef in Schleswig-Holstein.

"Das heißt: Shut up"

Ohne einen Vertreter der sich wandelnden SPD aber geht die Diskussion an ihrer zentralen Stelle ins Leere: Als Anne Will fragt, ob nicht die kritische Diskussion in Deutschland Bundeswehrsoldaten am Hindukusch zum lohnenden Anschlagsziel für die Taliban macht, geht es zwar heftig zur Sache. Allerdings kann keinem in der Runde unterstellt werden, seine Meinung aufgrund der getöteten Deutschen geändert zu haben. Gysis Partei vor 30 Jahren war zwar noch strikt für den Einmarsch der Sowjets in Afghanistan, die Linke heute aber ist strikt gegen den Bundeswehreinsatz.

Wills Frage nach der Instrumentalisierung der deutschen Diskussion ist zentral. Willemsen hält sie für "Propaganda". Niebel meint: "Wir sind das schwächste Glied in der Kette der Alliierten" - wegen der offenen Diskussion. Doch ist die Antwort so kompliziert? Eine Demokratie muss eine solche Debatte aushalten. Verteidigen die Alliierten ein freiheitliches Lebensmodell gegen Terroristen, dürfen sie es nicht zu Hause mit Hinweis auf eben diesen Kampf in Frage stellen.

Kerstin Müller versucht das anzudeuten, will aber um Himmels willen nicht von Krieg sprechen. Lieber von Mädchenschulen. Und so rutscht die Diskussion plötzlich wieder in jene realitätsfernen Bahnen, die die deutsche Politik eigentlich seit wenigen Monaten verlassen zu haben schien - frei nach dem Lassalle-Wort: Sagen, was ist.

Es war aber nicht der Reserve-Verteidigungsminister Niebel, der Müller wieder in die Spur zu setzen suchte, sondern der Historiker Wolffsohn. Mangel an Mädchenschulen gebe es auch woanders in der Welt, ohne dass man dort die Bundeswehr hinschicke: "Wir sind in Afghanistan, weil unsere Sicherheit von dort gefährdet wird, weil deutsche Terroristen in Afghanistan ausgebildet werden." Der zivile Aufbau sei "gut und schön", doch gehe es vor allem um den Kampf gegen die Taliban. Dafür aber seien die deutschen Soldaten "schlecht ausgebildet, schlecht ausgerüstet und ohne Zielvorgabe nach Afghanistan geschickt worden - wie zu einer Bergwanderung".

Das ist nichts anderes als eine Kriegszieldiskussion. Das klingt nicht nett. Das klingt egoistisch. Aber es klingt realistisch.

Gegen Willemsen, der die Taliban im Laufe der Sendung zu einer Art harmlos-folkloristischen Gebirgsschützentruppe herunterredet, mit denen man prima über Mädchenschulen verhandeln kann, greift Wolffsohn dagegen zu einer nicht ganz harmlosen Verbalwaffe: "Objektiv sind all diejenigen, die sagen: schnellstens raus, unfreiwillige Helfer der Taliban-Strategie. Das müssen Sie sich überlegen, Herr Willemsen." Und der Attackierte versteht sofort: "Das heißt: Shut up!" Gysi findet das auch: "Das ist richtig Blödsinn." Niebel eilt an Wolffsohns Seite: "Sie sitzen hier moralinsauer, während andere ihr Leben riskieren." Gysi bemerkt: "Weil Sie sie hingeschickt haben."

Da ist man plötzlich wieder fern der Realität. Denn realitätsfern ist dieses moralische Niedermachen der Position des jeweils anderen allemal.

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Die neuesten Beiträge:
21.04.2010 von Meerkönig: Das bedeutet auf jeden Fall nicht Gutes!

So wie sie sich hier auf plustern, nehme ich an, dass sie zum „ehrenwerten“ Berufsstand der Militärs gehören. Die Militärs waren noch nie gute Berater, egal für welche Regierung ,in Deutschland. Nicht zuletzt deshalb, hat [...] mehr...

21.04.2010 von bfz: ...

Aber aber, das machen wir doch schon. Durch Desertec verringert sich die Abhängigkeit von Öl-Regiemen. Ok wir sind dann von Sonnen-Regiemen abhängig, aber egal die haben ja einen anderen Namen. [...] mehr...

21.04.2010 von Timson: Kleiner Rundumschlag

Immer wieder interessant, wie hier von den "Deutschen" und dem "Naziregime" gesprochen wird. Unter uns gesagt kann man das garnicht von einander Trennen, weil die Nazis Teil der bevölkerung war und die [...] mehr...

21.04.2010 von M. Michaelis: ...

Seit wann sind die Taliban tot ? mehr...

20.04.2010 von takeo_ischi: .

Ich war eigentlich schon immer gegen den Einsatz der BW in Afg, da ich der Meinung bin, die BW ist eine Verteidigungsarmee. Und D wird entgegen der Struckschen Aussage eben nicht am Hindukusch verteidigt. Im Gegenteil wurde D ja [...] mehr...

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