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27.04.2010
 

Missbrauchsdebatte bei "Beckmann"

Verloren in der Verharmlosung

Von Reinhard Mohr

Reinhold Beckmann: Es geht immer auch um MachtausübungZur Großansicht
NDR / Morris Mac Matzen

Reinhold Beckmann: Es geht immer auch um Machtausübung

Eine normale biologische Reaktion? Ein menschliches Problem? Die Runde aus Geistlichen, Opfern und Politikern bei "Beckmann" sollte das Thema Missbrauch von Schutzbefohlenen diskutieren. Die Debatte nahm befremdliche Züge an - Klartext sprach schließlich der Moderator selbst.

Seit zweieinhalb Monaten redet die Republik nun schon über sexuellen Missbrauch und Gewalt gegen Heim- und Internatszöglinge, Ministranten und "Domspatzen", Schülerinnen und Schüler. Und immer noch gibt es ein ungläubiges Staunen: Das kann doch alles nicht wahr sein, oder? Dabei sind die Veröffentlichungen wohl erst der Anfang.

"Öffentliche Skandale - den Medien sei Dank - vermögen das kollektive Gedächtnis zu prägen, wenn sie moralisch Gewicht haben", schrieb der emeritierte Soziologie-Professor Franz-Xaver Kaufmann am Montag in der "FAZ". "Man möchte hoffen, dass die Eiterbeule nunmehr geplatzt ist, wenigstens in Deutschland."

Ja, man möchte es hoffen. Doch am Montagabend bei "Beckmann" war das buchstäblich alle Grenzen überschreitende Thema schon wieder in Gefahr, im großen Gerede weichgespült zu werden. Am Ende der Sendung sah sich Moderator Reinhold Beckmann höchstpersönlich genötigt, Klartext zu reden: "Liebe ist nicht Gewalt. Sie reden am Thema vorbei!"

Lebenslang prägende Erfahrung

Der Adressat seines emotionalen Ausbruchs war der Schriftsteller Bodo Kirchhoff, der im Alter von zwölf Jahren selbst Opfer der sexuellen Übergriffe eines Internatslehrers geworden war - eine lebenslang prägende Erfahrung, die er in einem Essay für den SPIEGEL (11/2010) eindrucksvoll geschildert hat. Bei Beckmann aber wollte er plötzlich von dem Begriff "Opfer" nichts mehr wissen. "Leidtragender" sei er, das schon, aber im Kern gehe es doch um "ein menschliches Problem".

Die Sexualität des Menschen an sich, der Eros, bringe immer wieder "Verschmelzungsphantasien" hervor, die die Grenzen zwischen Täter und Opfer hier und da verwischen könnten. "Ich kann diesen Wunsch, jemanden zu begehren, durchaus verstehen", sagte Kirchhoff und bedauerte gar, dass kein "Täter" in die Runde eingeladen worden war.

Kirchhoffs Versuch, die Sexualität des Menschen gleichsam selbst zum Ungeheuer, zum eigentlichen "Täter" zu erklären, war umso befremdlicher, als zu Beginn der Sendung per Einspielfilm in aller Ausführlichkeit ein junger Zeuge namens "Christopher" zu Wort kam, der von 2001 bis 2007 seinem Priester im Bistum Aachen hundertfach sexuell zu Diensten sein musste - ein ganz neuer Fall also, den der SPIEGEL in seiner letzten Ausgabe (16/2010) erstmals öffentlich gemacht hat. Und selbst in diesen Tagen noch reagierte das Bistum hinhaltend und zögerlich.

Antrainierte Scheinheiligkeit

"Warum finanzieren Sie zum Beispiel nicht einfach den Anwalt für Christopher?" So direkt fragte der einschlägig engagierte Sozialpädagoge Johannes Heibel den ihm gegenübersitzenden Bischof Stephan Ackermann, Missbrauchsbeauftragter der katholischen Kirche.

Als Bischof von Trier könne er nicht über Gelder anderer Bistümer verfügen, antwortete der. Doch klar, mit dem jahrzehntelangen "Täterschutz" der Kirche müsse Schluss gemacht werden. Allein im Bistum Trier seien bislang 28 Priester ermittelt, denen sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen vorgeworfen werde, und bei der bundesweiten Hotline hätten sich bis jetzt bereits mehr als 1600 Opfer gemeldet, Tendenz steigend.

Aber auch Ackermann sprach seltsam gebremst, womöglich gar ein wenig benommen von der Flut der Fälle, mit denen er nun konfrontiert ist. Er bedauerte den akuten "Vertrauensverlust" der katholischen Kirche und nannte den Rücktritt des Augsburger Bischofs Mixa "tragisch" - ein recht eigentümliches Attribut für einen vom Papst berufenen Mann Gottes, der aus freien Stücken nicht einmal dazu in der Lage war, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen und wahrhaft Zeugnis abzulegen über seine Verfehlungen.

Auch beim Abtprimus Notker Wolf, dem obersten Repräsentanten der Benediktiner, spürte man diesen ziemlich unchristlichen Hang zur wolkigen Beschönigung, bei der die antrainierte Scheinheiligkeit allemal über die konkrete Wahrheit zu triumphieren scheint. So dozierte er allgemein über die "Versuchbarkeit des Menschen" und seine "normale biologische Reaktion", was immer das genau heißen sollte. Sein Rezept gegen die überall lauernde teuflische Herausforderung der erotisierten Allnatur: Niemals auf dasselbe Sofa mit den Schülern! Als ob das, etwa im Benediktinerkloster Ettal, das Problem gewesen wäre, wenn die Knaben brutal verprügelt und misshandelt wurden.

Machtausübung und Herrschaft

Wundersam auch, dass der in Rom ansässige oberste Benediktiner in all den Jahren und Jahrzehnten gar niemals etwas gehört oder gesehen haben will von dem, was nun massenhaft ans Tageslicht kommt - und man ahnt, dass er ohne die vielen Zeugen, die nun den Mut finden, sich zu melden, und ohne die Aufklärungsarbeit der freien Presse auch in zehn Jahren noch nichts wüsste.

Es war Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), die in diesem unterschwellig wirksamen Verharmlosungsdiskurs klare Kante zeigte: "Es gibt Grenzen", sagte sie, Regeln und Gesetze, die für alle gelten und mit eindeutigen strafrechtlichen Konsequenzen bewehrt seien. Nur beim Thema Verjährungsfrist war sie anderer Meinung als Opferberater Heibel, der für eine komplette Aufhebung plädierte und im Übrigen eine Art unabhängiges Amt für Opferschutz und Prävention forderte.

Als zum Schluss noch die seit 2007 amtierende Leiterin der einst wegen ihrer "Reformpädagogik" hochgerühmten Odenwaldschule am Tisch Platz nahm, stellte Reinhold Beckmann eine letzte Frage: Sind es die geschlossenen Systeme, ob kirchlich oder privatrechtlich, die den Missbrauch begünstigen?

Und plötzlich fiel das Wort von der "Familie", ob im biologischen oder sozialen Sinne, und an dieser Stelle wünschte man sich, dass die Debatte weiterginge. Denn eines haben die letzten Wochen gezeigt: Gerade bei der pädagogisch angeblich so begrüßenswerten Nähe zwischen Erziehern und Schülern, ob religiös oder weltlich, geht es immer auch um Machtausübung und Herrschaft.

Gegen die aber helfen nur Regeln des Respekts und der Distanz, kurz: der Freiraum einer öffentlichen und demokratischen Sphäre, in der das Individuum sein Recht findet.

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insgesamt 182 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.04.2010 von rumble22: Schlimm!

Hallo Elisa1, Sie können sich wahrscheinlich kaum vorstellen, wie leid mir das tut, was ich da von Ihnen gelesen habe, vor allem mit dem Bild im Hinterkopf, wie Sie von sich meinten, immer die Kleinste gewesen zu sein. Schon [...] mehr...

29.04.2010 von tzscheche: xxx

Das sehe ich auch so, siehe hier (http://forum.spiegel.de/showpost.php?p=5369871&postcount=2235). mehr...

29.04.2010 von dramaticmoments: Irland

Die ZEIT hat eine umfassende Chronologie über Zwanzig Jahre Aufklärungsarbeit (http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-04/missbrauch-irland-chronologie?page=all) in Irland veröffentlicht. Ich bin zwar juristischer Laie, [...] mehr...

29.04.2010 von tzscheche: Misshandlung vs. Missbrauch

Das halte ich, mit Verlaub, für eine sehr gewagte These. Sie implizieren damit ja, dass man zum Missbrauchsopfer quasi prädestiniert ist bzw. vorab konditioniert wird. Wie erklären Sie mit diesem Interpretationsmuster z.B. [...] mehr...

29.04.2010 von Bernhard Fischer: ztqhro

Sie sprechen etwas sehr wesentliches hier an, KV491 und dafür sei Ihnen Dank ausgesprochen Genau dieser Eindruck entsteht hier aber bei den Leidtragenden sexueller Gewalt – und Borniertheit zeigt sich in so Sätzen wie:“...Sie [...] mehr...

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