ThemaTelevisionenRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
09.05.2010
 

RTL-Selbstparodie "C.I.S."

Feixen auf der Resterampe

Von Christian Buß

RTL-Eigenverwurstung: Trash as Trash can
Fotos
RTL

Mit "C.I.S. - Chaoten im Sondereinsatz" verwurstet RTL fast sämtliche seiner Dokusoaps und US-Krimi-Importe zu einer Thriller-Komödie. Die Überraschung dabei: Das Trash-Format liefert amüsante Einblicke in die umfassende Resteverwertungsmaschinerie des Senders.

Das Geheimnis des Erfolges von RTL? Bei dem quotenträchtigsten und finanziell erfolgreichsten deutschen Privatsender bleibt einfach nichts liegen. Selbst heruntergewirtschaftete Fernsehschaffende und endlos durch den Fleischwolf gedrehte Konzepte werden hier noch einmal in den Verwertungskreislauf eingespeist - und fahren auf einmal wieder Quote ein.

Man nehme nur das "Dschungelcamp", bei dem RTL die Trash-Starlets, die der Unterhaltungskonzern zum Teil zuvor selbst produziert hat, ins Programm hebt: Durch die totale Entblößung generieren sie noch einmal Aufmerksamkeit und Zuschauerzahlen. Im Gegenzug spendiert der Kölner Senderverbund dann doch noch mal eine Doku-Soap auf RTL II.

Im Mediendeutsch spricht man bei einer solch übergreifenden Verwurstungsmaßnahme von Synergie, ein Schlachter nennt es schlicht und einfach Resteverwertung: Was beim Filetieren auf den Boden fällt, das wissen auch die Verantwortlichen von RTL, daraus kann man immer noch prima Buletten oder Salami machen.

Apropos Schlachter: Bei dem beginnt denn auch die RTL-Krimi-Komödie "C.I.S." - und zwar ausgerechnet mit einer Szene, mit der die ganz eigene Salami-Taktik des Senderverbunds gekonnt wurstig auf den Punkt gebracht wird. Der Held des Films (vom abgehalfterten Popstar Sasha RTL-kompatibel verkörpert) ist ein ehemaliger Pathologe, der nach seinem beruflichen Abstieg in einem Schlachthof sein Skalpell zum Einsatz bringt. Nachdem er mal wieder übertrieben präzise seine Arbeitsutensilien geschwungen hat, steht da auf einmal die RTL-Moderatorin Vera Int-Veen und greift sich eine gigantische, übrig gebliebene Schweinekeule.

Smarte Verwurstung

"Wieder mal eine Großfamilie glücklich machen?", fragt der Ex-Gerichtsmediziner die Fernsehfrau in Anspielung auf ihre Sendung "Helfer mit Herz", in der Hartz-IV-Empfänger zur Ergötzung des Zuschauers mit allerlei Billigwaren beglückt werden. "Nö", sagt Int-Veen, die das Fleischstück hinter sich herzieht, um es offensichtlich abseits der Kamera alleine zu verschlingen. Trockener hat noch niemand den feisten Benefiz-Voyeurismus nach RTL-Art auf den Punkt gebracht.

Und so geht es in "C.I.S." die ganzen 90 Minuten lang: Ob "Richter" Alexander Hold, "Restauranttester" Christian Rach, "Einrichtungsberaterin" Tine Wittler oder "Finanzberater" Peter Zwegat - all die Visagen des fingierten RTL-Aufklärungs- und Beratungsfernsehens haben kurze Cameos in einem Krimi-Plot, für den beim Senderverbund laufende US-Serien-Importe wie "CSI" nachgeahmt wurden.

Der Witz ergibt sich vor allem durch den Clash der doch so unterschiedlichen TV-Klassen: Der RTL-Sitz Köln sieht in dem Film zuweilen tatsächlich so schnittig und modern aus wie das Miami aus dem Florida-Ableger von "CSI". Nur das hier eben immer wieder die verschlafenen Doku-Soap-Beglücker in die edle Kulisse stolpern.

Wie in US-Parodien im Stile von "Hot Shots!" oder "Date Movie" werden Look und Erzähltechnik des entsprechenden Genres (hier eben die modernen Profiler-Serien) samt Split-Screen und Skyline-Shots perfekt nachgeahmt - um sie dann in lustigen Schockmomenten ins Absurde zu drehen. So patent und umfänglich wie Regisseur Eric Haffner ("Pro Sieben Märchenstunde") hat das im deutschen Fernsehen bislang noch niemand hingekriegt. Klar, der ProSieben-Hit "Switch Reloaded" bleibt hierzulande in Sachen TV-Parodie unerreicht, aber die Sendung arbeitet eben auch nur mit kurzen satirischen Spots.

Kopulation als Slapstick

"C.I.S." funktioniert nun auf 90 Minuten. Und das hat auch damit zu tun, dass mit der "Switch Reloaded"-Frontfrau Martina Hill und "Two Funny"-Comedian Alexander Schubert zwei der wirklichen komischen Talente des deutschen Fernsehens im Kölner Profiler-Team mitmischen. Bei denen stimmt im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen das Timing, kaum ein Gag wird ausgewalzt; abstruse Gesellschaftstanz- und Kopulationsszenen verwandeln sich bei ihnen in 30-sekündige Slapsticknummern.

Stellt sich nur noch die Frage, wo eigentlich RTLs Doku-Soap-Star Katarina Saalfrank alias die "Super Nanny" abgeblieben ist. In einer kurzen Szene, wo eigentlich deren Pädagogik-Knowhow gefragt wäre, gucken die Hauptdarsteller nur verzagt in die Kamera und gestehen: Die hätten sie nicht gekriegt, vielleicht werde es mit ihr aber was in der Forstsetzung.

Das kann die "Super-Nanny" ruhig als Drohung verstehen: Wer bei RTL mitmacht, verpflichtet sich nun mal zur Rundum-Verwurstung seiner eigenen Person. Da lacht der Schlachter.


"C.I.S. - Chaoten im Sondereinsatz", Sonntag 20.15 Uhr, RTL

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 23 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
11.05.2010 von SirTurbo: Aktion automatische Überschrift

Kenne weder die Band noch den Film - aber mit Praktikantenfilm wäre ich vorsichtig... Ich kenne mindestens einen Profi der ziemlich sauer wäre wenn man seine frühen Werke so bezeichnen würde als er noch hauptsächlich Sänger und [...] mehr...

10.05.2010 von Grzegorzyk: Kann's mir nicht verkneifen . . .

. . . aber es heißt eigentlich Steg-reif, ohne H, und meint nichts anderes als den Steigbügel beim Reiten. Woher sich auch der Sinn erklärt. Etwas nebenher erledigen, ohne größere Mühe darauf zu verwenden, unvorbereitet, etc. mehr...

10.05.2010 von Bala Clava: Stehend ergriffen

"Stehgreif"? Neue Spezies? Was ist das, ein gelandeter Adler? So wie bei dem Tiger und dem Bettvorleger: "Als Adler gestartet und als Stehgreif gelandet"? mehr...

10.05.2010 von m-pesch: ...

Da waren eigentlich so gut wie gar keine Schauspieler dabei. mehr...

10.05.2010 von Grzegorzyk: Traumatisiert

Gestern abend habe ich in diesen Film hineingeschaut. Ich vermute, der SPIEGEL-Rezensent hat über einen anderen Film geschrieben, oder war zu der Zeit nicht auf dem Planeten Erde. Bei diesem Film stimmte nichts, wie ich es aus [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik TV
alles zum Thema Televisionen

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP