Hamburg - Die Freude über den deutschen WM-Auftaktsieg ist groß - aber was Katrin Müller-Hohenstein an diesem Sonntagabend zum Treffer des lange umstrittenen Miroslav Klose zu sagen hatte, ging vielen Fans dann doch zu weit. In der Halbzeitpause kommentierte Oliver Kahn gerade den Torwartfehler, der zum 2:0 führte, da rutschte es der ZDF-Moderatorin raus: "Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft." - Kahn: "Ja, das ist für ihn eine Erlösung."
Ein Wortwechsel, der prompt auf YouTube dokumentiert wurde und zu Protesten führte. Der an die Nazi-Zeit gemahnende "innere Reichsparteitag" ausgerechnet bei einem Spieler mit polnischen Wurzeln - das ging manchem zu weit. Bei Twitter entlud sich die Empörung, unter dem Stichwort reichsparteitag entbrannte nach den Sätzen eine Debatte über Müller-Hohenstein: "Unfassbar", "ein absolutes No-go", "und das bei einer Profijournalistin", lauteten einige Reaktionen.
Andere nahmen die Sache weniger ernst ("Deutschland, bleib mal locker!") oder mit viel Spott: "Leute, ihr schießt da echt mit V2-Raketen auf Spatzen" und: "Jawohl, mein Tabellenführer!" Schnell verbreitete sich ein witzelnder Text der "taz" mit der Überschrift "Nazi-Skandal beim ZDF": "Was ist da los beim Opa-Sender? (...) Schäm dich, ZDF! Das haben unsere Multi-Kulti-Zauber-Jungs nicht verdient!"
Auf Facebook gibt es inzwischen mehrere Gruppen gegen Müller-Hohenstein ( 1, 2, 3, 4), ein Blogger veröffentlichte einen Formbrief zum Verschicken ans ZDF ("Ihr Spruch spaltet und diskriminiert").
Die Online-Redaktion des ZDF reagierte auf Twitter mit Distanz zur Moderatorin: "Liebe Follower, wir verstehen Eueren Unmut. Wir geben das morgen weiter." Dazu steht ein Verweis auf die Kontaktseite des ZDF, ergänzt um einen weiteren Tweet: "Wir vom twitter-Team geben natürlich Eure Meinungen weiter. Aber wir haben keinen direkten Draht zu KMH (Kürzel der Moderatorin, d.Red.). Sorry!" Und, noch deutlicher: "Wir haben diese 'Redewendung' erklärt, jedoch heißt das nicht, dass wir sie gut finden oder unterstützen. Ganz und gar nicht!"
Die Redewendung zu erklären versuchten auch andere Twitterer. Sie verwiesen auf eine Wikipedia-Diskussion, der zufolge man "einen inneren Reichsparteitag erleben" durchaus als ironische Distanzierung zur Nazi-Zeit verstehen kann - ein Lexikoneintrag wird angeführt, der eine "parodistische Beziehung auf die bombastischen Reichsparteitage der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren" diagnostiziert.
Das ZDF reagierte kaum eine Stunde nach Abpfiff: Sportchef Dieter Gruschwitz ließ über Twitter mitteilen, es sei eine "sprachliche Entgleisung im Eifer der Halbzeitpause" gewesen. "Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung." So etwas werde "nicht wieder vorkommen".
plö
Auf anderen Social Networks posten:
Denke ich auch. Diese Familie ist offensichtlich in der Lage, auf ernste Themen anders zu reagieren als mit der ewig gleichen Betroffenheitsfratze, wie man sie bei Menschen sieht, die in der Öffentlichkeit stehen. Das sind [...] mehr...
Humorlose und verklemmte Sprachpolizisten können sich natürlich wieder über jede unbedeutende Nichtigkeit aufregen. mehr...
..... Zudem ist dieser "innere Parteitag" zwar unerfreuliche, aber übliche Sprachwendung. Einfach unsinnig, jedes öffentlich gesprochene Wort derart auf die Goldwaage zu legen. Aber gut, wer keine anderen Probleme [...] mehr...
Diese Übersensibilisierung in den Medien ist total überzogen. Jeder der auch nur im Hauch diese Moderatorin kritisiert sollte mal in den Spiegel schauen und sich überlegen, ob keine anderen Probleme hat. Es gibt in Deutschland [...] mehr...
Nun wird wieder die kreative Debatte bei Will, Maischberger und Illner losgehen, KZ, Autobahn, Jude oder Jugendamt nicht sagen zu dürfen. Oder 5 Uhr 45. Kerner, bitte Müller-Hohenstein und zwei bis drei hochaufgeregte und immer [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Willkommen im WM-Studio | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH