• Drucken
  • Senden
  • Feedback
29.06.2010
 

TV-Kritik zum 18. WM-Spieltag

Anti-Sommermärchen in Neukölln

Von Reinhard Mohr

Jubeln hier gemeingefährliche Flaggen-Nazis? Deutsche Fans nach dem 4:1 gegen EnglandZur Großansicht
REUTERS

Jubeln hier gemeingefährliche Flaggen-Nazis? Deutsche Fans nach dem 4:1 gegen England

Auf'm Platz lief am 18. Spieltag alles nach Plan; viel entscheidender sind die Nachwirkungen des deutschen 4:1 gegen England: Antifaschisten bekämpfen schwarzrotgoldene Flaggen, Miroslav Klose wird auch als Mensch gebraucht und Jogi Löw könnte sogar die Bundespräsidentenwahl entscheiden.

Was geguckt? Niederlande-Slowakei (ARD), Brasilien-Chile (ZDF)

Was ist passiert? Das 4:1 gegen England wirkt nach. "I don't like Mondays" - das gilt nur für Bob Geldof und die Boomtown Rats, Campino und seine britischen Leidensgenossen. Der Rest, ganz Deutschland, ach was: die ganze Welt staunte auch noch am Tag danach über Jogi Löws Buben, die Lampard, Rooney & Co. zurück auf die Insel geschossen haben.

Am Sonntagabend war nicht nur der Berliner Kurfürstendamm eine glühende schwarzrotgoldene Partyzone, und wenn der optische Eindruck nicht täuscht, nimmt die Beflaggung von Autos, Fahrrädern und Balkonen weiter zu.

Auch in Berlin-Neukölln, dem Multikulti-Kiez par excellence. Vor allem Deutschtürken und Deutscharaber staffieren ihre Läden schwarzrotgold aus. Das konnten die Szene-"Autonomen" vom schwarzen Block - "Nie wieder Deutschland!" - natürlich nicht dulden. Der antifaschistische Kampf kennt keine Gnade, und auch ein Kleinhändler aus dem Libanon kann ein gemeingefährlicher Flaggen-Nazi sein.

Dramatisch zugespitzt hat sich der Berliner Kulturkampf um den politisch korrekten WM-Fahnenschmuck an der Ecke Sonnenallee/Pannierstraße vor "Bassal's Elektro-Shop", wo Ibrahim Bassal und seine Freunde ein gigantisches Flaggentuch aufgehängt haben. Dreimal schon wurde es von autonomen Einsatztruppen zerstört, die das kollektiv verankerte deutsche Naziungeheuer auch noch im voll integrierten türkischen Gemüsehändler bekämpfen.

Doch auch schwarzrotgold drapierte Autos sind zur Zielscheibe revolutionärer Attacken geworden. Die politische Stoßrichtung ist glasklar: Nieder mit Özil, Cacau, Khedira und den anderen blondgermanischen Nazi-Bestien! Der Schuss ist fruchtbar noch. Den deutschen Antifaschismus in seinem Lauf halten weder Mesut noch Yussuf auf.

Fast vergessen könnte man bei alldem, dass entscheidend natürlich immer noch auf'm Platz is', und da hatten es am Montagnachmittag die Holländer nicht allzu schwer gegen die Slowaken. Ein brillanter Arjen Robben genügte zum Sieg.

Auch Brasilien machte es kurz und schmerzlos beim 3:0 gegen Chile. Das psychologische Geheimnis des deutschen Erfolgs offenbarte im Ersten derweil der genesene Miroslav Klose: "Es ist schön, dass meine Person gebraucht wird. Und ich als Mensch. Der Trainer redet wirklich jeden stark."

Aber auch das Fernsehen macht jeden stark. Jedenfalls an diesen heißen Tagen, da vor fast jeder Kneipe und jedem zweiten Restaurant die Flachbildschirme stehen. Wo sonst die Glotze eher zur Vereinzelung verführt, wird sie umsonst & draußen bis in die Nacht zu einem ganz neuen Kommunikationsmittel, zu einem kollektiven Euphoriedisiakum. Wie gestern Abend, als man vom Potsdamer Platz bis zum Café am Neuen See, vom Bundespressestrand bis zur "Ständigen Vertretung" (StäV) am Schiffbauerdamm schlendern (oder radeln) konnte und wie im Vorübergehen das Spielgeschehen verfolgte. Eine merkwürdige Mischung aus Realität und Virtualität.

Im Minutentakt blieben vorzugsweise ältere Herren, die gerade aus dem Theater kamen, stehen, um das jeweils letzte Tor der Brasilianer in Zeitlupe zu begutachten.

Zugleich sorgt der flächendeckende massenmediale Klangteppich aus Werbetrailern, Anmoderationen, Interviews und Schaltgesprächen für jenes heitere Hintergrundrauschen, das auch Fußballverächtern im Ohr bleibt. Ein Hauch von Thing wehte durch die warme Hauptstadtluft, und selbst der "Fan-Experte" des ZDF, der alerte 26-jährige Student Dennis Wiese, konnte daran nichts mehr ändern.

Was war der Höhepunkt des Tages? Der Dauerflirt zwischen Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn. Stichwort "Innerer Reichsparteitag". Thema diesmal: Wann und wie oft dürfen die Spielerfrauen ins Mannschaftshotel? Entscheidende Frage: Bringt es was für den Spielaufbau? Und natürlich die Bilder von den Müllers am Ammersee beim "Family-Viewing". Bei der Gelegenheit: Public viewing heißt eigentlich Aufbahrung des Leichnams, öffentliches Totenbegängnis. Ist manchmal ja auch was Wahres dran. Siehe England.

Der Tiefpunkt? Der erbarmungswürdig schlechte, kackblöde und oberpeinliche Deutschrap der fluchwürdigen Gruppe "Blumentopf" im Ersten. Aufhören und ab in die Muttererde! Dann doch lieber gleich "So sehn Sieger aus - Schallalllallaalah!"

Was bleibt vom Tag übrig? Eine spannende Frage: Wie wirkt sich das heiße Sommermärchen 2010 auf die Wahl des Bundespräsidenten am Mittwoch aus? Anders gesagt: Wenn Jogi Löw zur Wahl von Joachim Gauck aufrufen würde, sähe dann Christian Wulff noch blasser, opportunistischer und schwiegersohniger aus als sowieso schon?

Und heute? Paraguay-Japan (16 Uhr, ARD), Spanien-Portugal (20.30 Uhr, ZDF)

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 26 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
29.06.2010 von grobervaddi: wer weiss

den kennt wohl nur mr_supersonic.. mehr...

29.06.2010 von sozialminister: Rischtisch

Dann soll man mir aber bitte auch keine objektiven Wertungskriterien entgegenschmettern, die sich nicht mal im Ansatz erfüllen. Die Behauptungen ihre Texte seien intelligenter als die von Bushido/Kay One (wollen ja fair sein [...] mehr...

29.06.2010 von Redigel: dr.

Musik ist und bleibt vom Geschmack abhängig und Geschmäcker sind halt verschieden. Darüber lässt sich streiten, dass ist aber Geschmackssache... mehr...

29.06.2010 von Redigel: Dr.

Zu a) Ich sehe das leider völlig anders... Mit meinem Beitrag wollte ich auf die Doppeldeutigkeit nicht nur hinweisen, sondern sie explizit ansprechen. Zu b) Wenn sie gute Witze lesen wollen, - ob politisch oder nicht - [...] mehr...

29.06.2010 von sozialminister: Blumentopf

---Zitat--- Der erbarmungswürdig schlechte, kackblöde und oberpeinliche Deutschrap der fluchwürdigen Gruppe "Blumentopf" im Ersten. ---Zitatende--- Danke! Endlich mal einer der es ausspricht! Ich als Rap-Fan kann [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
alles aus der Rubrik TV
alles zum Thema Willkommen im WM-Studio

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP



TOP