Von Marc Pitzke, New York
Einen Tag nachdem er angekündigt hatte, in Rente gehen zu wollen, war Larry King schon wieder in Hochform. Am Mittwoch rührte der CNN-Talkmaster seine übliche Mischung aus Politischem, Privatem und Pikantem an. All das verkörperte sein Gast: Elizabeth Edwards, (Noch-)Ehefrau des Ex-Präsidentschaftsbewerbers John Edwards.
Es war Edwards' erstes großes TV-Interview seit der spektakulären Trennung von ihrem Mann, der mit einer Geliebten samt unehelichem Kind Negativschlagzeilen gemacht hatte. Fahrig und nervös betete die 60-Jährige, von Krebs gezeichnet, noch einmal alle Details der leidigen Affäre herunter. King, in lila Hemd und schwarzen Hosenträgern, spielte den höflichen Stichwortgeber und las ein paar Passagen aus ihrem jüngsten Buch vor.
"Es ist eine Freude, Sie zu kennen", gurrte King zum Abschied. "Bleiben Sie uns erhalten." Worauf sie antwortete: "Sie uns auch, Larry."
Das war wohl Wunschdenken, was dessen Talkshows angeht. Am Vortag hatte King, 76, das Ende seiner legendären Sendung angekündigt. Nach 53 Jahren im Geschäft, nach mehr als 50.000 Interviews und einem Eintrag im "Guinness-Buch der Rekorde" wolle er seine Hosenträger im Herbst an den Nagel hängen: "Es ist Zeit." Spontan riefen Promis an, um ihrer Trauer Ausdruck zu verleihen, allen voran die frühere First Lady Nancy Reagan.
Von Malcolm X bis Lady Gaga
Kings Halbruhestand - er wird die Show aufgeben, aber weiter Specials produzieren - ist in der Tat eine Staatsaffäre. Erst im Radio und dann seit 25 Jahren für CNN schrieb King Mediengeschichte. Seinen Gesprächspartnern spielte er die Bälle regelrecht zu - und hat so jeden US-Präsidenten seit Gerald Ford vors Mikrofon gelockt. Barack Obama ließ sich zuletzt Anfang Juni befragen.
Hinzu kamen internationale Staatenlenker (Tony Blair, Michail Gorbatschow, Jassir Arafat), Stars aller Couleur (Marlon Brando, Liz Taylor, Madonna, Paul McCartney, Lady Gaga), Figuren der Zeitgeschichte (Malcolm X, John F. Kennedy Jr.) und vor allem die Skandal-VIPs des jeweiligen Tages (O.J. Simpson, Monica Lewinsky).
Er war, er ist der größte Star bei CNN. In den letzten Monaten jedoch hat King - der sich selten vorbereitet - seinen "golden touch" verloren. Die Interviews wurden immer bizarrer, die Fragen abseitiger, die Relevanz fraglicher. Die Quoten stürzten ab.
Kings TV-Publikum hat sich in nur einem Jahr mehr als halbiert. Mit durchschnittlich 674.000 Zuschauern pro Abend war das zweite Quartal 2010 das schlechteste in Kings Karriere, trotz einer hochkarätig besetzten Jubiläumswoche. Die Rivalen Sean Hannity (Fox News) und Rachel Maddow (MSNBC) schlagen ihn täglich. Selbst Neuzugang Joy Behar vom CNN-Schwesterkanal HLN (vormals Headline News) hängt ihn inzwischen oft mit Leichtigkeit ab.
Absturz und Abgang Kings sind symptomatisch für die gesamte Krise beim US-Flaggschiff von CNN, dem ersten 24-Stunden-News-Sender der Welt, der eigentlich von den Krisen anderer lebt und plötzlich mit der eigenen kämpft. "Larry King Live", in den USA um 21 Uhr Ortszeit ausgestrahlt, war immer der Anker der CNN-Primetime. Doch mit der Show kränkelt längst auch der Rest des Abendaufgebots: Die Quoten rasseln in den Keller, die Stars fliehen.
Christiane Amanpour wechselte zu ABC News
In der Kabel-News-Konkurrenz ist CNN in den lukrativsten TV-Werbestunden (19 bis 23 Uhr) mit im Schnitt 569.000 Zuschauern vom ersten auf den dritten Platz abgeschmiert, hinter Fox News (1,9 Millionen) und MSNBC (758.000) - und manchmal sogar hinter HLN und den Wirtschaftssender CNBC, der im Februar mit den Olympischen Winterspielen Gold einfuhr.
Der Abwärtstrend in diesem zentralen Zeitraum plagt CNN seit 2009 und setzt sich dieses Jahr kräftig fort. Die Zahlen des zweiten Quartals 2010, die ironischerweise am Tag des King-Abgesangs herauskamen, sind die schlechtesten in neun Jahren. Trotz Katastrophen wie dem Öldesaster im Golf von Mexiko, sonst CNN-Quotengaranten.
"Kann CNN gerettet werden?", fragt Ross Douthat, Kolumnist für die "New York Times". Die Seele habe CNN längst verloren - bald verliere es auch seine Existenzberechtigung.
Das mag überzogen sein. Doch Larry King ist nicht der Erste, der aufgibt. Gerade erst hat auch die preisgekrönte Campbell Brown, erst 2008 angeheuert, das Handtuch geworfen. Brown moderiert eine News-Show unmittelbar vor "Larry King Live", im August will sie damit aufhören: "Die Quoten sind nicht so, wie ich sie gerne hätte." Im zweiten Quartal schalteten nur 477.000 Zuschauer ein.
Der Anchorman der um 19 Uhr beginnenden Primetime-Stunde, der streitbare Lou Dobbs, war bereits im November 2009 wütend gegangen. Im März dann verlor CNN seinen international wohl bekanntesten Namen: Chefreporterin Christiane Amanpour, seit 1983 dabei, wechselte zu ABC News. Ihre jüngste CNN-Show hatte erst im September begonnen.
Dass auch Larry King, das letzte Relikt der alten, glorreichen Zeiten unter CNN-Gründer Ted Turner, bald Abschied nehmen könnte, schien CNN zu ignorieren. "Sie kassierten lieber seine Quoten ab und verschoben es, das gesamte Erscheinungsbild aufzufrischen", sagte der TV-Analyst Andrew Tyndall der "New York Times". "Sie hätten schon vor zehn Jahren umdenken müssen."
Den Fox-Erfolg kopieren
Stattdessen zerschnitzelt Jonathan Klein, der US-Präsident von CNN, das Primetime-Menü immer weiter. Kaum haben sich die Zuschauer an eine Show gewöhnt, ist sie schon wieder weg. Doch neue Sendungen wie der Dobbs-Ersatz "John King, USA" finden kaum Fans.
Als Nachfolger der Campbell-Brown-Show hat Klein sich eine neue Debattiersendung ausgedacht, die den Erfolg des marktschreierischen Senders Fox News kopieren soll. Die zwei Moderatoren, die sich da streiten sollen: New Yorks über einen Sexskandal gestürzter Ex-Gouverneur Eliot Spitzer und Kathleen Parker, eine Kolumnistin für die "Washington Post". Der Aufschrei über Spitzers Comeback auf CNN war so groß, dass sich Klein in seinem eigenen Sender rechtfertigen musste.
Hinter den Problemen steckt wahrscheinlich aber mehr als schlechtes Management. Die Konkurrenten haben sich in den letzten Jahren durch unverhohlene Meinungsmache profiliert, ob nach rechts (Fox News) oder nach links (MSNBC). CNN beharrt auf dem goldenen Mittelweg. "Wir sind nicht parteilich", sagt Klein. "Wir propagieren keine Standpunkte."
Aber kann sich parteiunabhängige, rein nachrichtenorientierte Berichterstattung in Zeiten von Google, Twitter und Facebook noch halten? Wenn sich jeder seine eigenen Nachrichten zusammenklicken kann? Manche sehen den Niedergang von CNN als Menetekel: Das Ende des Journalismus naht.
Keine Quote - keine Kohle
Jon Klein bleibt gelassen und verweist auf die Gesamtquoten. Inklusive vormittags, nachmittags und nachts hält sich der älteste News-Platzhirsch da weiter an erster Stelle, mit rund 90 Millionen Zuschauern pro Quartal.
Rechnet man Computer und Handys hinzu, wie es CNN in seiner Eigenwerbung tut, beliefert es weltweit mehr "Bildschirme" mit Nachrichten als sonst ein Sender - auch dank der Website CNN.com, die im Monat rund 1,7 Milliarden Pageviews erzielt. Summa summarum, so das CNN-Management, sei CNN in 2010 profitabler denn je. Jeff Bewkes, der Chef des CNN-Mutterkonzerns Time Warner, sagte kürzlich vor Investoren: "In den letzten fünf Jahren verzeichnete der Sender im Network-Portfolio von Warner das schnellste Umsatzwachstum."
Das liegt auch daran, dass gut die Hälfte des CNN-Umsatzes aus den Abonnentengebühren der Kabelkunden stammt. Die müssen zahlen, egal wie die Quoten sind. Die Primetime-Werbung bestreitet nur rund zehn Prozent.
Doch das eine bedingt letztendlich das andere. "Das kann nicht ewig weitergehen", unkt der Medienblog "TV Newswer" über die Diskrepanz zwischen Zuschauerschwund und Umsatzkraft. Seine Prognose: Keine Quote - keine Kohle.
Auf anderen Social Networks posten:
liest man die Kommentare auf HP dann bekommt man aber ein anderes Bild...persönlich fand ich die Interviews einfach nur langweilig - ich habe nie verstanden, warum er sich solange gehalten hat, wahrscheinlich weil er niemanden [...] mehr...
… aber nur von denen, für die die Clintons Mörder und Demokraten allgemein Boten des Teufels sind. CNN hat keine parteipolitische Präferenz. Wie die meisten profitorientierten Mainstream-Medien hat es einen Bias zu Gunsten [...] mehr...
Quelle? Ich finde das hier auch eindeutig: http://foxnewsboycott.com/tag/truth http://mediamatters.org/research/201006240025 ---Zitat--- BP was only drilling "out there" because environmentalists and the [...] mehr...
Obama-Hasser, so ein Quatsch. Komm jetzt nicht mit so einem Totschlagargument daher. Das Untersuchungsergebnis des US-Journalistenverbandes ist eindeutig. mehr...
CNN unparteiisch.....das ICH nicht lache! Sarkaschwili greift Nordossetien an. ALLE Nachrichtensender der Welt behaupten Sarkaschwili greift an, doch NUR CNN behauptet das der Angriff von Russland ausgeht! Auch noch Stunden, [...] mehr...
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