Von Stefan Kuzmany
Was regt die Menschen im Lande gerade auf? Haben wir ein Thema oder müssen wir eines erfinden? Wie können wir die Sache noch etwas dramatischer machen? Und fällt jemandem noch eine vierte Frage für die Anmoderation ein, wir müssen noch etwas Zeit schinden? Die Redaktion der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner kann einem ganz schön leidtun. Wenig los, alle im Urlaub, nur diese armen Menschen müssen schwitzen und, weil's nun mal in ihrem Vertrag steht, so tun, als gäbe es gerade ein dringend zu besprechendes Megathema und dazu auch noch tolle Gäste, die Neues zur Lösung der Probleme dieses Landes und der Welt beizutragen hätten. So tun, als würden die Menschen gebannt vor ihren Fernsehgeräten sitzen und auf Antworten harren, wie sie nur Maybrit Illner auf ihre knallharte Art aus den Politikern und Experten herauskitzeln kann. Sie müssen so tun, als hätte das alles einen Sinn.
"Gluthitze hier - Ölpest da - nimmt die Natur Rache an uns?" führt Illner ins offenbar irgendwie doch noch gefundene Thema ein, und wer sich schon an dieser Stelle fragt, warum hier die Ölpest am Golf von Mexiko mal eben als Laune der Natur dargestellt wird und nicht als von Menschen gemachtes Unheil, dem dämmert schnell, dass an diesem Abend die Gesetze der Logik keine große Rolle spielen werden. Dass hier kein Sinn zu finden sein wird - nur der eine mit dem Vornamen Hans-Werner. Im weiteren Verlauf der Sendung wird dann deutlich, dass die Illner-Redaktion so bedauernswert gar nicht ist, denn ganz offensichtlich befand sie sich noch im Urlaub, als die Ausgabe vorbereitet wurde. Schnell noch ein paar Einspieler zusammengehauen, den Rest schafft die Maybrit dann schon allein.
Da sitzt sie nun inmitten ihrer Gäste. Ein wenig verlassen wirkt sie, sogar die Sommerhitze im Lande ist ihr an diesem Abend abhandengekommen, weggeschwemmt von heftigen Regenfällen, dabei wäre die doch so wichtig gewesen für ihr Thema. Gekommen sind stattdessen Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU), Klimaforscher Mojib Latif, Schauspieler Hannes Jaenicke, Umweltaktivistin Hanna Poddig und der unvermeidliche Wirtschaftsforscher Sinn. Illner stellt die erste Frage an den Minister: "Machen Ihnen die Temperaturen Sorgen oder sagen Sie: Prima Klima?" Das ist journalistisch-sprachliches Niveau vom Feinsten, und es ist kaum zu glauben, aber dieses Niveau konnte über die gesamte Sendung gehalten werden.
Beruf "Meterologe"
So war es nur stimmig, wenn beispielsweise unter Mojib Latif als Beruf "Meterologe" (sic!) eingeblendet wurde. Die Redaktion war, wie gesagt, schon in den Urlaub gefahren, und da konnte man sich vorher nicht mehr um alles kümmern. Auch nicht darum, Maybrit Illner über wesentliche Daten ihrer Gäste zu informieren. Hannes Jaenicke kündigt sie als Umweltschützer an, der sich ja mit seinem Buch in die Herzen der Klimabewegten geschrieben habe. "Mein Buch kommt erst im September heraus, aber es ist lieb, dass du es schon erwähnst", sagt Jaenicke.
"Bevor wir richtig in die Diskussion einsteigen", sagt Illner, "können wir uns mal ansehen, was Wissenschaftler bisher zusammengetragen haben." Man kann nur hoffen, dass Illner auch über diesen Einspieler nicht ordentlich im Bilde war. Dass sie das, was dann folgte, tatsächlich für die Zusammenfassung wissenschaftlicher Erkenntnisse halten könnte, möchte man sich lieber nicht vorstellen. Wir hören schmissige Hardrock-Riffs einer E-Gitarre, dazu sagt ein Sprecher: "Welche Folgen hat es, wenn die Erde wärmer wird? Wenn die Meeresspiegel steigen? Immer extremeres Wetter auftritt? Weltweit? Wenn Land überschwemmt wird? Wenn Inseln wie die Malediven oder die Nordseeinsel Sylt untergehen? Wenn Menschen und Tiere in anderen Teilen der Welt in Hitze und Dürre verhungern und … (dramatische Pause) … Ökosysteme durchdrehen, weil sie ausgesaugt werden für den Wohlstand? Welche zerstörerischen und selbstheilenden Kräfte kann die Erde entwickeln? Das weiß niemand. Dass etwas geschehen muss, wissen alle." Soweit die Wissenschaft.
"Stoppt den Wahnsinn jetzt!"
Tja, und dann geschieht, was Illner angedroht hat: Es wird "richtig in die Diskussion" eingestiegen. "Ich komme gerade aus der Arktis zurück, was sich dort abspielt, ist wirklich unglaublich", schwadroniert Klimaforscher Latif. "Es besteht ohne Zweifel Handlungsbedarf", doziert Hans-Werner Sinn. Und: "Der Chinese holt das aus dem Klingelbeutel heraus, was wir hineingelegt haben." Nein, widerspricht Röttgen: "Der Chinese ist nicht blöd." Aktivistin Poddig kommt auch mal dran und darf sich den Kapitalismus "auf den Müllhaufen der Geschichte" wünschen. "Treffen wir uns nicht in dieser Welt, treffen wir uns in Bitterfeld", gibt Illner kompetent in die Runde, weil sie gerade den Ortsnamen aufgeschnappt hat. "Herr Sinn, schlüpfen Sie doch mal in die Rolle der Chinesen", sagt Latif. "Wissen Sie, was die sagen, Herr Sinn? Die sagen: Ihr habt gut reden."
Okay, das sind Verkürzungen, und man muss zugestehen, dass Schauspieler Jaenicke erstaunlich gut informiert und Minister Röttgen erstaunlich vernünftig gesprochen hat, aber dennoch: Diese Sendung war schlecht für das Klima. Menschen mussten dafür extra nach Berlin transportiert werden, womöglich mit dem Flugzeug. Selbst wenn die Aktivistin Poddig, was ihr durchaus zuzutrauen ist, aus Prinzip Hunderte Kilometer zu Fuß ins Studio gelaufen sein sollte, wäre auch das zu viel Energieaufwand gewesen für diese Sendung. Man verzeihe das illnereske Wortspiel, aber das war nichts als heiße Luft.
Es gibt eine kurze Sequenz im Vorspann von "Illner", sie zeigt die Moderatorin und, neben ihr ins Bild geschnitten, Aufnahmen einer Demonstration. Menschen halten ein Plakat hoch, auf dem steht: "Stoppt den Wahnsinn jetzt!" Es wird langsam Zeit, dass das ZDF seine eigene Botschaft ernst nimmt.
Auf anderen Social Networks posten:
Es wäre aber auch noch diese Variante denkbar: ---Zitat--- HAARP ist ein Forschungsprojekt, bei dem mit einer bodengestützten Anlage mit einem Netz von Antennen, die alle mit einem eigenen Sender ausgestattet sind, Teile [...] mehr...
Herzlichen Glückwunsch zu diesem Artikel! Ein echtes Lesevergnügen. Dennoch eine kritische Anmerkung. Das Thema wurde in der Sendung leider nicht vollständig behandelt, weil ein wichtiger Aspekt in der Startfrage fehlte: [...] mehr...
Da steckt ein kleiner Zirkelschluss drin: das teure Öl wäre nämlich auch sonst (d.h. ohne deutsche "Einsparungen") nicht gefördert worden, falls der Markt derartig preissensitiv ist und es nicht wollte. Falls der [...] mehr...
So ein bisschen Rassismus schadet ja nie, wenn es um das Gute (TM) geht. mehr...
natürlich ist an der argumentation sinns, dass unsere öleinsparungen zu fallenden ölpreisen führen und das öl dann woanders verbraucht wird etwas dran, aber er hat zumindest in der fernsehdiskussion völlig außer acht gelassen, [...] mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Kultur | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik TV | RSS |
| alles zum Thema Televisionen | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH