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25.07.2010
 

"Eichmanns Ende" in der ARD

Teufels Advokat trifft Teufels Bürokrat

Von Christian Buß

"Eichmanns Ende": Massenmord als Lebenswerk
Fotos
NDR/ Marion von der Mehden

An der Sprache sollst du sie erkennen: Ein faszinierendes ARD-Dokudrama zeigt, wie der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann 1960 in Buenos Aires überführt wurde. Ein Nazijäger-Krimi - der nebenbei die menschenverachtende Rhetorik des Holocaust-Logistikers offenlegt.

"Menschenmaterial". "Volksschädling". "Sonderbehandlung".

Der Holocaust hat mit der Sprache der Nazis begonnen. Ohne sie wäre das Menschheitsverbrechen nicht durchführbar gewesen. Sie lieferte den terminologischen Rahmen, der den Völkermord als selbstverständliche Hygienemaßnahme erscheinen ließ.

Wer verstehen will, wie es zum Genozid an den Juden kommen konnte, der muss auch die Sprache der Täter studieren. Einer dieser Täter war Adolf Eichmann, während des Zweiten Weltkriegs Leiter des Referats IV-B-4 für "Jüdische Angelegenheiten und Evakuierung".

Es gibt keinen anderen, von dem derartige Wortmassen überliefert sind, die den Massenmord legitimieren sollen. Vom 11. April bis zum 15. Dezember 1961 stand er in Israel vor Gericht - und die Verhandlung wurde in Ton und Bild mitgeschnitten. Schon 1999 führte die zweistündige Dokumentation "Ein Spezialist", komplett montiert aus den Aussagen des Angeklagten, auf grausame Weise in die Massenmordlogik Eichmanns ein, die für ihn vor allem eine Massenmordlogistik war. Die Vernichtung eines Volkes, der Angeklagte beschrieb sie als eine Art Verwaltungskraftakt.

"Buchhalter des Todes" wurde Eichmann deshalb immer wieder genannt. Die jüdische Politologin Hannah Arendt entwickelte als Prozessbeobachterin damals ihre These von der "Banalität des Bösen".

Aber ist das Böse wirklich so banal?

Die ARD-Produktion "Eichmanns Ende" von Raymond Ley eröffnet jetzt neue Facetten auf die Psychologie des Mordsbürokraten - klugerweise wiederum nur über dessen eigene dokumentierte Sprache.

Erzählt wird von den Ereignissen im Argentinien des Jahres 1960, die zur Ergreifung Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst führten. Ein KZ-Überlebender glaubt in dem Exilanten den gesuchten Naziverbrecher zu erkennen und informiert die deutsche Staatsanwaltschaft - während Eichmann selbst Interviews für ein Buch gibt, mit dem er die Nachwelt über seinen Beitrag zur Lösung der sogenannten "Judenfrage" aufklären will. Diese tatsächlich so stattgefundenen Gespräche stehen im Zentrum des Dokudramas. Geführt wurden sie vom niederländischen Journalisten Willem Sassen, der im Zweiten Weltkrieg SS-Offizier war.

Der Massenmord als Lebenswerk

Sassen lebte später in Buenos Aires und war sowohl bestens mit den alten, dort untergetauchten Nazis Europas vernetzt als auch mit den neuen Faschisten Südamerikas. US-Zeitungen, aber auch deutsche Blätter nahmen Sassens Dienste in Anspruch - unter Pseudonym freilich -, weil sich Rechtsdiktatoren wie Perón ihm gegenüber ungemein redselig gaben.

Und so war es eben auch 1960 bei den Interviewsitzungen mit Eichmann. Im Film entwickelt sich daraus ein Exkurs, in dem sich zwei Prototypen des Hitler-Faschismus offenbaren: Teufels Advokat trifft Teufels Bürokrat.

Während Ulrich Tukur den Nazi-Journalisten Sassen als in allen Zungen und Idiomen souverän agierenden Welterklärer gibt, spielt Herbert Knaup die Nazi-Verwaltungskraft Eichmann als Paragraphenspießer mit Ambition.

Sassen gibt sich mit seinen suggestiven Fragen alle Mühe, dem anderen dabei zu sekundieren, den Genozid zu relativieren. Das aber will Eichmann gerade nicht. Ein bisschen ist es so, als sähe er seine Mission verraten - der Massenmord ist bei ihm ja eine Art Lebenswerk.

So blitzt unter der panzerglasdicken Hornbrille im Spiel Knaups (Grimme-Preis-verdächtig) zuweilen ein Charakterzug auf, den Eichmann bisher nicht zugeordnet hat: Eitelkeit. Nein, ein kleines Rädchen im Getriebe sei er nicht gewesen. Den Stolz, den größten Genozid in der Menschheitsgeschichte logistisch vorangetrieben zu haben, kann er nicht verhehlen.

"Nachdem ich die ersten Befehle stur ausgeführt habe, bin ich immer tiefer in die Materie eingetaucht", offenbart er im Interview seinem Gegenüber. "Denn das Schicksal hatte mir einen geistigen Horizont mitgegeben, der mich dazu befähigte."

Die Entlarvung nimmt ihren Anfang

Während Eichmann in der gepflegten Herrenrunde bei Cognac und Fingerfood Schuldbekenntnisse ablegt, die weit über die eines Befehlsempfängers hinausgehen und die später in Israel in die Anklage eingehen werden, kommt der Geheimdienst Mossad ihm in Buenos Aires immer näher. Dabei ist es eine der großen Leistungen des Autoren und Regisseurs Reymond Ley ("Die Nacht der großen Flut"), dass er bei aller historischen und psychologischen Präzision sein Doku-Drama auf 90 Minuten mit Melodram und Suspense aufgeladen bekommt. Denn die Entlarvung Eichmanns als Nazi-Verbrecher nimmt ausgerechnet über dessen Sohn Nick (Johannes Klaußner) seinen Anfang.

Dieser verliebt sich in Buenos Aires in die junge Jüdin Silvia (Henriette Confurius), Tochter des KZ-Überlebenden Lothar Hermann (Michael Hanemann). Als der inzwischen erblindete Hermann die Liaison seiner Tochter mitbekommt, beschleichen ihn Ahnungen. Um Beweise zu sammeln, dass es sich beim Vater des Freundes wirklich um den gesuchten Alt-Nazi handelt, lässt er sein Kind die Familie Eichmann untersuchen.

Die im Gegensatz zu den Sassen-Gesprächen nicht lückenlos belegte Familienspionage spinnt noch mal fiktional mitreißend aus, welche Schwierigkeiten es bei der Jagd nach Nazi-Funktionären in den fünfziger und sechziger Jahren gab. Einerseits hält Eichmann kaum verdeckt vor seinen braunen Gesinnungsgenossen Hof - andererseits war auf Seiten der bundesdeutschen Justiz kaum die Ambition festzustellen, eigene Ermittler auf Verdächtige wie ihn anzusetzen.

Die Technokratenfratze erwacht zum Leben

Im Falle des Hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer (Axel Milberg), der 1960 mit den Hinweisen des KZ-Überlebenden Hermann konfrontiert wird, sind es allerdings taktische Gründe, die ihn vom Einschalten eigener Leute abhalten. Der Polizeiapparat ist ihm immer noch zu durchwirkt von Alt-Nazis, die der Überführung Eichmanns entgegenwirken könnten. So informiert er auf geheimem Wege den Mossad - der die Geschichten des blinden Hermann allerdings anfänglich auch nur als Wunschdenken eines Holocaust-Zerstörten abtut.

In diesem Spannungsfeld aus Nazijäger-Krimi und Nazi-Sprachanalyse bringt es "Eichmanns Ende" zu einer enormen erzählerischen Dichte. Die einen drohen an der Unüberführbarkeit des Massenmörders zu zerbrechen; dieser selbst dagegen rühmt sich über weite Strecken ungeschoren seines Werks.

Dieser Film fordert seinen Zuschauern etwas ab. Denn die tausendfach ausgeleuchtete Figur des Adolf Eichmann, die mit ihrer Technokratenfratze oft erschreckend harmlos wirkte - hier erwacht sie auf einmal zu ungeheuerlichem Leben.


"Eichmanns Ende - Liebe, Verrat, Tod", Sonntag 21.45 Uhr, ARD

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Hallo mavoe! Erstaunlich ist das Verhalten von Fritz Bauer nicht. Bei der Jagt nach Naziverbrechern war es ein ungeschriebenes Gesetz den Bundesnachrichtendienst nicht eizubeziehen.Mit Reinhard Gehlen (fremde Heere Ost)an der [...] mehr...

31.07.2010 von wolfman11: Entweder oder

Der Mossad mußte sich damals zwischen Eichmann und Mengele entscheiden. Um Eichmann zu bekommen ließ man zu, das Mengele gewarnt war und untertauchte. Wirklich sehr schade, dass es danach nie mehr gelingen sollte ihn zu [...] mehr...

31.07.2010 von MonaM: Schade, dass Mengele Eichmanns Schicksal nicht teilte

Da kann ich Ihnen nur beipflichten. Eichmanns Ende ist zudem einer der wenigen Fälle, bei denen ich die Todesstrafe uneingeschränkt befürworte. Ich wünschte, die Israelis hätten das auch mit Mengele gemacht. Noch heute finde [...] mehr...

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