Von Moritz Veltheim
Es ist ein bisschen wie vor einem Marathon. Vorbereitung ist die halbe Miete. Also rechtzeitig eine kohlenhydratreiche Grundlage schaffen, ein wenig Warmzappen, das Programm im Geist noch mal durchgehen. In diesem Fall ist das: der neugestaltete Fernsehfreitagabend bei Sat.1. Zu bewältigen sind "Deutschlands Meisterkoch", eine neue Castingshow, "Wir müssen reden!", eine neue Impro-Sitcom, "Das R-Team. Die (neue) rüstige Rentner-Comedy" und "Die Oliver Pocher Show" auf dem neuen Late-Night-Sendeplatz.
Macht insgesamt vier Stunden glotzen. Starker Tobak.
Schlag 20.15 Uhr geht's los. Lodernde Flammen, dramatische Musik, es folgen abwechselnd heulende und jubelnde Kandidaten, emphatische Umarmungen, im Kasernenhofton bellende Jurymitglieder. Die Aufgaben: hektisches Köcheln eigener Gerichte, Zwiebelschneiden, Grillen. Die übliche Castingshow-Dramaturgie zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Das erinnert fatal an "Germany's Next Topmodel", nur das hier keine langbeinigen "Mädchen" mehr oder weniger sinnlose "Challenges" bewältigen müssen, sondern eine bunt zusammengewürfelte Brutzeltruppe aus Studenten, Hausfrauen und -männern, Angestellten, Freiberuflern, Rentnern und Arbeitslosen. Deutschland am Herd.
Laut Sender haben sich 1500 Leute beworben, jetzt wird Runde für Runde ausgesiebt. Dem Gewinner winken 100.000 Euro und der Titel "Deutschlands Meisterkoch". Ob der Titelträger auch irgendwann Autohaus-Eröffnungen beiwohnen darf, so wie das Heidis "Topmodels" gewöhnlich machen, sobald der Fernsehrummel vorbei ist?
"Beweg' deinen Arsch"
Zu viert vortreten lassen, einen Name verlesen, keine Erklärung. So selektiert die Jury die Weiterkommer. Auch sonst ist der Ton eher rau, wie in Profiküchen üblich: "Beweg' deinen Arsch" heißt es, oder "da fühle ich mich verarscht". Jeder spielt seine Rolle, Sternekoch Tim Raue den strengen Kreativen, Restaurantbesitzer und Fernsehkoch Nelson Müller den sanften Rabauken und Witzigmann-Kompagnon Thomas Jaumann den jovialen Handwerker.
Trotzdem sind die drei sympathische Richter. Man spürt, wie wichtig ihnen Kreativität am Kochtopf ist, Respekt vor Lebensmitteln, Gefühl für Ästhetik. All das würden sie gerne an die Hobbyköche weitergeben. Was nur bedingt gelingt. Denn die Kandidaten produzieren neben einigen exquisiten Kreationen brutale Fisch-Massaker, angebrannte Gemüse-Ruinen und fade Ketchup-Dekowürste. Unter Profiköchen alles Kapitalverbrechen.
Mit Kochenlernen hat das so wenig zu tun wie ein Tiefkühl-Schlemmerfilet mit einer fangfrischen Dorade Royale. "Deutschlands Meisterkoch" ist Entertainment, das in seinen besseren Momenten diesen Auftrag auch tatsächlich erfüllt. In seinen schwächeren allerdings in nervtötende Monotonie verfällt. Die ewig gleiche Szenenfolge aus Kandidat macht etwas/ Kandidat wird befragt/ Jury kritisiert/Freude oder Trauer in Zeitlupe hat man einfach schon ein paarmal zu oft gesehen.
Lasch und uninspiriert
Aber der Abend ist ja noch nicht zu Ende. Annette Frier und Cordula Stratmann warten in ihrem Stammitaliener auf TV-Publikum. Auf einer Tafel steht jeweils am Anfang jeder Folge von "Wir müssen reden!" die Aufgabe, die sie improvisationsmäßig zu bewältigen haben. Diesmal hat Cordula eine Diagnose bekommen, die ihre Familienplanung auf den Kopf stellt. Grund genug, das mit ihrer Freundin Annette zu bequatschen. Eigentlich kein schlechter Rahmen für gestandene Comedians. Doch was das Duo daraus macht, ist so lasch und uninspiriert, dass jedes Schauspielschülerteam im ersten Ausbildungsjahr die beiden in die Tasche stecken würde.
Also Aussitzen und Schwamm drüber. Denn jetzt kommen die rüstigen Rentner. Das Comedyformat der Zukunft - nicht nur, wenn man die demografische Entwicklung in Deutschland bedenkt. Sondern auch, weil sie 30 Minuten lang (minus Werbepausen) tatsächlich witzig ist. Das Konzept ist simpel: trashige Kürzestnummern, alle auf der Straße gedreht, schnell hintereinander geschnitten. Ein Rentner mit einem Skateboard unter dem Arm fragt zwei Mädchen nach einer Halfpipe. Ein Greisentrio stolpert halbausgezogen aus dem Gebüsch. Eine Oma erzählt am Handy lautstark von ihren Alkohol-, Drogen- und Sexeskapaden. Ein Opa fragt seine Frau am Telefon, ob er in der Videothek die "Saw"-Filme ausleihen soll. Eine Rentnergang rappt neben einer Boombox. Und immer hören oder sehen unbeteiligte Jugendliche zu. Ihre Komik beziehen diese Slapsticks aus einem simplen Trick: der Umkehrung der Verhältnisse.
Oliver Pocher hat die gute alte Showband abgeschafft. Stattdessen steht eine hübsche DJane an zwei Turntables. Sonst ist alles beim Alten, Pocher reißt Zoten, hat Cindy aus Marzahn zu Gast und lässt sich als knallhart kalkulierten Höhepunkt der Geschmacklosigkeit von einem Arzt live Botox spritzen. Da er sich lange Talkstrecken offenbar nicht zutraut, wird die meiste Sendezeit mit Einspielfilmchen bestritten. Man fragt sich, wer das schauen soll. Denn seine Zielgruppe kippt freitags um diese Uhrzeit vermutlich in Großraumdiscos die ersten Wodka-Red-Bulls.
Ein Potpourri, das niemandem wehtut
Das Kalkül der Verantwortlichen ist leicht zu durchschauen: Es soll für jeden was dabei sein am Freitagabend. Die Kochshow für das mittlere Alter, die Impro-Sitcom für Frauen - und Männer, die Frauen verstehen wollen, die Rentnershow als weicher Übergang von alt zu jung und Pocher für die Jugend. Ein Potpourri, das niemandem wehtut, aber auch nichts wagt. So glatt wie demnächst Pochers Botox-Stirn.
Für alle, die nach einer Arbeitswoche noch nicht ganz matt sind: Ausgehen ist die bessere Option. Oder ein Buch lesen. Oder selber kochen. Oder einfach mal früh ins Bett gehen.
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pocher war am donnerstag bei kerner ganz lustig, zb mit seinen gutfried-anspielungen. in seiner eigenen sendung liefert pocher fast nur grütze ab. sein live-programm, aus dem leben eines c-promis, ist das schlechteste, was ich je [...] mehr...
sat1 salat1 zu nennen ist sat1-humor in bestform. mehr...
Ich nicht. Das Formt läuft z.Zt auch in Amerika, da liegt ein Vergleich. Ansonsten ist es in Zeiten des Internets doch gar nicht nötig dort zu sein um die entsprechenden Programme sehen zu können. Stimmt nicht, ausserdem [...] mehr...
Haben den Fernseher 1996 abgeschafft. Bin seit Jahren im SPON Forum, da braucht man des öffteren auch einen "Kurzen" mit nem Bierchen. mehr...
Und für diesen Beitrag haben Sie sich extra angemeldet? Naja, jede Sendung hat das Publikum, das sie Verdient. Oder umgekehrt. mehr...
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