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09.09.2010
 

Medienkritiker Oliver Kalkofe

"Das deutsche Fernsehen wird von Jahr zu Jahr schlimmer"

Oliver Kalkofe: "Rächer der Fernsehzuschauer"
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dapd

Unser Fernsehprogramm ist grauenhaft. Wie sollte es auch anders sein, wenn die Macher ihre Sendungen nicht mal selbst mögen, fragt sich der TV-Kritiker Oliver Kalkofe. Im Interview ruft er zu mehr Experimentierfreude auf - auch wenn er weiß, dass es eigentlich aussichtslos ist.

Frage: Herr Kalkofe, "Deutschland sucht den Superstar" verzeichnete zur letzten Staffel die gewaltige Zahl von 34.420 Bewerbern. Wieso lassen sich so viele Menschen freiwillig vor einem Millionenpublikum drangsalieren?

Oliver Kalkofe: Viele erkennen nicht, dass das Fernsehen bösartig sein kann. Deshalb gehen sie zu Castingshows. Sie rechnen nicht damit, dass sie in einer peinlichen oder kränkenden Art dargestellt werden könnten. Schlimm ist gar nicht so sehr Dieter Bohlen mit seinen Kommentaren, sondern eine Redaktion, die aus einem schüchternen Menschen, der vielleicht tatsächlich nicht singen kann, jemanden macht, der sich vor laufenden Kameras einnässt.

Frage: Haben Sie Mitleid mit den Menschen, die in diesen Formaten auftreten?

Kalkofe: Wer mir wirklich leid tut, sind Menschen, die zu einer solchen Show gehen und keine Ahnung haben, was mit ihnen passieren könnte. Deren Traum, einmal etwas Großartiges zu vollbringen, ausgenutzt und anschließend zertreten wird, weil sie sich blamieren und dann gebrochen aus dem Studio gehen. Ihnen wird täglich in den Medien suggeriert, jeder könnte von heute auf morgen ein Star werden. Diese Sehnsucht möchten Sie mit so einem Casting befriedigen. Und wer daraufhin bewusst und ohne Rücksicht auf seine Gefühle vorgeführt wird, tut mir sehr leid. Das gilt aber nicht für Menschen, die mit einer Attitüde auftreten, als wären sie bereits der nächste Robbie Williams. Denen kann die Jury ruhig ordentlich die Meinung sagen.

Frage: In Ihrer Sendung "Kalkofes Mattscheibe" parodieren Sie gern Peinliches und Absurdes aus der deutschen TV-Landschaft. Casting-Formate müssten für Sie doch ideales Futter sein.

Kalkofe: Eigentlich gar nicht. Ich habe mir immer viel Mühe gegeben, Leute, die nur vorgeführt wurden, nicht zu zeigen. Anders als beispielsweise "TV Total" es macht, möchte ich den Fernsehnutzer dafür sensibilisieren, wie viel Unnützes im Fernsehen gezeigt wird, wofür die Verantwortlichen auch noch Geld bekommen. Formate wie "Deutschland sucht den Superstar" lassen sich ja kaum noch parodieren, ohne die Demütigungen der Teilnehmer zu zeigen, denn daraus bestehen diese Sendungen inzwischen zum Großteil. Werden die ausgeblendet, bleibt bloß die Jury. Das persiflierbare Potential der Juroren ist aber in der Regel schnell verbraucht.

Frage: In "Kalkofes Mattscheibe" wird neben geistreicher Satire auch Brachialhumor geboten. Dieter Bohlen sagt "Es hört sich an wie 'ne Oma beim Kacken" oder "Froschfurz". Sie sagen "Hackfressen", "Evolutionsverlierer", "notgeil". Wo liegt da der Unterschied, und wer bedient eigentlich welche Zielgruppe?

Kalkofe: Interessante Frage. Ich mache tatsächlich Satire, die sich eines ähnlichen Vokabulars bedient wie diejenigen, auf die sie zielt. Das bleibt bei der Beschäftigung mit bestimmten Milieus nicht aus. Ich habe festgestellt, dass ich oft als Rächer der Fernsehzuschauer wahrgenommen werde. Meine Wut, die ich manchmal beim Fernsehen verspüre und in meiner Sendung auslebe, spiegelt die Gefühlslage meiner Zuschauer, die von mir erwarten, dass ich jeden parodiere, den sie im Fernsehen nicht sehen mögen.

Frage: Was verstehen Sie unter Ehrlichkeit in den Medien?

Kalkofe: Was das Fernsehen betrifft, dass Entscheider ein Programm produzieren, das ihnen selbst gefällt. In dieser Hinsicht ist das Fernsehen verlogen. Wenn man durch die Redaktionen geht, findet man kaum jemanden, der ehrlich sagen könnte, dass ihm sein Programm Spaß macht. Wenn ich Programmdirektor wäre, würde ich die Verantwortlichen als erstes dazu bringen, sich die Sendungen, die sie produzieren, vom Anfang bis zum Ende anzusehen. Das Programm würde sich mit Sicherheit schlagartig verbessern.

Frage: In dem Film "Free Rainer" mit Moritz Bleibtreu werden die Einschaltquoten manipuliert, so dass das Niveau des Programms und des Publikumsgeschmacks steigt. Ist das auch Ihre Utopie?

Kalkofe: Die Idee dahinter ist richtig. Zugleich macht mir die Vorstellung Angst. Statt Castingshows jeden Abend nur noch trockene Informationen und Wim-Wenders-Filme? Wenn ich Lust habe, eine Castingshow oder "Musikantenstadl" zu gucken, muss ich die Möglichkeit dazu haben. Es sollte eine intelligent gemachte Vielfalt geben. England und Amerika führen uns vor, wie das geht. Dort bietet das Fernsehprogramm viel Schlechtes, aber es gibt "Lost" oder "24"-Sendungen, die zum Denken anregen und handwerklich hervorragend gemacht sind. In Deutschland versucht man dergleichen leider nicht. Ich bin mir sicher, dass man das Publikum an ein kulturell anspruchsvolles Programm gewöhnen könnte. Es wäre aber ein langer und mühsamer Weg, und deswegen wird ihn keiner gehen.

Frage: Mangelt es im deutschen Fernsehen einfach an Ideen?

Kalkofe: Ich glaube, dass Menschen eine falsche Vorstellung von Kreativität haben. Ideen sind nicht vollständig planbar. Sie müssen sich entwickeln dürfen. Alle guten Serienformate, Filme und Figuren entstehen, weil es die Freiheit gibt, Neues auszuprobieren. Ab und zu schwappen aus England oder Amerika mal Formate und Serien nach Deutschland über, die phantastisch sind. Die existieren aber nur, weil es mindestens doppelt so viele Produktionen gibt, die schlecht sind und die erste Staffel nicht überleben. Ohne Ausprobieren wird es in der deutschen Sendelandschaft nichts wirklich Neues geben.

Frage: Wieso sollte man Neues ausprobieren, wenn Formate wie "DSDS" beständig hohe Quoten erzielen?

Kalkofe: Von einem Gefängnisinsassen behauptet man auch nicht, dass er Wasser und Brot liebt, nur weil er es jeden Tag isst. Alternativlosigkeit ist im deutschen Fernsehen ein Problem. Im Moment wird leider versucht, Erfolge aus vergangenen Jahren und Formate aus anderen Ländern nachzuahmen. Das allein wäre nicht so schlimm, wenn man das nicht mit immer weniger Geld, weniger Enthusiasmus, weniger Freude, weniger Kreativität versuchte. Dadurch wird es von Jahr zu Jahr schlimmer. Das hört sich pessimistisch an, ist aber die Wahrheit.

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Buchtipp

Dieses Interview ist ein für SPIEGEL ONLINE bearbeiteter Vorabdruck aus dem Buch "Die Casting-Gesellschaft".

Bernhard Pörksen, Wolfgang Krischke (Hrsg.):

Die Casting-Gesellschaft
Die Sucht nach Aufmerksamkeit und das Tribunal der Medien.

Halem Verlag; 352 Seiten; 18 Euro.


Zur Person

Oliver Kalkofe, 1965 in Hannover geboren, wuchs in Peine auf. In Münster studierte der gelernte Fremdsprachenkorrespondent Publizistik, Anglistik und Germanistik. Seine ersten humoristischen Schritte macht er in der sonntäglichen Radioshow "Frühstyxradio" beim niedersächsischen Privatsender radio ffn. Mit der Satiresendung "Kalkofes Mattscheibe" (ProSieben) schaffte er den Sprung ins Fernsehen, das bis heute sein liebstes Medium ist. 1996 erhielt er für diese Sendung wegen ihrer "konstruktiven Medienkritik" den Grimme-Preis. Neben seinem Engagement als Filmemacher schreibt Oliver Kalkofe regelmäßig Kolumnen für TV Spielfilm und Kino.de.





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