Von Julia Jüttner
Es ist der Abend des ersten Prozesstages im Fall Kachelmann. Dessen Kollege vom Wetter gibt am Ende der "Tagesthemen" alles. "Und jetzt das erste ausführliche Interview von Natascha Kampusch seit ihrer Gefangenschaft bei 'Beckmann'." Eine kleine Mogelpackung ist das schon: Es ist weder das erste Interview. Noch ein ausführliches.
Doch Natascha Kampusch muss man wohl so ankündigen. Die Versuchung für den Zuschauer, nach der Fernbedienung zu tasten, ist zu groß. Die Österreicherin war das Thema des Sommers 2006. Achteinhalb Jahre war sie von Wolfgang Priklopil in seinem fensterlosen Keller im niederösterreichischen Strasshof gefangen gehalten worden. Am 23. August 2006 gelang ihr die Flucht. Über Natascha Kampusch ist überall auf der Welt berichtet worden - sehr ausführlich.
Aus der Dunkelheit ihres Gefängnisses war sie direkt ins Scheinwerferlicht gelaufen. Ihr erstes Interview gab sie dem ORF, kurz nach ihrer Flucht, die Haare unter einem fliederfarbenen Kopftuch versteckt, die rechte Hand nervös am roten Halskettchen.
Vier Jahre später geht Kampusch gelassen mit der Öffentlichkeit um. Sie hat sich inzwischen von dem TV-Autor Peter Reichard filmen lassen, eine eigene Talkshow im österreichischen TV-Sender Puls 4 moderiert, ein Kinofilm unter Bernd Eichingers Ägide ist in der Mache. Grund für ihre aktuelle PR-Tour: Die junge Österreicherin hat ihre Autobiografie geschrieben.
Kampuschs Gratwanderung zwischen Mediendistanz und -präsenz erreicht damit eine neue Qualität. Aber: Ist nicht schon ausreichend bekannt, was Natascha Kampusch in den acht Jahren ihrer Gefangenschaft und danach erlebte?
Reinhold Beckmann will es trotzdem wissen.
Im Stakkato und doch betulich wie immer schleudert der Talker seine ersten Fragen raus: "Wie geht es Ihnen? Wo sind Sie zu Hause? Was macht die Schule?"
Knetende Hände allein erzeugen noch keine Empathie
Kampusch antwortet mit gedämpfter Stimme, einsilbig, den Blick gesenkt. Der Zuschauer ahnt: Das wird eine harte Nuss für Beckmann. Doch der lässt sich durch den müden Einstieg nicht beirren. Warum nur begegnen die Menschen einem Opfer wie Kampusch mit solch einer Aggressivität, will er wissen. Gute Frage, verwirrende Antwort. Beckmann belässt es dabei.
Kampusch will sich nicht länger rechtfertigen. Auch deshalb hat sie nun mit Hilfe einer Ghostwriterin ihre Autobiografie veröffentlicht. Die "Bild"-Zeitung druckt täglich Auszüge, Kampusch gibt fortwährend Interviews dazu. Der Titel lautet: "3096 Tage". So lange bangte sie in ihrem Fünf-Quadratmeter-Verlies um ihr Leben. Die Belüftung dilettantisch installiert, das Licht durch eine Zeitschaltuhr geregelt, die Gegensprechanlage zur Kontrolle immer auf Empfang.
Leise begründet Kampusch bei "Beckmann" ihr Buch-Projekt: "Ich wollte die Geschichte loswerden, es ist eine Art Ballastpaket für mich." Ein Rucksack, fällt ihr Beckmann mitfühlend ins Wort. Genau, ein Rucksack.
Beckmanns Redeanteil ist zu Beginn weitaus höher als der seines Gastes. "Eine völlig schizophrene Situation", sagt Beckmann an einer Stelle über das Täter-Opfer-Verhältnis. Ein bisschen könnte es auch das Motto dieser Sendung sein.
Als alles nichts hilft, zitiert er aus Kampuschs Biografie: Wenn sie schon nichts erzählen will, liest er die exklusiven Details eben vor. Die 22-Jährige nickt zustimmend oder beschränkt sich auf Vier-Worte-Sätze. Beckmann wählt Plan B: Ausschnitte aus einem Polizeivideo über das Verlies sollen die angespannte Studioatmosphäre überspielen. Die Nahaufnahme von Kampuschs knetenden Händen erzeugt allein keine Empathie.
Beckmann nimmt noch einen Anlauf: Was glaubt Natascha Kampusch, warum die Leute sie nicht mögen? Vielleicht, weil sie nicht verstehen wollen, dass sie nun frei sei - und nicht wahrhaben wollen, dass sie je wirklich gefangen war unter blühenden Gärten und gepflegten Thujenhecken?
Hölzern hocken sie sich gegenüber
Kampusch sagt, sie habe das Buch geschrieben nach dem Motto: "Friss oder stirb". Was sie sagen will: Wer ihr wahres Ich kennenlernen will, soll das Buch lesen. Alle anderen sollen es sein lassen. "Ich bleibe zum Trotz ich."
Beckmann arbeitet mit Kampusch seinen Scheinfragen-Katalog ab, Stichworte versehen mit einem Fragezeichen. Von allem ein bisschen, nichts wirklich richtig. Wo er nachhaken sollte, schweigt er. Kaum ein Wort zum Stockholm-Syndrom, zum allabendlichen Gute-Nacht-Kuss oder warum sie unter Tage "Bibiana" heißen musste. Nur geduldige Zuschauer erfahren Details. Die meisten davon sind bekannt. Wie die damals Zehnjährige ihre Überlebensstrategie entwickelte. Wie sie Schrauben an der Decke und an den Wänden zählte. Wie ihr Science-Fiction-Serien Stoff für ihre eigene Zeitreise lieferten.
Kampusch bedient sich eines ausgefallenen Vokabulars. Sie sagt Sätze wie: "Er kam runter, hat mit mir kommuniziert und das Verlies modifiziert." Und: "Es hat sich manifestiert, dass dieser Mensch zu Gewalt und Unterdrückungsmechanismen greifen muss." Oder: Die Fahrt in ein Skigebiet sollte "eine heile Welt generieren". Bereits bei ihrem Interview mit dem ORF kurz nach ihrer Flucht hatte sie teils druckreife Sätze formuliert. Hauptinspiration während ihrer Gefangenschaft war der Wiener Kultursender Ö1, erzwungenes Bildungsprogramm in der Isolation.
Interessant wird es bei "Beckmann" erst kurz vor Schluss. Als sich nicht mehr nur Kampusch und Beckmann hölzern am Tisch gegenübersitzen. Da spricht der Profiler Adolf Gallwitz über falsche Hoffnungen für Eltern vermisster Kinder, deren verzweifelte Handlungen, zerbrochene Familien.
Dagmar Funke ergreift das Wort für alle betroffenen Mütter. FC-Bayern-Star Mark van Bommel hielt beim Abschiedsspiel für Franz Beckenbauer das Bild ihrer vermissten Tochter im Arm. Im Alter von acht Jahren verschwand Funkes Tochter Debbie 1996 auf dem Weg zur Schule - wie Natascha Kampusch im März 1998.
Ihr Vater suche noch immer nach ihr, sagt Kampusch auf einmal bei "Beckmann". Obwohl sie längst da sei. Er suche das zehnjährige Mädchen, das damals von einer Sekunde auf die andere verschwand.
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Es gibt doch nichts ungewöhnliches was nicht die üblichen verschwiemelten Verschwörungstheorien auf den Plan ruft. Dass das das Opfer erneut zum Opfer macht interessiert offenbar nicht. mehr...
Wo kann ich ihrem Kampusch-Fan-Club beitreten? mehr...
2 Mal in 4 Jahren - "immer wieder". Schon klar.^^ Sie sollten mal begreifen, dass Sie vielmehr aufhören sollten, ständig irgendwelchen Unterstellungen nachzuhängen. Unterstellen kann man alles. Soll ich Ihnen [...] mehr...
@ gl11 ---Zitat--- Merken Sie eigentlich, was für dummes Zeug Sie da schreiben? *Sie soll gefälligst so sein wie die anderen aus ihrer Sektion. Sie soll der Norm entsprechen, soll "normal" sein.* ---Zitatende--- [...] mehr...
Merken Sie eigentlich, was für dummes Zeug Sie da schreiben? *Sie soll gefälligst so sein wie die anderen aus ihrer Sektion. Sie soll der Norm entsprechen, soll "normal" sein.* Krank ist das. Und damit machen Sie [...] mehr...
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