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Sandra Maischberger: "Ich schleiche mich in andere Leben ein"

Jede Woche Schicksalstag, und das seit zehn Jahren: Sandra Maischberger im Interview über Lügen, Weisheit, unsittliche Fragen und die Grenzen des menschlichen Verständnisses.

Zehn Jahre "Menschen bei Maischberger": Jeden Dienstag Schicksalstag Fotos
ARD/ WDR

SPIEGEL ONLINE: Frau Maischberger, sind Sie gerade hungrig?

Maischberger: Nein, bin ich nicht. Warum fragen Sie?

SPIEGEL ONLINE: Es heißt, dass Sie furchtbar unleidlich werden, wenn Sie Hunger haben. Um das Interview zu retten, habe ich Ihnen vorsorglich etwas zu Essen mitgebracht.

Maischberger: Das ist wahr, mein Mann weiß das zu deuten. Wenn ich Anzeichen von Hunger zeige, muss es schnell gehen. Was haben Sie denn dabei?

SPIEGEL ONLINE: Ich hätte ein Vollkorn-Brötchen mit Käse.

Maischberger: Es spricht sich schlecht mit vollem Mund.

SPIEGEL ONLINE: Es wird so oder so ein unergiebiges Gespräch, weil Sie ja selbst immer wieder sagen: Ich bin nicht interessant.

Maischberger: Ich rede gerne über meinen Beruf, das interessiert aber die meisten Leute nicht. Darüber hinaus habe ich nicht sehr viel zu erzählen, das stimmt. Wenn Sie mich fragen, ob ich mich in meine Sendung einladen würde? Nein. Weil ich nur über die Menschen reden kann, mit denen ich beruflich zu tun habe. Ich schleiche mich in deren Leben ein, befrage sie und ziehe daraus meine Essenz. Ich habe Kollegen immer verachtet, die über ihre Secondhand-Erfahrungen mit anderen Menschen Bücher machen. Das ist einfach nicht genug.

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist genug? Zehn Jahre machen Sie jetzt "Menschen bei Maischberger" und sind wahrscheinlich schon mit jeder Art von Schicksal konfrontiert worden. Können Sie sich tatsächlich noch interessieren?

Maischberger: Es gibt 80 Millionen Bundesbürger, ich habe erst einen Bruchteil davon interviewt. Das Leben ist so vielfältig, dass es immer noch Menschen gibt, die ich absolut überraschend und spannend finde.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das, was Sie in Ihren vielen Interviews erfahren haben, privat verändert?

Maischberger: Das war immer mein Ziel: Ich frage so lange, bis ich weise bin. Eine weise alte Frau wollte ich immer werden. Vieles vergisst man auch. Von einigen Begegnungen bleiben aber Gefühlsflecken zurück. Ein Beispiel: In "Live aus dem Schlachthof" haben wir die allererste Sendung über Missbrauch im BR gemacht. Eine junge Frau, Sina, berichtete von dem Missbrauch durch ihren Vater. Und ein junger Mann erzählte, wie er sich an seiner kleinen Schwester vergangen hat. Da passierte zwischen den beiden plötzlich etwas. Sina signalisierte ihm, "wenn du so vor mir stehst und du reflektierst das und bittest um Verzeihung, dann möchte ich dir die Hand reichen". Ich wollte mit diesem Mann vorher nicht reden. Und plötzlich entdeckte ich an mir, dass es doch möglich ist, zu verstehen, was ihn dazu gebracht hat, so zu handeln - ein absoluter "Aha"-Effekt. Man geht in die Sendung und denkt sich "was für ein Arschloch" und geht raus und denkt "auch ein Mensch".

SPIEGEL ONLINE: Kann man für jeden Menschen Verständnis entwickeln?

Maischberger: Nein, nein, nein. Absolut nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist die Grenze?

Maischberger: Das kommt darauf an, ob ein Mensch sich öffnet, ob er einen wirklich teilhaben lässt an dem, was er fühlt. Manchmal bin ich mir sehr sicher, dass da eine Ebene ist, die nicht mitgeteilt wird. Ich bin auch nicht sauer, wenn Menschen mich direkt anlügen. Ich bin eher verstört, wenn sie sich so lange selbst angelogen haben, dass sie nicht mehr unterscheiden können, ob sie mich jetzt anlügen oder ob sie sich ihre eigene Wahrheit erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schützen Ihr Privatleben sehr konsequent. In einem frühen Text über Sie, da waren Sie 24, wurde noch der Name Ihres damaligen Freundes genannt...

Maischberger: ...der arme Kerl. Aber das war ein Porträt, da konnte ich nichts dafür.

SPIEGEL ONLINE: Ihre jetzige Ehe haben Sie zehn Jahre "verheimlicht", wie es hieß, also nicht darüber gesprochen.

Maischberger: Es hat niemand danach gefragt.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Fragen, die Sie Gästen nicht stellen würden, weil Sie damit eine Grenze zur Privatheit überschreiten würden?

Maischberger: Ja. Beziehungsweise ich überlege mir sehr gut, wie ich eine Frage stelle. Ein Spitzenpolitiker zum Beispiel hatte Ehen, aber keine Kinder. Natürlich fragt man sich da, wollte er keine? Das wäre dann die private Frage, die sehr private. Die finde ich nicht sittlich. Die Art und Weise, wie ich es gefragt habe, um ihm die Möglichkeit zu geben, das so zu beantworten, wie er es möchte, war: "Sie sind ein Landesvater ohne eigene Kinder - macht das einen Unterschied für Sie?" Das ist so offen, vielleicht feige, aber lässt ihm die Möglichkeit zu entscheiden, antworte ich darauf jetzt persönlich-distanziert oder werde ich privat.

SPIEGEL ONLINE: Wären Sie gerne beim TV-Duell zwischen Angela Merkel und Peer Steinbrück dabei gewesen?

Maischberger: Aus Eitelkeit würde ich sagen: Ja. Das schmeichelt, wenn man zu den Vieren gehört. Aber inhaltlich haben Sie da wenig - wie Steinbrück sagen würde - Beinfreiheit. Eine Frage ist gestellt, dann geht es weiter. Und wenn man doch nachfragt, steht man gleich im Verdacht, den Kollegen die Zeit zu stehlen. Knifflig.

SPIEGEL ONLINE: Als Steinbrück vor einigen Wochen bei Ihnen zu Gast war, hat man Sie in Ihrer alten n-tv-Rolle als harte Nachfragerin erleben können - würden Sie das gerne wieder öfter machen?

Maischberger: Ich mache das gerne, ich tue es ja auch als Filmemacherin und in Interviews mit Einzelpersonen. Das aber auf diesem Sendeplatz kurz vor Mitternacht zu tun und jede Woche für 75 Minuten einen Gast zu finden, der das trägt - nein, das steht nicht zur Debatte.

SPIEGEL ONLINE: Senden Sie zu spät?

Maischberger: Fragen Sie den Spieler auf dem Platz, ob er lieber rechts außen oder links außen spielen würde? Wir haben unsere Trainer, die geben einem die Positionen - und dann spielt man. Es gäbe in der Diskussion um die Anzahl der Talkshows vermutlich einen Aufschrei, wenn man auch noch einen Primetime-Platz damit besetzen würde. Anders sieht es beim Vorabend aus. Da könnte man im Öffentlich-Rechtlichen ein Interviewformat etablieren.

SPIEGEL ONLINE: Analog zu Thomas Gottschalks Versuch: "Maischberger live"?

Maischberger: Auflaufend zur "Tagesschau" - natürlich. Wir würden vermutlich mit weniger Kosten auch keine schlechteren Quoten einfahren als vieles, was da zuletzt passierte.

SPEIGEL ONLINE: Würde Sie das reizen?

Maischberger: Natürlich. Für die private Lebensplanung wäre es zwar nicht einfach, die Familienrolle lässt sich leichter meistern, wenn man einmal die Woche sendet und nicht jeden Tag. Im Moment steht das nicht zur Debatte, eben weil es dafür keinen Platz gibt.

SPIEGEL ONLINE: Ist es Ihnen schon passiert, dass Sie in einer Sendung sitzen und nicht wissen, was Sie als nächstes sagen sollen?

Maischberger: Nein, das nicht. Sagen wir andersherum: Es ist für Menschen, die vor der Kamera stehen, durchaus reizvoll, in Situationen zu geraten, in denen man keinen Plan hat, weil man dann erst reagieren kann. Wenn das passiert, ist das ganz schön.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark bereiten Sie sich vor?

Maischberger: Exzessiv. Frei nach der Devise: Du musst mehr über deinen Gast wissen als er selbst über sich. Das war mal mein Leitsatz.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie frei?

Maischberger: Abgesehen von der Sommerpause, Weihnachten und Ostern mache ich nicht viel frei. Ich arbeite vor der Kamera in dieser Redaktion, ich mache Dokumentarfilme, ich gehe raus auf Akquisetour. Es geht es um Finanzierungen, Verträge - das füllt den Tag gut aus. Seitdem wir eine Familie sind, habe ich mir den späteren Nachmittag freigeräumt, bis unser Sohn ins Bett geht. Sehr häufig gehe ich danach noch mal an den Schreibtisch und mache weiter. Ich versuche, die Wochenenden halbwegs freizuhalten. Die Dossiers zu meinen Gästen lese ich meist am Sonntagabend, wenn andere "Tatort" gucken. Der "Tatort" interessiert mich nicht.

SPIEGEL ONLINE: Günther Jauch auch nicht?

Maischberger: Ich gucke rein. Aber lese dann auch weiter. Nicht, weil ich das nicht sehen wollte - ich habe einfach keine Zeit dazu.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Traumrunde?

Maischberger: Eigentlich immer die Menschen, die gerade im Fokus stehen.

SPIEGEL ONLINE: Das wären jetzt?

Maischberger: Gustl Mollath hätte ich gerne bei mir gehabt, Angela Merkel sowieso, Uli Hoeneß hätte ich gerne mal gefragt, wie es ihm geht. Edward Snowden würde mich interessieren, seine Motive, und wie er für sich klar gezogen hat, inwiefern sein Leben unglaublich schwierig wird und er es vielleicht auch aufs Spiel setzt.

SPIEGEL ONLINE: Sollte man Ihr Interview mit Snowden dann sehen und denken: "Ich muss etwas tun gegen die Ausforschung meiner Privatsphäre"? Anders gefragt: Kann eine Sendung wie die Ihre der Aufklärung dienen?

Maischberger: Wenn wir keine aufklärerische Funktion haben, dann haben wir keine Daseinsberechtigung. Wir senden nicht nur, um die Menschen zu unterhalten. Es sollte zwar nicht langweilig sein, was wir machen. Aber das ist nicht unser höchstes Ziel.

Das Interview führte Stefan Kuzmany

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Lange her...
gatsue 05.09.2013
Ich habe Sandra Maischberger vor langer Zeit, Ende der 80er im Berliner Tempodrom, erlebt, als sie meine Band "Bellybuttons & the Knockells" interviewte. Auffällig und einzigartig an ihr ist bis heute ihr Wesen vorzupirschen, das Fossil aus der Wand zu lösen, zu präsentieren und zu deuten. Und das immer mit viel Gefühl - und wenn nötig Mitgefühl. Sie ist heute um nichts weniger sympthisch als damals.
2. Ja, sowas, habe ich noch nicht bemerkt...
rstb 05.09.2013
Schleichen, na sowas. Besser sie schleichen sich still und leise aus dem ARD-Programm. Eine Will reicht. Und dann noch im ZDF die eitle Frau Illner. Es ist schon lange nicht mehr zum Aushalten. Erbarmen. Gut das die Glotze einen Ausknopf hat.
3. !!!
mundusvultdecipi 05.09.2013
Zitat von rstbSchleichen, na sowas. Besser sie schleichen sich still und leise aus dem ARD-Programm. Eine Will reicht. Und dann noch im ZDF die eitle Frau Illner. Es ist schon lange nicht mehr zum Aushalten. Erbarmen. Gut das die Glotze einen Ausknopf hat.
..und der PC auch!
4. Labertasche Maischberger
herbert 05.09.2013
Zitat von sysopARD/ WDRJede Woche Schicksalstag, und das seit zehn Jahren: Sandra Maischberger im Interview über Lügen, Weisheit, unsittliche Fragen und die Grenzen des menschlichen Verständnisses. http://www.spiegel.de/kultur/tv/10-jahre-menschen-bei-maischberger-interview-ueber-luegen-und-hunger-a-919349.html
sie spricht und spricht in ihrer Talkshow und unterhält sich selber. Nervig das mitanzuhören. Eine umständliche Talkmasterin! Vertrete die Ansicht, dieser Job kann nicht noch Jahre dauern, denn diese Talkshow ist überflüssig von der Maischberger. Sie sollte mal etwas anderes probieren.
5. auch viel gutes erreicht
kratzdistel 05.09.2013
maischberger ist es zu verdanken, dass über das betreuungsrecht neu nachgedacht worden ist.oft lehnt sich die politik selbstgefällig zurück, ein gutes gesetz geschaffen zu haben. so beim betreungsgesetz.man wollte gutes, hat aber lücken übersehen, wonach missbrauch möglich ist. das hat sie sehr gut in ihrer ersten sendung aufgezeigt und in der zweiten sendung hat sich die justizministerin zugeschaltet und ergänzungen zum wohle der betreuten angekündigt und auch umgesetzt. nur weiter so
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