Erste polnische Netflix-Serie Welcome back, Eiserner Vorhang!

Der Kalte Krieg endete nie, Al Gore ist Präsident und Polen mächtiger als Russland: Die erste polnisch-sprachige Netflix-Serie "1983" wagt historische Gedankenspiele - aber gehen sie erzählerisch auch auf?

Netflix

Von Till Kadritzke


Anfang der Neunziger hatte der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama bekanntlich schon das "Ende der Geschichte" ausgerufen. Der Zusammenbruch des Ostblocks und damit der letzten großen Alternative zu freier Marktwirtschaft und demokratischer Staatsform erschien ihm nicht als Cliffhanger, sondern als großes Staffelfinale der Weltgeschichte.

In der neuen Netflix-Serie "1983", deren erste Staffel mit acht Folgen jetzt beim Streaming-Anbieter zu sehen ist, hat es diese Endzeitstimmung der Neunziger nie gegeben, der Ost-West-Konflikt nie aufgehört.

"1983" bietet also eine Art spekulative Geschichtsschreibung an, ähnlich wie "The Man in the High Castle" aus dem Hause Amazon, die in einem von den Nazis besetzten Amerika spielt. Hier liegt der historische Moment, in dem sich die Fiktion von der Zeitgeschichte löst, nun nicht irgendwo im Zweiten Weltkrieg vergraben, sondern ist auf den März 1983 datiert. Dort nämlich wurde Polen von einer Serie von Terroranschlägen erschüttert, in deren Folge Nation und Staat wieder zusammenrückten - und das kommunistische Regime überlebte.

Polen gegen "Harry Potter"

Also welcome back, Eiserner Vorhang! "1983" spielt im Warschau des Jahres 2003, in einem Polen, das auf der Bühne der Weltmächte mittlerweile eine größere Rolle einnimmt als Russland, während es im Inneren fleißig Daten sammelt, " Harry Potter" zensiert, jegliche Opposition unterdrückt und absoluten Gehorsam gegenüber der Partei einfordert. Nur die von der jungen Effy angeführte Lichtbrigade leistet dem System Widerstand. Im Westen dagegen wenig Neues: Al Gore hat zwar die Präsidentschaft gewonnen, auf den 11. September aber ebenso mit einer Invasion des Irak reagiert.

Inmitten von Hinterzimmer-Deals, Geheimdienst-Intrigen von KGB bis Mossad und dem Kampf des Regimes gegen eine revolutionäre Brigade schälen sich die Individualisten im gleichgeschalteten Systems natürlich umso stärker heraus: der verbitterte und bei der Partei in Ungnade gefallene Cop Anatol (Robert Wickiewicz) und der junge Jura-Absolvent Kajetan (Maciej Musia).

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Thriller-Serie "1983": Totalitäre Verschwörung

Letzterer bekommt in der Pilotfolge nach seiner Abschlussprüfung ein geheimnisvolles Foto von seinem Professor überreicht - das ihn nicht nur mit Anatol zusammenbringt, sondern auch auf die Spur einer Verschwörung. Die gesamte erste Staffel ist dann in erster Linie ein Puzzlespiel, das allmählich ein anderes Bild von den Geschehnissen im März 1983 entstehen lässt, als es die nationale Geschichtsschreibung propagiert.

"1983" ist die erste polnisch-sprachige Netflix-Serie, Teil der angekündigten Strategie des Unternehmens, eigene Originalserien nicht nur überall auf der Welt anzubieten, sondern auch zu produzieren. Mit Agnieszka Holland (zuletzt: "Die Spur") konnte eine auch international angesehene Regisseurin für die erste Staffel gewonnen werden, sie teilt sich den Regiestuhl, durchaus beachtlich, mit drei anderen Frauen: Olga Chajdas, Agnieszka Smoczynska und Kasia Adamik.

Kalter Krieg, kalte Farben

Selbst wenn die stets effektive Inszenierung der vier Regisseurinnen mühelos das Interesse am Hauptplot der aufzudeckenden Verschwörung aufrecht erhält, mutet "1983" stilistisch mitunter etwas bieder an. Der Kalte Krieg ist wie eh und je in kalte Farben getaucht, die Episoden brechen selten aus der ewigen Gräue aus, verlassen sich auf tradierte Dynamiken von Verschwörungsparanoia und Geheimdienst-Verwirrspielen sowie auf typisierte Figuren wie den glatzköpfigen General und die schöne Revoluzzerin.

Und doch gelingt es Autor und Showrunner Joshua Long, das Intime mit dem Weltpolitischen zu verknüpfen, ohne allzu künstliche Plotgebäude zu konstruieren. Es ist das Bild des kleinen Kajetan, wie er vor dem Sarg der beim Anschlag ums Leben gekommen Eltern kniet, in dem die verschiedenen Motive der Serie zusammenkommen: ein Protagonist auf der Suche nach sich selbst und seiner Vergangenheit, das Geschichtsbild einer ganzen Nation, die Verschwörung hinter dem kleinen wie dem großen Bild.

Es geht also ums Ganze, und das ist vielleicht Reiz wie Risiko der Serie. "Die Wahrheit ist die einzige Waffe der Sterblichen gegen die Götter", das gibt der Professor seinem Schützling Kajetan noch auf den Weg, bevor er selbst ums Leben kommt. In einer Zeit, in der diese Waffe immer stumpfer zu werden scheint, wirkt auch dieses Leitmotiv ein wenig gestrig. Vielleicht ist es aber gerade deshalb wiederum nicht die schlechteste Idee, es mal wieder zu entstauben.


"1983", auf Netflix

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upalatus 02.12.2018
1.
Ein Ende muss nicht als eine knallende Zustandsänderung von Jetzt auf Dann daherkommen; es kann auch gut über 100 Jahre dauern, so ein Ende.... . Vielleicht meinte Fukuyama eher den point of no return. Jedenfalls bezeichnend, dass fiktive Filmgedankenspiele stets bedrückendem und kalten Inhalts sind. Keine Spur von einer Utopie der menschlichen Weiterentwicklung, und das entweder weil das Bedürfnis nach dunkler Denke beim Publikum so hoch ist, oder schlicht das Positivere grundsätzlich nicht ins Kalkül gezogen werden mag. Minderschätzung oder Verneinung eigener prinzipieller Verbesserungsqualitäten kann auch ein Anzeichen eines aktiven Endevorgangs sein.
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