20 Jahre "Tatort"-Kommissarin Odenthal: Der drohende K.o. der Lena O.

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Immer in Aktion, niemals am Ziel: Als Lena Odenthal ist Ulrike Folkerts die dienstälteste "Tatort"-Ermittlerin" - und läuft stets auf vollen Touren. Doch wovor rennt das traurig-einsame Kraftpaket eigentlich weg? Eine kritische Hommage zum 20-jährigen Dienstjubiläum.

Dienstälteste "Tatort"-Kommissarin: Die Fälle der Lena O. Fotos
DPA/ WDR/ SWR

Die Nahrungsaufnahme ist ja ein Riesenthema im "Tatort", manchmal drohen dabei glatt die Ermittlungen aus dem Visier der Fernsehbeamten zu geraten. Klaus J. Behrend und Dietmar Bär in Köln zum Beispiel verspeisen ein gutes Dutzend Currywürste pro Folge, und die Münchner Kollegen Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec stopfen von Leberkäs aus der Mikrowelle bis feinster französischer Küche so ziemlich alles munter in sich hinein.

Nur Ulrike Folkerts in Ludwigshafen ist anders, die leidet förmlich Hunger. Was umso mehr auffällt, weil sie als "Tatort"-Polizistin seit geraumer Zeit einen italienischen Kollegen und Mitbewohner hat, der ihr die herrlichsten Nudelgerichte kocht, die sie dann immer wieder aufgrund der Arbeitsverpflichtungen unberührt lässt. Lieber geht sie noch 'ne Runde joggen: Verzicht als Lebensprinzip.

Und so kommt es, dass Behrend und Bär nach zwölf Jahren rheinischer Fernseh-Ermittlungsarbeit ein bisschen in die Breite gegangen sind, aber bierselig wie eh und je agieren; dass die bayerischen Lausbuben Wachtveitl und Nemec nach 18 Jahren komplett ergraut, aber glücklich vor sich hin futtern - und dass die Folkerts nach ganzen 20 Jahren nicht nur die dienstälteste "Tatort"-Kraft ist, sondern zugleich die durchtrainierteste.

Da hat sich seit dem 29. Oktober 1989, als sie mit Neo-New-Wave-Kurzhaarfrisur als jüngste "Tatort"-Chefermittlerin überhaupt an den Start ging, wenig verändert. Wie auch? So wie die kulinarischen Genüsse im Besonderen scheint das Leben im Allgemeinen an der einsamen Wölfin vorbeigegangen zu sein.

"Ich bin einsam. Oft."

Da ist es wirklich nett, dass ihr die SWR-Redaktion zum Dienstjubiläum an diesem Wochenende eine Episode spendiert hat, bei der sie eine Delikatesse nach der anderen schlemmen darf - und diese dann auch noch von einem attraktiven Mann serviert bekommt. Die Sache hat nur einen Haken: Der Typ ist mal wieder der Hauptverdächtige. Lena in Love, das war ja immer problematisch. Egal, aufgegessen wird diesmal trotzdem: Beim ersten Date gibt es Pasta und Piemont-Trüffel, beim zweiten Jakobsmuscheln auf Roter Beete, dazu natürlich nur die besten Weine. Das lockert die Zunge.

Und so hört der Zuschauer am Sonntag in "Vermisst" (Regie: Andreas Senn, Buch: Christoph Darnstädt) die präziseste und ehrlichste Selbstcharakterisierung, die je ein TV-Beamter geliefert hat: "Wer ich bin?", fragt Odenthal eher sich selbst als ihren Gegenüber. "Lena O. Nicht mehr ganz jung. Beziehung: Katze. Freunde: meine Kollegen. Mehr nicht. Seit 20 Jahren wühle ich in Gewalt, Mord und Totschlag. Und ich find' nur selten irgendetwas Nettes darin. Ich bin einsam. Oft."

Das zeigt zugleich den Mangel und die Meisterschaft der Lena O.: Einerseits verschwindet sie als Profi ohne Privatleben inzwischen gänzlich hinter den jeweiligen Verbrechen und wird so nicht unnötig von der Arbeit abgelenkt, andererseits übertrug sich der Stillstand bei der Figur Odenthal irgendwann auf den SWR-"Tatort" insgesamt.

Sicher, es gab in letzter Zeit immer mal wieder bedeutsame gesellschaftspolitische Episoden aus Ludwigshafen, Martin Eiglers doppelbödigen Ehrenmordkrimi "Schatten der Angst" zum Beispiel oder Aelrun Goettes radikale Sterbehilfereflexion "Der glückliche Tod". Die Aufbruchstimmung der frühen Tage ist aber insgesamt einer Nummer-sicher-Haltung gewichen.

Dabei war das Täterrätsel aus Ludwigshafen ein paar Jahre lang das irrste, experimentierfreudigste und aufwühlendste der ganzen ARD-Reihe. Hier landeten sogar mal Raumschiffe ("Tod im All", 1996), hier wurde zur ersten interaktiven Mörderjagd geladen ("Der schwarze Ritter", 2000), hier wurde eine Folge komplett im HipHop-Milieu angesiedelt ("Fette Krieger", 2002).

Hyperaktives Neutrum

Man hatte den Mut zu scheitern, man probierte sich aus. Und das galt eben auch für die Kommissarin als sehnendes und begehrendes Wesen. Die bändelte mal zaghaft mit Kollegen an ("Tod im Häcksler", 1991, mit einem noch niedlichen Ben Becker), oder sie stieg mit einem Verdächtigen ins Bett, der sich noch während der Dusche danach als Täter entpuppte ("Der schwarze Engel, 1994, mit einem gemeingefährlich maskulinen Dominic Raacke).

Und in dem schon erwähnten Szene-Krimi "Fette Krieger" schließlich knutschte Odenthal mit einem HipHop-Girl rum. Doch was als Ankündigung für ein lesbisches Coming-out der von der offen lesbischen Schauspielerin Folkerts dargestellten Ermittlerfigur Odenthal gelesen werden konnte, wurde in der nächsten Folge einfach nicht weitergeführt. Schon okay, dass die Kurzhaarige mit der Lederjacke nicht als erste nichtheterosexuelle Vorzeigepolizistin herhalten sollte. Schon okay, dass Folkerts keine Lust hatte, zur Lesbe vom Dienst zu werden. Aber musste man sie deshalb denn gleich zum hyperaktiven Neutrum degradieren?

So richtig interessant wurde es im Privatleben der Ermittlerin nämlich nicht mehr; eine bisschen wirkte das viele Gejogge nach dem verhinderten Coming-out, als laufe sie ihrem eigenen Begehren davon. Es rennt ja keine andere TV-Kollegin so viel wie Odenthal in ihrem 20. Dienstjahr, gespielt von der 48-jährigen Schauspielerin Folkerts, und auch schießen tut sie mehr als jede andere. Um nicht missverstanden zu werden: Das sieht immer noch hinreißend aus.

Aber, liebe Drehbuchautoren, gebt diesem traurigen Kraftpaket doch bitte auch wieder eine Richtung vor - und gelegentlich Momente der inneren Einkehr wie jetzt mit der Jubiläumsepisode.

Sonst geht sie bald K.o., die Lena O.


"Tatort: Vermisst", Sonntag 20.15 Uhr, ARD

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 63 Beiträge
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1. Meinen Sie Lena O.?
LaBatea 10.10.2009
Zitat von sysopImmer in Aktion, niemals am Ziel: Als Lena Odenthal ist Ulrike Folkerts die dienstälteste "Tatort"-Ermittlerin" - und läuft stets auf vollen Touren. Doch wovor rennt das traurig einsame Kraftpaket eigentlich weg? Eine kritische Hommage zum 20-jährigen Dienstjubiläum. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,654154,00.html
Die Folkerts-Tatorte gehören zu den schlechtesten. Seit 20 Jahren spielt die L...schwester vom Dienst mit betroffenem Gesichtsausdruck die asexuelle Lena O., und auch ihr Partner - wie hieß er doch gleich? - macht dabei keine bessere Figur. In der aktuellen Zeitschrift "Schrot und Korn" erzählt Folkerts gerade, wie sie mit allein 3 Tatorten pro Jahr ihren Unterhalt bestreiten kann und dabei ja so "bio" ist - ich sage, Zeit das zu ändern. Gibt es keine anderen Gesichter in diesem Land?
2. das drohende KO, der Linda O. ??????
christiane006 10.10.2009
Zitat von sysopImmer in Aktion, niemals am Ziel: Als Lena Odenthal ist Ulrike Folkerts die dienstälteste "Tatort"-Ermittlerin" - und läuft stets auf vollen Touren. Doch wovor rennt das traurig einsame Kraftpaket eigentlich weg? Eine kritische Hommage zum 20-jährigen Dienstjubiläum. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,654154,00.html
wer rediert eigentlich diese Artikel, ich schaue die Sendung mit Ulrike Folkerts nie, aber ich weiß dennoch dass es nicht Linda O. sondern Lena O. heißen muss. Soviel Zeit muss sein.
3. Was ist das für eine komische Artikel-Überschrift?
triple-x 10.10.2009
Wer ist Linda O. ? Der Artikel handelt doch von Lena O.
4. Linda, Lena, Lore oder so ähnlich
Bala Clava 10.10.2009
Zitat von sysop20 Jahre "Tatort"-Kommissarin Odenthal: Der drohende K.o. der Linda O. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,654154,00.html
Das war mal wieder ein echter Schnell-Buß. Immer auf Hochtouren, ganz ähnlich wie L... wie auch immer Odenthal. Der Mann schreibt schneller, als andere Leute denken. Da bleibt für Feinheiten keine Zeit. Liebe Ulla, Uschi oder so Volkerts, nochmal 20 Jahre Tatort - und Ihr (Rollen-)Name wird Allgemeingut. Vielleicht.
5. Nur eine Figur
lemming51 10.10.2009
Die "einsame" Lena (+ Kollege Kopper) ist mir allemal in ihrer Einsamkeit lieber als die vielen Kripo-Kollegen, die alle irgendwelchen Traumata und Psychosen aus was weiß ich wie vielen Krisen mit sich herumschleppen und zu verarbeiten haben. Man möchte fast meinen, alle Kripobeamten sind nur noch trinkende und nägelkauende, überwiegend geschiedene, sufzende und schlaflose Psychowracks. Da ist die joggende Dame Odenthal nebst Miezekatze und wohngemeinschaftlichem halbitalienischem Kochkollegen doch kerngesund, oder ???
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