Kultur

Anzeige

 Doku über Antisemitismus

Ein Telekolleg zum Judenhass

Für eine Doku über Antisemitismus schickt 3sat den jüdischen Regisseur Barrie Kosky zu AfD-Politikern und Kampfsportvereinen. Erkenntnis: Auf die drollige Tour sollte man sich diesem Thema nicht nähern.

Von

Mittwoch, 12.09.2018   18:45 Uhr

Anzeige

Es bedarf schon einer gewissen Blauäugigkeit, im Spätsommer 2018 eine Antwort auf die Frage "Wie antisemitisch ist Deutschland?" zu präsentieren. Auf welcher Skala hätten wir's denn gern? In abgeschwächter Form befasst sich die 3sat-Dokumentation mit diesem Titel denn auch eher damit, ob es überhaupt Antisemitismus in Deutschland gibt.

Aber selbst wer die vergangenen Wochen, Monate, Jahre und Jahrzehnte im Koma verbracht hat, könnte beim Aufwachen doch sofort Auskunft darüber erteilen, dass es Antisemitismus natürlich gibt, welche Ursachen er hat und von wem er ausgeht.

Anzeige

Thorsten Berrar macht sich in seinem Projekt dennoch auf den Weg, denn er hat Barrie Kosky an seiner Seite. Und das ist ein cooler Typ. Vorgestellt wird der in Australien geborene Spross jüdischer Einwanderer als Intendant der Komischen Oper in Berlin.

Unterschlagen werden seine langjährigen und vielfach gewürdigten Auseinandersetzungen mit jüdischer Identität und Kultur in Sprech- und Musiktheater - bis hin zu einer Inszenierung und Interpretation der "Meistersinger von Nürnberg" von Richard Wagner in Bayreuth.

Anzeige

Der Mann weiß, worum es geht und wonach er suchen muss. Wohin schicken wir ihn also? Erst mal auf den Pariser Platz am Brandenburger Tor, Passanten befragen. Die erklären ihm - bis auf einen besorgten Bürger mit "Seehofer, halt durch!"-Plakat - unisono, dass es Judenfeindlichkeit gibt und bekämpft werden müsse.

Darauf werden Zahlen auf preußische Architektur projiziert, denen zufolge 51 Prozent der Deutschen das Problem "gar nicht so groß" finden. Jeder zweite AfD-Anhänger meine, dass Juden "zu viel Einfluss in Deutschland haben". Und da wird's interessant. Kosky trifft sich mit Wolfgang Fuhl. Fuhl ist Bundestagsabgeordneter der AfD. Und Jude.

Fuhl ist, genauer, ein "jüdischer Deutscher" mit "einem ganz normalen, gesunden Patriotismus", wie er sagt. Nach Höckes Rede zum "Denkmal der Schande" sah er keinen Grund, die Partei zu verlassen. Die "Vogelschiss"-Äußerungen von Alexander Gauland bewertet er als Relativierung des Holocaust, nicht aber - feiner Unterschied! - als Antisemitismus. Den gäbe es nicht in seiner Partei.

Worauf Kosky, immer begleitet von seinem entzückenden Hund, sich wieder auf die Suche macht. Von Dervis Hizarci von der "Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus" (KIGA) lässt er sich Erziehung und Gemütslage von Zuwanderern erklären. Und Benjamin Steinitz von der "Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus" (RIAS) erläutert ihm, warum "die Herkunft" einer solchen Einstellung eigentlich keine Rolle spielt. Der Hund guckt.

"Telekolleg Judenhass", erste Folge

Kosky besucht die Eltern eines im Frühjahr wegen seiner jüdischen Herkunft aus der Schule gemobbten Kindes und lässt sich im israelischen Kampfsport Krav Maga unterweisen, womit sich vor allen viele Juden gegen Übergriffe wappnen. Wobei Kosky eine so drollige Figur macht, dass die Doku für ein paar Augenblicke vollends den Faden zu verlieren und in den Klamauk abzurutschen droht.

Ähnliches gilt für Fragen wie "Hatte der Antisemitismus von Männern wie Martin Luther also weitreichende Folgen?" Im Film befragt Kosky dazu Markus Dröge, Bischof der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg. Der entsagt souverän.

Beflissene Aufdröselungen des Problems von der Spätantike bis zu den "Protokollen der Weisen von Zion" in Trickfilmform machen es nicht besser: "Telekolleg Judenhass", erste Folge. Wer dergleichen noch nie gehört hat, der will es nicht hören - und wird sich auch nicht durch eine flotte Doku eines Besseren belehren lassen.

Höhe- und zugleich Tiefpunkt ist ein Treffen zwischen Kosky und Nikolai Nerling, dem wegen völkischer Umtriebe als Grundschullehrer gekündigt wurde. Seitdem trägt Nerling seinen Hass auf YouTube spazieren: "Viel Musik wird zum Beispiel gespielt im Radio, die nicht deutsch ist!"

"Gott sei Dank ist die Mehrheit der Deutschen nicht wie Sie"

Hier darf er sich verbreiten, auch wenn die Szene - inklusive Countdown - als Enthüllung eines endlich mal waschechten, offenen Antisemiten angelegt ist. Die beiden Männer kommen, fast hätte man's vermutet, auf keinen gemeinsamen Nenner.

Am Ende sagt Kosky erleichtert: "Gott sei Dank ist die Mehrheit der Deutschen nicht wie Sie." Darauf Nerling, ergänzt um eine dramatisierende Zeitlupe: "Ja, und leider ist die Mehrheit der Juden so wie Sie!"

Deutschland, erklärt Kosky abschließend, sei so "mariniert in diesem Judenhass", dass ein Abschütteln kaum möglich sei: "Unsere Verantwortlichkeit ist es, mit diesen Furien, diesen Dämonen weiter zu kämpfen."

Ein schöner Satz. Den Film dazu hätte es nicht gebraucht.


"Wie antisemitisch ist Deutschland?" Mittwoch, 12.09.18, 20.15 - 21.00 Uhr. 3sat

Weitere Artikel
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH