Neue "4 Blocks"-Staffel Wir rappen uns die Welt, wie sie uns gefällt

Die erste Staffel von "4 Blocks" hatte die Energie eines berauschenden Hip-Hop-Albums, in der zweiten verwalten alle nur noch die eigene Legende. Zweifelhafte Auftritte von Szenegrößen inklusive.

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Im Neuköllner Hinterstübchen wird das Koks kiloweise getürmt, gewogen und verarbeitet, als sei es Mehl in einer Bäckerei. Dazu kübeln auf der Tonspur die Rapper Hasan.K & Gringo ihren Spott über allen aus, die sich das gestreckte Zeug andrehen lassen: "Der Touri kriegt Mehl anstatt Abiat / Wird verarscht vom Neuköllner Shabab". Eine süffige Szene, die noch einmal den improvisierten, realitätsgesättigten Charme in Erinnerung ruft, für den die erste Staffel "4 Blocks" in Hip-Hop-Kreisen genauso gefeiert wurde wie von der Fernsehkritik: Neukölln, wie es linkt und lallt.

Leider gibt es in der zweiten Staffel, die ab Donnerstag bei TNT Serie läuft, nicht mehr viele solcher Szenen. Denn die für kleines Budget gedrehte Kiezsaga soll nun großes, schauwertgetriebenes Gangsterkino sein. Am Anfang sehen wir Ali "Toni" Hamady (Kida Khodr Ramadan), den bislang eher glücklosen libanesischen Clanchef, der in der ersten Staffel vom bürgerlichen Leben träumte, wie er vom Paten im fernen Beirut zu dessen neuen Mann in Berlin ernannt wird - und zwar auf denkbar einschüchternde Weise: Tonis Vorgänger wird in dessen Gegenwart langsam erdrosselt, dann stößt man mit einem Tee auf den neuen Deal an.

Das bürgerliche Leben muss auf Toni also noch warten. Er versucht den Berliner Koksmarkt unter seine Fittiche zu bringen, verliert dabei aber immer mehr den Kontakt zur Familie: Bruder Abbas (immer noch stark: Veysel Gelin) sitzt wegen Polizistenmords in Tegel in Haft, seiner idealistischen Ehefrau Kalila (Maryam Zaree) sind die skrupellosen Geschäfte ihres Mannes ein Graus. Toni ist auf einmal ein so mächtiger wie einsamer Mann - global vernetzt, lokal isoliert.

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Deutsche Gangsterserie: Neukölln wie es linkt und lallt

Große internationale Vorbilder, wo man in den sieben neuen "4 Blocks"-Folgen hinschaut: Die länderübergreifenden Verflechtungen des organisierten Verbrechens werden dargestellt wie in dem von BBC und Amazon koproduzierten Mobster-Entgrenzungsszenario "MacMafia", die Entfremdungsprozesse um Toni herum erinnern an die Don-Dämmerung im "Paten". Doch die Verweise sind konventionell inszeniert wie in einer Fließbandserie (Regie: Oliver Hirschbiegel, Özgür Yildirim): Bei der Geschäftsreise nach Beirut ertönt natürlich arabische Folklore, in seiner edel vertäfelten Villentristesse am Berliner Stadtrand starrt der libanesische Don trübe ins volle Whiskyglas. Klischee reiht sich an Klischee.

Eine Serie wie ein Hip-Hop-Album

Dabei war es doch gerade das große Wunder, wie sich die Filmemacher für die erste Staffel die Vorbilder einverleibten, um dann eine ganz eigene Geschichte zu erzählen. "4 Blocks", das war wie ein grandioses Hip-Hop-Album, bei dem sich im authentischen Rauschen von Neukölln kleine Gangster große Mythen aneigneten. Hier ging es nicht um den sozial-investigativen Blick, sondern darum, wie die Wirklichkeit mit bescheidenen Mitteln überlebensgroße Erzählung wird: Wir rappen uns die Welt, wie sie uns gefällt.

Weil die Gangsterserie (Drehbuch: Hanno Hackfort, Richard Kropf und Christoph Bob Konrad) aber dem realen Raum Neuköllns abgerungen worden war, traten in ihr eben doch reale Konflikte zutage, und das mit physischer Dringlichkeit - etwa der von den Arabern, die als Alteingesessene glauben, ihr Areal gegen alle Arten von Eindringlingen verteidigen zu müssen - jedenfalls solange sie nicht an ihnen verdienen.

Zu den vielen Legenden, die sich um die Entstehung von "4 Blocks" ranken, gehört auch, dass es beim Dreh Stress zwischen Gangsterdarstellern und Hipster-Kneipenwirten gegeben haben soll. So berichtete die erste Staffel über den ganz realen Häuserkampf in Neukölln.

Bürgerliche Sehnsüchte, offensive Gewalt

Dieser Aspekt erhält in der Fortsetzung von "4 Blocks", mit der eine wahren Offensive von deutschen Serien in diesem Herbst beginnt, weniger Platz. Zwar werden Tonis expandierende Immobiliengeschäfte thematisiert, er versucht jetzt, auch bei Flüchtlingsunterkünften mitzuverdienen, doch erscheint der Clanchef nicht mehr als gespaltene Persönlichkeit, die zwischen bürgerlichen Sehnsüchten und obsessiver Gewalt hin- und hergerissen ist. Toni und alle anderen Figuren sind vielmehr damit beschäftigt, die eigene Legende zu verwalten.

Jeder spielt hier seine Rolle, aber den Filmemachern gelingt es nicht mehr, dieses Rollenspiel zu brechen. Und dass man zu dem festen Personal von Hip-Hop-Schauspiellaien aus der ersten Staffel noch weitere szenenahe Persönlichkeiten vor die Kamera geholt hat, ist nicht von Vorteil für den Vortrag der oft gestanzt klingenden Dialoge.

Zu besonders staksigen Auftritten kommt es durch den vermeintlichen Casting-Coup, den Rap-Beißer Gzuz vom extrem erfolgreichen Hamburger Rap-Rudel Straßenbande 187 vor die Kamera zu holen. Als Knast-Pate Frankie flaniert er im Bademantel durch die Strafvollzugsanstalt Tegel und lässt sich von seinem Handlanger Espresso servieren. Deutschlands aggressivster Asi-Hip-Hopper als Frühstücksdirektor des deutschen Gangsta-Rap - das versinnbildlicht recht gut, wie zahnlos "4 Blocks" in der Fortsetzung daherkommt.


"4 Blocks", ab Donnerstag bei TNT Serie, abrufbar über Sky Ticket. DVD und Blu-ray erscheinen am 3. Dezember. Anfang 2019 läuft die Serie bei ZDFneo.

insgesamt 6 Beiträge
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benedetto089 11.10.2018
1.
Gestern in der SZ war eine sehr viel positivere Kritk zu lesen. Ich fand die erste Staffel sehr sehenswert. Da muss man wohl abwarten und sich selber ein Bild machen. Hoffe es ist nicht so schlecht wie hier beschrieben.
fenasi_kerim 11.10.2018
2. Bin gespannt
Es war sicher ein ziemlicher Kraftakt nach dem Verlust zweier wichtiger Darsteller (Lau, Zehrfeld). Da sind die anderen teilweise überraschend starken Zugpferde wie Veysel und Kida Ramadan gefragt. Hoffentlich verliert es sich nicht in Klischees
Pango 11.10.2018
3. Sauerkraut-TV
Schon die erste Staffel konnte ich mir nach Folge 1 nicht weiter geben: Genuschel (grausamer Ton), Amateur-Camcorder Look, Schnitt und Dramaturgie wie im Offenen Kanal. Einzig die Schauspieler wirkten "authentisch". Naja, Lohn und Brot für ein paar deutsche KÜnstler sind gesichert.
Gna Gna Gna 11.10.2018
4. Ja Pango,
der Ton war in Staffel 1 unterirdisch. Ohne Kopfhörer und Equalizer hätte ich weniger als 30% verstanden. Also fast soviel, wie ich in den 80ern während meines Studiums in Kaiserslautern verstanden hatte.
Todweber 11.10.2018
5. Großartig
Zitat von benedetto089Gestern in der SZ war eine sehr viel positivere Kritk zu lesen. Ich fand die erste Staffel sehr sehenswert. Da muss man wohl abwarten und sich selber ein Bild machen. Hoffe es ist nicht so schlecht wie hier beschrieben.
Die erste Staffel wurde zurecht ausgezeichnet. Und sie ist ein Novum im deutschen Fernsehen. Insbesondere ARD und ZDF produzieren Kriminalfilme und Tatorte abseits jeder Realität des beginnenden 3. Jahrtausends. Bei vielen Krimis und auch Serien glaubt man sich in eine Zeitmaschine gesetzt, die einen in die 50er Jahre befördert. Absurdeste Drehbücher wie heute in der Soko Stuttgart über das vollkommen ausgelutschte Thema Burschenschaften. Die natürlich diese Demokratie zerstören wollen. Da muss ich an die AfD denken, die auf Internetplattformen aufruft, Schüler und Lehrer zu melden, die politisch gegen rechts wettern. Was soll dieser Unsinn? Wir wissen doch längst, das die GEW ein linker Kampfverband ist und 70% der Journalisten rot-rot-grün wählen. Und das ARD und ZDF alles unternehmen, um Ressentiments gegen Andersdenkende zu vermeiden, gibt es praktisch keine Kriminalfälle, bei denen Ausländer Täter sind. Man möchte die Intendanten der ARD und den Intendanten des ZDF direkt einmal einladen, deutsche Haftanstalten zu besuchen. Typisch der gut gemachte Film an Mittwoch über eine Beamtiun im Strafvollzug (Männerhaftanstalt!!!) die durch finanzielle Schwierigkeiten korrumpierbar wird und letztendlich wegen Gefangenenbefreiung festgenommen wird. Nur absolut unglaubwürdig alle Hauptbeteiligten waren deutsche Straftäter und das im Jahre 2018. Nein 4 Blocks ist Realität pur in Berlin! Dagegen ist Babylon Berlin keine Serie die kriminalistisch eine Realität in den 20er Jahren darstellt sondern ein politischer Film nach einem Roman über die schwarze Reichswehr. Wobei die Wirklichkeitstreue absolut nicht den wahren Begebenheiten im politschen Raum entspricht. Berlin stand vor der Wahl Pest oder Cholera: Sieg der Kommunisten oder der aufkommenden Nazis und damit die Herrschaft über Deutschland. Nein, 4 Blocks muss man gesehen haben! Deshalb große Vorfreude auf TNT Serie 21.00 Uhr.
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