"4 Blocks" bei ZDFneo Gangster gegen Hipster

Krieg der Bärte: "4 Blocks" erzählt von den Revierkämpfen zwischen alteingesessenen Arabern und Neu-Berlinern. Jetzt zeigt ZDFneo die gefeierte Serie - allerdings nicht in der Mediathek.

TNT/ Turner/ Wiedemann & Berg Television

Von


Dieser Text erschien zuerst anlässlich der Premiere bei TNT Serie im Mai dieses Jahres.

Du willst einfach nur eine Fanta, und sie geben dir eine Biolimonade aus Frankreich. Eine kleine Szene, die den gesamten Ekel des Gangsters Ali Hamady angesichts der rasanten Veränderungen in seiner Neuköllner Nachbarschaft auf den Punkt bringt. Seit 26 Jahren wartet der Libanese, genannt "Toni" nach Tony Montana in "Scarface", in Berlin auf seine Einbürgerung. In der Zwischenzeit hat er sich einen soliden Familienbetrieb aufgebaut. In den Straßen wird sein Koks verdealt, und wer nackte Hintern sehen will, geht in seine Tabledance-Schuppen. Toni Hamady ist ein stolzer Unternehmer.

Okay, mit der Steuer ist es schwierig, aber ansonsten würde man den freien, fleißigen Gründer- und Bewahrergeist Hamady auch in der Mittelstandsvereinigung der CDU/CSU mit offenen Armen empfangen. Er ist ein guter Patriarch, der sich redlich um alle kümmert, die für ihn arbeiten oder mit ihm verwandt sind. Und das sind nicht wenige in Neukölln.

Doch nun fallen auf einmal die Neu-Berliner in Hamadys eingehegtes Rotlichtrevier ein. Franzosen, Spanier, Amis. Hipster, die Bärte tragen wie arabische Gangster, ansonsten jedoch nicht anders sein könnten. Gerade hat ein Bart aus Neuseeland einen Laden aufgemacht, in dem er 100 verschiedene Craft-Beer-Sorten verkauft. Aber eben keine Fanta.

Wer hat das Sagen in Neukölln?

Und das bringt Hamdy und seine Jungs mächtig in Rage, als sie bei dem Hipster vorbeischauen, um ihm vorzuschlagen, dass er ab jetzt ein bisschen von seinen Einnahmen an sie abführen solle. Am Ende eskaliert die Situation, die Libanesen gluckern den Ladenbesitzer in der Spüle hinter seinem Tresen unter. Eine extrem aggressiv aufgeladene Szene.

Bei dem Dreh des Gangster-Hipster-Clashs "4 Blocks" soll es auch real Stunk gegeben haben. Was daran gelegen haben mag, dass für die Serie zum Teil reale Protagonisten an realen Orten agieren. Die Hipster wurden direkt aus ihren Bars rekrutiert, auf Seiten der Gangster agieren Hip-Hop-Szenegrößen wie die Rapper Veysel und Massiv. Fiktion und Realität sind natürlich nicht deckungsgleich, aber Spannungen aus dem echten urbanen Verteilerkrieg schwingen durchaus in dem fiktional verdichteten und folkloristisch überhöhten Plot von "4 Blocks" mit.

Mein Block, mein Kiez, mein Revier. Das sagt sich so leicht, obwohl Besitzansprüche in sich stetig verändernden Großstadtquartieren schwer zu ermitteln sind. Wem gehört denn nun Neukölln? Den letzten deutschen Proleten? Den Arabern, die hier seit mehreren Generationen gut laufende Geschäfte haben? Dem linksliberalen Milieu, das den Ort als multikulturelle Projektionsfläche feiert? Oder doch einfach nur den Investoren, die Straßenzug um Straßenzug teuer aufhübschen, um das Problemviertel in ein Altbauwunderland zu verwandeln?

Ziegenhirt als Gangsterboss

Mitten drin im Neuköllner Häuserkampf: der deutsch-libanesische Rotlichtunternehmer Hamady, der von Kida Khodr Ramadan mit melancholischer Wucht verkörpert wird. Ramadan, selbst eng mit Neukölln verbunden, spielt Hamady als klassischen angeschlagenen Clanchef. Betrübt muss er zusehen, wie das Reich, das er nach eigenen Gesetzen errichtet hat, vor die Hunde zu gehen droht.

Fotostrecke

8  Bilder
TNT-Serie "4 Blocks": Der Pate von Neukölln

Die Hitzköpfe aus der eigenen Familie sorgen zudem ständig für Ärger, gerade hat sein Bruder einen Polizisten erschossen. Außerdem machen ihm andere arabische Clans den Drogenhandel streitig. Und dann sind da noch die Hipster, die Hamady mehr als alle anderen verachtet, weil sie Spanisch oder Englisch sprechen, aber nicht Arabisch oder Deutsch, so wie sich das seiner Meinung nach in Neukölln gehört. Dabei will Hamady doch einfach nur eingebürgert werden und sein Geld in einen schönen Neubau stecken, um endlich auch seriös am Neukölln-Boom zu verdienen und mit seiner geliebten Frau und seiner geliebten Tochter von der Straße ins bürgerliche Idyll abzutauchen.

Kollegah trifft GoodFellas

"4 Blocks" ist eine smarte soziologische Betrachtung. Und zugleich süffiges Gangsterkino. Regie führte der risikofreudige Gerne-Könner Marvin Kren, der einst mit "Rammbock" den einzigen funktionierenden deutschen Zombie-Thriller gedreht hat und seinen "Tatort" über das Oktoberfest als kunstvolles Wimmelbild der Entfesselung inszenierte. Erstaunlich und bezeichnend, dass so eine relevante Produktion aus dem Hier und Jetzt ursprünglich vom kleinen Bezahlsender TNT Serie ("Weinberg") kommt und nicht von den Öffentlich-Rechtlichen.

Nachdem es nun bei dem Pay-TV-Sender ausgewertet worden ist, hat ZDFneo die Rechte für die Free-TV-Premiere erworben. Dort läuft die Serie ab diesem Dienstag - allerdings wird sie, wie sonst üblich, nicht in der ZDF-Mediathek abrufbar sein. Zwar hat ZDFneo mit der in Berlin-Wedding spielenden Serie "Tempel" schon mal das Thema Gentrifizierung als Verbrechensszenario aufgegriffen, baute aber durch eine gewisse Ironisierung des Stoffes eine Sicherung ein.

"4 Blocks" geht da weiter. Die Filmemacher (Autoren: Richard Kropf, Bob Konrad und Hanno Hackfort) setzen auf Authentizität - und wagen zugleich das große Melodram. Kollegah trifft GoodFellas: Wie in den italoamerikanischen Gangsterdramen von Martin Scorsese mit seinen geölten Doowop-Tollen zeigt auch das deutsch-libanesische Gangsterdrama mit seinen geölten Hip-Hop-Bärten die Zerrissenheit der Figuren. Nachts verwalten sie ihr Rotlichtrevier, tagsüber leben sie ein bürgerliches Idyll, und wenn dann ein Einsatzkommando der Polizei dieses hart erarbeitete und erpresste Glück zerstört, sind sie aufrichtig empört.

Hat man so elegant, so mitreißend, so gewalthaltig noch nicht im deutschen TV gesehen. Eine zweite Staffel ist bereits in Arbeit.


"4 Blocks", ab Dienstag, 23.15 Uhr, ZDFneo, jeweils in Doppelfolgen. Unmittelbar nach der Ausstrahlung sind die Folgen auch online auf funk.net und in der funk-App abrufbar, nicht aber in der ZDF-Mediathek.



insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
alexanderschulze 28.11.2017
1. Nix zu verstehen
Habe mich zwar sehr auf diese Serie gefreut, sie aber auf Sky bereits nach einer Folge abgebrochen, da das Berliner-Arabissch-Genuschele komplett unverständlich war. Man verstand schlicht nichts. Da belieb ich doch lieber bei gut synchronisierten Ami-Serien.
ragstoriches36 28.11.2017
2.
Also ich bin auch eher ein Fan amerikanischer Serien, aber diese Serie fand ich super, habe sie an einem Wochenende durchgeguckt, auch akustisch konnte ich keine Mängel feststellen.
christianW 28.11.2017
3. Sehr verständlich
Ich bin ein sehr kritischer TV- oder Film-Zuseher. Aber das ist mit das beste, was ich in den letzten 10 Jahren gesehen habe. Im Gegensatz zu "alexanderschulze", konnte ich jedes Wort klar und deutlich verstehen. Vielleicht sind meine Ohren sauber. Die Dramaturgie und die Darstellung der vermeintlichen Realität ziehen einen völlig in den Bann und man möchte nicht aufhören herauszufinden, wie es weiter geht. Ausserdem sind die Schauspieler sehr autenthisch und haben spannenende Charaktere. Weiter so! Freue mich sehr auf die nächste Staffel.
woswoistndu 28.11.2017
4. es wäre
interessant zu wissen gewesen, warum gebührenfinanziertes ÖR Fernsehen nicht allen Gebührenzahlern zur Verfügung gestellt wird. Offenbar haben die Sender die Annehmlichkeiten einer Mediathek noch nicht in die Jetzt-Zeit übersetzt - wie man ja immer wieder an der unübersichtlichen Gestaltung der Websites von ARD und ZDF sehen kann. Ich als jemand, der nicht zur Gernsehzeit in die Glotze gucken kann, mache also wieder Neese. Danke für nichts.
Nasenbaer100 28.11.2017
5. viel zu vorhersehbar
Ich verstehe den Hype um die Serie nicht. Sie ist zwar sehr gut gemacht, aber die Charaktere sind mir zu stereotyp und die Geschichte viel zu vorhersehbar. Ach die dramatische Wendung am Ende der Staffel ist nicht wirklich überraschend.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.