Deutsche "Sesamstraße" wird 40 Glückwunsch, liebe Monster-Kollegen

Die deutsche "Sesamstraße" feiert ihren 40. Geburtstag! Und zum Jubeltag gratulieren den Kollegen aus Germany ein paar Monster aus der ganzen Welt: Pancho Contreras vom Sesam-Platz in Mexiko, die HIV-infizierte Kami aus Südafrika und Momon, ein Streber mit Stift aus Indonesien.

Sesame Workshop

Von Nora Gantenbrink


1973. Willy Brandt war Bundeskanzler und die USA und Nordvietnam hatten endlich Frieden geschlossen. Nichts deutete auf eine Invasion hin.

Doch die brach am 8. Januar 1973 über Deutschland herein. Krümelnde, kreischende, knallbunte Monster stürmten die deutschen Wohnzimmer. Auch zwei gelb-orange Wesen namens Ernie und Bert, ein travestiehafter Vogel und ein missgelauntes Müllwesen namens Oscar. Kinder brüllten plötzlich: "Ich mag Müll!", infantile Evergreens entstanden, die einen bis heute begleiten: Ernies "Hätt' ich dich heut' erwartet (hätt' ich Kuchen da)", "Quietsche-Entchen, nur mit dir!" oder "Mah Nà Mah Nà". Auch ein Klassiker: "Baby, zähl mal bis neun für mich" von Graf Zahl.

Die amerikanische Kindersendung "Sesamstraße" hatte Deutschland erobert - allerdings noch nicht flächendeckend. Harald Hohenacker, damals Leiter der Projektgruppe Erziehungswissenschaft beim Bayerischen Rundfunk, erkannte in der Sendung "unerträgliche Inhalte" sowie einen "Missbrauch der pädagogischen Mittel". So boykottierten einige Rundfunkanstalten die Kindersendung mit der Begründung, diese "amerikanische Ghettosendung hätte nichts mit der Lebenswirklichkeit deutscher Kinder gemein".

Auch der Direktor des Österreichischen Fernsehens war gegen das Format. Wenn ihm jemand mit dem Erfolg der Sendung kam, antwortete er: "Auch Haschisch ist bei vielen beliebt, der Bekanntheitsgrad ist kein Beweis für Bekömmlichkeit." Kurzum: Die "Sesamstraße" löste einen pädagogischen Diskurs aus, im März 1973 zierte sie gar den Titel des SPIEGEL: "Die Vorschulserie 'Sesamstraße' erregt und spaltet die Fernsehnation."

Ernie und Bert und der Irak-Krieg

Rund ein Jahr nach dem Deutschland-Start sagten dann auch Südwestfunk, Süddeutscher und Saarländischer Rundfunk Ja zu den Monstern (wenngleich zunächst nur halbherzig in ihren dritten Programmen), die Bayern zögerten noch etwas länger. Doch zu groß war der Erfolg der Sendung, zu gut schien das Konzept. Kinder lernten mit den Puppen zählen und das Alphabet, Bildung mischte sich mit Blödsinn.

Die Skepsis ist verschwunden, der Erfolg ist geblieben, die Zuschauer von damals sind jetzt selbst Eltern. Und in den letzten vierzig Jahren wurde die Sesamstraße in immer mehr Ländern ausgestrahlt. Darunter: Afghanistan, Ägypten, Mexiko, Russland, Korea, China und Südafrika.

In der Türkei heißen Ernie und Bert zum Beispiel "Edi" und "Budu". In China "Eh Ni" und "Bo Te". In den USA wurde 2007 eine Sonder-DVD produziert. In der Spezialfolge klären Figuren wie Ernie und Bert über den Irak-Krieg und die Behinderungen vieler Soldaten auf. Die Sendung wurde an Familien verteilt, in denen Angehörige im Krieg verwundet wurden.

Holger Hermesmeyer, Redakteur der deutschen "Sesamstraße" zu SPIEGEL ONLINE: "Zusätzliche Figuren sind immer ein Spiegel der Gesellschaft. So gibt es zum Beispiel in Südafrika das Monster Kami, das HIV-infiziert ist. In Deutschland feiern die neuen Figuren Wolle und Pferd große Erfolge. Wahrscheinlich, weil es typische deutsche Bauernhoftiere sind."

In Indonesien heißt die "Sesamstraße" "Jalan Sesama". Dort gibt es Tantan, einen Orang-Utan, der an das drohende Aussterben dieser Rasse gemahnen soll. Außerdem Momon, ein Monster, das sehr gerne schreibt und liest. Seinen Stift, der ihm das Kostbarste ist, trägt er um den Hals. Er lernt noch die Zahlen, kann aber schon das Alphabet.

In Ägypten ermutigen Puppen wie Khokha vor allem kleine Mädchen, in der Schule selbstbewusster aufzutreten. Die "Iftah Ya Simsim" wurde auch in Israel und Palästina gezeigt und warb für Frieden zwischen den beiden Ländern. Mittlerweile ist die Sendung allerdings nur noch in Israel zu sehen.

Was den Machern der "Sesamstraße" wichtig ist, formulieren sie so: "Die Puppen zeigen wohl kulturelle Unterschiede, sind aber keiner Religion zugehörig - auch keiner Volksgruppe, keiner politischen Richtung, keinem König und keinem Vaterland verbunden."

2013. Wir gratulieren!


TV-Tipp: Am 8. Januar strahlt der KIKA eine Jubiläumssendung aus. Und am 12. Januar der NDR eine lange "Sesamstraßen-Nacht".

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
felisconcolor 08.01.2013
1. Big Bird
heisst in der deutschen Sesamstrasse immer noch Bibo NICHT Bilbo. Bei aller Liebe zum Herrn der Ringe ;-)
Butenkieler 08.01.2013
2. grüner Wolf?
wie heißt dieser kleine süße grüne Wolf, der im NDR auftrat?
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