9Live stellt Call-In-Shows ein Jürgen, lass es nochmal knistern!

Jürgen Milski schrie, Biggi Bardot strippte, die 50-Cent-Stücke rollten: Einen Sender wie 9Live gab es in Deutschland nur einmal. Jetzt wird das Call-In-Geschäft der ProSiebenSat.1-Tochter wegen fehlender Wachstumsstrategien eingestellt. Ein fast wehmütiger Nachruf von Christian Buß.

Jürgen Milski in seinem Element: "Ruft an, ihr Luschen!"
9Live

Jürgen Milski in seinem Element: "Ruft an, ihr Luschen!"


Ein Telefon, ein paar zerknitterte Euro-Scheine und eine Promi-Leiche: Mehr brauchten die Macher von 9Live nicht für ihr Call-In-Fernsehen, das sie im letzten Jahrzehnt für den deutschen Markt wie kein anderer Sender kultivierten. Die Medienausbildung ihrer Moderatoren war überschaubar; der erste oder zweite Platz bei "Big Brother" reichte, um hier seinen Weg zu machen.

So wurden Jürgen Milski, der zweite bei der ersten "Big Brother"-Staffel 2000, und Alida-Nadine Kurras, die erste bei der zweiten, zu den Gesichtern des Senders. Hier sabbelten sie in die Kamera, als würde es kein Morgen geben. Nachts übernahm dann, Entspannung muss sein, die etwas langsamer sprechende Erotikwumme Biggi Bardot die Moderation fürs Entkleidungsprogramm "La Notte".

Besonders aber Milski stand für das brachiale Animationsfernsehen à la 9Live. Der ehemalige Feinblechner, der parallel zu seiner überschaubaren Fernsehkarriere auch via Mallorca eine Gesangskarriere verfolgt ("Deutschland ist der geilste Club der Welt"), kumpelte die Fernsehzuschauer in der Regel wie ein Rheinländer nach dem 30. Kölsch an: In seinen Händen knisterte stets ein dreckiger Haufen Euros, mit hochrotem Kopf schrie er in die Kamera, man solle verdammt noch mal anrufen, und zwar genau jetzt. Denn jederzeit könne der "Hot Button" zuschlagen, jener Zufallsgenerator, der einen möglichen Gewinner aus den Anrufern in der Leitung erwählt. Jürgen meint es doch nur gut mit dir!

Denn angeblich würde sich genau in diesem Augenblick das Zeitfenster schließen, in dem man durch die Auflösung des doch sehr einfach anmutenden Worträtsels den Batzen Geld in Milskis Autoschrauberklauen absahnen könnte. Erstaunlicherweise zog sich dieser Augenblick dann über viele, viele Minuten. 9Live, das war auch immer die Kunst der Sendezeitverschwendung. Wobei in der Verschwendung der Gewinn lag: Denn zu den besten Zeiten gingen Zuschaueranrufe zu 50 Cent zu Tausenden ein.

Bye-bye 9Live, hello again Mallorca

2001 aus dem Privatsender tm3 hervorgegangen, perfektionierte 9Live auf diese Weise das Gewinnspielfernsehen, das hierzulande bald nicht ganz zu Unrecht abfällig Hütchenspieler-TV genannt wurde. Geschäftsführerin Christiane zu Salm, als Chefin von MTV Central Europe zuvor zu Medienruhm gelangt und bis 2005 für 9Live verantwortlich, versuchte immer wieder das Image des Senders aufzupeppen. Unter anderem verpflichtete sie den gepflegten Gewinnspiel-Grandseigneur Harry Wijnvoord ("Der Preis ist heiß"). Nützte aber nichts. 9Live - das war weiterhin die pure Hot-Button-Hysterie.

Der legendäre Knopf machte dem Sender allerdings bald mehr und mehr zu schaffen. Er rief 2007 die Landesmedienanstalten auf den Plan. Deren Direktorenkonferenz beschloss damals neue "Anwendungs- und Auslegungsregeln" für Call-In-Sender wie 9Live. Es ging bei diesen Richtlinien darum, künstlichen Zeitdruck durch die Moderation zu untersagen und die Vorgehensweisen der Shows transparenter zu gestalten. 2009 brachten die Medienwächter schließlich eine Gewinnspielsatzung auf den Weg. Damit hatten sie eine klare Handhabe gegen Verstöße in Call-In-Shows. Immer wieder drohten dem Sender saftige Bußgelder.

Es gebe "keine attraktive Wachstumsstrategie", erklärte schließlich im März Thomas Ebeling, der Vorstandsvorsitze des ProSiebenSat.1-Konzerns, zu dem auch 9Live gehört. Am Donnerstag gab das Unternehmen nun bekannt, dass man das Gewinnspielgeschäft der kleinen hässlichen Sendertochter einstellen werde. Ab Juni würden bis auf weiteres nur noch Spielfilme gezeigt.

Das ist durchaus eine Zäsur innerhalb des deutschen Trash-TV - und macht einige B-Promis heimatlos. Um Jürgen Milski muss man sich allerdings keine Sorgen machen. Schreit und schmeichelt er halt nur noch auf Mallorca.

Mit Material von dapd

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insgesamt 23 Beiträge
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grasswurzel 05.05.2011
1. ...
Oh mein Gott. Wie hat Kalkoffe diesen Schiksalschlag verkraftet?
Monark, 05.05.2011
2. 9Live wird eingestellt?
Verdammt, und ich hatte gehofft, ich würde irgendwann doch noch herausfinden, wer auf dem verpixelten Bild von Oliver Kahn zu sehen ist!
Demokrator2007 05.05.2011
3. Betrügen und belügen aber die Verpackung muß stimmen
Zitat von sysopJürgen Milski schrie, Biggi Bardot strippte, die 50-Cent-Stücke rollten:*Einen Sender wie 9Live gab es in Deutschland nur einmal. Jetzt wird das Call-In-Geschäft*der ProSiebenSat.1-Tochter*wegen fehlender Wachstumsstrategien eingestellt. Ein fast wehmütiger Nachruf von Christian Buß. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,760778,00.html
Dafür gibt es jetzt ja das Modell: "Scripted Reality" http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/panorama_die_reporter/luegenfernsehen105.html Immer wieder schön wenn man dann mit Leuten zu Sozialproblemen (Hartz4,Migranten,Ernährung,etc.) diskutiert und diese sich auf solche Fakedokus aus dem Unterschichtenfernsehen beziehen. Auch ohne echte Betrugsnachweise, wird es immer problematischer Verschwörungstheoretikern "das Wasser abzugraben", ich sage nur "Bin Laden lebt". ;-> Ciao DerDemokrator
Hosterdebakel 05.05.2011
4. ►
Es wird wohl (hoffentlich) nur wenige Menschen geben - Satiriker und Kabarettisten außen vor - die diese Gewinnspiele und deren Darsteller wirklich schmerzlich vermissen werden.
maximixa 05.05.2011
5. isch wärd bekloppt
Zitat von MonarkVerdammt, und ich hatte gehofft, ich würde irgendwann doch noch herausfinden, wer auf dem verpixelten Bild von Oliver Kahn zu sehen ist!
das war doch sushi leone, alias uli hoeness... ;-)
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