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Deutscher Fernsehpreis: Wohin mit dem ganzen Müll?

Von Peer Schader

Brave Witzchen und irrwitzige Prämierungen: Die Verleihung des Deutschen Fernsehpreis waren zwei Stunden schlechtes Fernsehen, in denen davon erzählt wird, wie man gutes macht. Dafür gärte es hinter den Kulissen mächtig - und Stefan Raab lernte, wie er sich mal so richtig blamieren kann.

Deutscher Fernsehpreis: Stars, Sieger, Sensationen Fotos
dpa

Eine beißende Satire auf die Selbstbeweihräucherung der Fernsehbranche - und das zur besten Sendezeit? Am Sonntagabend im Ersten, direkt nach dem "Tatort"? So viel Ironie hätte man Deutschlands Fernsehmachern gar nicht zugetraut!



Zum Beispiel der Preis für die Sportsendung des Jahres: Der geht an den WM-Zirkus von RTL. Ein echter Brüller. Oder die ARD-Telenovela "Sturm der Liebe": Die bekommt den Preis für die beim Publikum beliebteste Sendung - ein fieser Seitenhieb aufs eigene Programmverständnis. Und an die Deutsche Fußball-Nationalmannschaft: als Dank für die 31-Millionen-Einschaltquote im WM-Halbfinale - ein bitteres Eingeständnis, so etwas ohne fremde Hilfe gar nicht mehr hinzukriegen.



Doch halt, Moment mal: Gerade meldet die ARD, dass das hier gar keine Satire ist. Sondern der Deutsche Fernsehpreis 2010. Wobei die Grenzen zur Karikatur am späten Sonntagabend fließend waren.



Absurd auch ohne Reich-Ranicki



Zunächst einmal war es aber das Jahr der großen Reform für den Preis, der bereits zum zwölften Mal von ARD, ZDF, RTL und Sat.1 gestiftet wird. Die Änderungen sorgten dafür, dass es ausnahmsweise gar keinen Reich-Ranicki brauchte, um die Absurdität des Ganzen herauszustellen. Denn mit einem Schlag haben die TV-Macher in diesem Jahr fast alle Kategorien abgeschafft, in denen Fernsehschaffende vor allem hinter der Kamera für ihre Leistung ausgezeichnet wurden. Regisseure, Autoren, Komponisten sollen zukünftig leer ausgehen.



Natürlich hätten die auf diese Weise Ausgeschlossenen dankend ablehnen und die Veranstaltung endlich als das akzeptieren können, was sie wirklich ist: das TV-Pendant der jährlichen Schinkenprämierung in der Fleischerinnung. Stattdessen schimpften die Kreativen der TV-Branche im Namen von Verbänden, von denen man vorher im Leben noch nichts gehört hat, und drohten damit, eigene Preisverleihungen zu veranstalten. Die Organisatoren wiederum fühlten sich missverstanden. Und jetzt sind alle sauer aufeinander.



Bei der Fernsehpreis-Gala trugen einige der Gäste Protest-Buttons mit der Aufschrift "Ich bin preis-wert". So ist das eben in einem Medium, das am allerliebsten um sich selbst kreist: Wenn die Qualität den Bach runtergeht und die Sender immer absurderen Unsinn bestellen, schweigen die Macher. Aber sobald es darum geht, ihnen die Preise zu streichen: Hui, dann gibt's ordentlich Stunk.



Im nächsten Jahr wieder "gemeinsam saufen"



Als Zuschauer vor dem Fernseher bekam man von alldem am Sonntagabend kaum etwas mit. Einzig Annette Frier, deren "Danni Lowinski" als beste Serie gewürdigt wurde, forderte am Schluss der Sendung, alle Beteiligten mögen sich doch an einen Tisch setzen, damit man im nächsten Jahr wieder "gemeinsam saufen" könne. Vielleicht ließe sich dabei auch gleich besprechen, ob man die ganze Preisverleiherei tatsächlich noch im Fernsehen zeigen muss?



Denn auch in diesem Jahr war der Fernsehpreis wieder eine mittlere Zumutung: zwei Stunden schlechtes Fernsehen, in denen permanent davon erzählt wird, wie man Gutes macht.



Der Hessen-"Tatort" mit dem Titel "Weil sie böse sind" heimste die Auszeichnung "Bester TV-Film" ein, bester Mehrteiler wurde Dominik Grafs "Im Angesicht des Verbrechens", das erst Ende Oktober im Ersten startet, aber schon mal bei Arte lief. Christian Rachs sämtliche RTL-Sendungen wurden als herausragendes Dokutainment ausgezeichnet. Die Macher der Mammutdoku "24h Berlin" bekamen eine Trophäe, ebenso wie Christoph Bach ("Dutschke") und Ulrike Kriener ("Klimawechsel") als beste Schauspieler.



Brav vorbereitete Witzdialoge



Bloß: Warum soll man sich das ansehen? Das haben die Fernsehpreis-Verantwortlichen ihrem Publikum immer noch nicht schlüssig erklären können. Anders als die ausländischen Vorbilder hat die Verleihung weder große Stars noch überraschende Auftritte vorzuweisen, von herausragender Unterhaltung ganz zu schweigen. Dass sich daran durchaus ein bisschen was ändern lässt, haben Anke Engelke und Bastian Pastewka mit ihrem Auftritt als moderierendes Volksmusikduo Wolfgang und Anneliese im vergangenen Jahr bewiesen.



Für Kurt Krömer und Sandra Maischberger, die dieses Jahr im Auftrag der ARD durch den Abend führten, gab es angesichts der brav vorbereiteten Witzdialoge wenig zu gewinnen. Nur einmal, beim Thema 60 Jahre deutsches Fernsehen, erlaubte sich Krömer einen Seitenhieb: "Die Restlaufzeiten werden verlängert, man weiß nur noch nicht wohin mit dem ganzen Müll."



Günther Jauch, der Fuchs, hat's wieder richtig gemacht: Er sei auf seinem Weinberg beschäftigt, erklärte RTL-Sportchef Manfred Loppe, der den Preis für die beste Sportsendung mit den Worten abholte: "Ich freu mich trotzdem, auch wenn man mir das nicht ansieht." Die deutsche Nationalmannschaft, die ernsthaft mit dem Ehrenpreis ausgezeichnet wurde, reiste ebenso wenig selbst an, sondern schickte Teammanager Oliver Bierhoff vor.



Immerhin war Stefan Raab da, um sich nicht nur eine Trophäe für "Unser Star für Oslo" als beste Unterhaltungssendung abzuholen, sondern auch eine für die neu geschaffene "Beste Leistung Unterhaltung". Zwischendurch erklärte er den Gästen im Saal, dass zu viel Erfolg auf Dauer unsympathisch mache. Deshalb arbeite er mit seinem Team jetzt mal an einem Riesenflop.



Inspirationen hat Raab mit diesem Abend nun wirklich zur Genüge bekommen.



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