Das Turnier des Zaren

Kann mal jemand die Gute-Laune-Babuschka abstellen?

Neue ARD-Geheimwaffe Kati Witt: Wo ist der Aus-Knopf?
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Neue ARD-Geheimwaffe Kati Witt: Wo ist der Aus-Knopf?


Die letzte Schalte, das letzte Gold: Bevor die TV-Anstalten ihre Sachen packen, ziehen wir Bilanz. Höhe- und Tiefpunkte der Berichterstattung aus Sotschi, vom Lachmonster Kati Witt über den Til Schweiger in lustig bis zur abgründigsten aller Farben.

Dirk Brichzis Höhe- und Tiefpunkt:

Katarina Witt: Welchen Verantwortlichen in der ARD darf man eigentlich vierteilen, weil er diese Fleisch gewordene Gute-Laune-Babuschka auf die Zuschauer losgelassen hat? Wir verstehen ja, dass der Sender ein wenig Werbung für seinen "Happy Dance" machen wollte, aber dann hätte jemand Frau Witt sagen sollen, dass sie das nicht zwei Wochen durchziehen muss. Oder hatte sie versehentlich Florian Silbereisen verschluckt? Im "Lachsprechen" (immer lachen beim sprechen, gar nicht so einfach, selber mal ausprobieren!) war sie jedenfalls unübertroffen. Wie konnte diese Frau jemals für so etwas Seriöses wie die Münchner Bewerbung für Olympia 2018 als Aushängeschild dienen? Vor lauter Dauer-Entsetzen habe ich gar nicht mehr mitbekommen, ob sie mal was Vernünftiges zum Eiskunstlauf gesagt hat...

Der Olympische Geist: Trotz Kommerz, Doping, Korruption, Medaillengier und all der anderen Sachen, die den Sport heutzutage zu dem machen, der er ist, gibt es immer noch Momente, in den der Urgedanke hervorkommt: Klassischer Wettkampf, wie zu den Zeiten, als man noch als Kind gegeneinander antrat und Olympia nur ein großer, ferner Traum war. Gab's diese Momente diesmal? Doch. Vielleicht beim Teamwettbewerb im Skispringen. Den Zieleinläufen der Nordischen Kombinierer inklusive Übereinander-Purzeln. Oder das Drama im Teamsprint der Langläufer, als Tim Tscharnke auf Medaillenkurs zu Fall gebracht wurde und sein Teampartner hinterher im Interview sagte: "Sowas passiert eben im Sport."

Frieder Pfeiffers Höhe- und Tiefpunkt:

Doping-Moderatoren: Es ist bekannt, dass die ARD über Menschen verfügt, die sich mit der Dopingproblematik sehr gut auskennen. Das war in gelungenen Beiträgen zum schwierigen Thema zu sehen und zu hören. Nun aber die Frage: Wieso, verflixt nochmal, sind die Menschen vor der Kamera so immun gegen das Wissen der Kollegen? Wieso, verdammt, dürfen die TV-Gesichter dieser Spiele immer wieder die gleiche weichgespülte Halbahnung über den Sender schicken? Das ist - ob mutwillig oder nicht - eine große Volksverdummungsaktion, die darin gipfelt, dass Michael Antwerpes PR-Floskeln des IOC nachpredigt, kurz nachdem der Kollege Florian Bauer in einem Beitrag diese als hohle Phrasen entlarvt hatte. Nein, Doping ist kein schönes Thema für den Sport. Für die Sender ist es eine Katastrophe. Weil es die Illusion raubt. Die Illusion der gesunden Leistung und des aufklärenden Journalismus'.

Alexander Bommes: Der beste Witz dieser Olympischen Winterspiele im TV? Der lustigste Typ bekommt bei der ARD den langweiligsten Job. In den Zeiten vor Alexander Bommes - oder eben beim ZDF - war das Olympia-Telegramm die Gelegenheit, Dinge zu tun, die man anderswo während der Werbung hinter sich bringt. Zusammenfassungen? Eh schon alles gesehen. Bei Bommes will ich dennoch noch mal gucken. Man weiß - dank Bommes - nämlich nie, was kommt, auch wenn die Ergebnisse bekannt sind. Und Überraschung ist nun einmal das Beste am Fernsehen. Mit seinen Spitzen bringt Bommes sogar Gerhard Delling in die Form aus Netzer-Zeiten. Wenn er Einspieler kommentiert, spricht er genau das aus, was man selbst vor dem Fernseher denkt. Nur eben lustiger. Dabei nuschelt er wie vor ihm nur Til Schweiger. Nur eben sehr viel lustiger. Wäre Bommes beim ZDF, müsste er derzeit große Chancen auf eine Samstagabend-Show haben.

Arno Franks Höhepunkte:

Olympische Spiele erfüllen einen Zweck, der eng mit dem vom Tonband eingespielten Lachen in Sitcoms verwandt ist. Wie uns dort das Wiehern und Kichern abgenommen wird, nimmt uns der Sport im Fernsehen das Schwitzen und Keuchen ab. All die Berufssoldatinnen auf Skiern, die Grenzschützer mit den Luftgewehren und Polizistinnen auf Kufen - was müssen sie allein beim Training für ihren "großen Moment" nicht geschwitzt und gekeucht haben in ihren von unseren Steuern bezahlten Eispalästen, auf ihren mit unseren Steuern finanzierten Schneepisten! Und alles nur, um in Sotschi "Leistung abzurufen", uns die Früchte ihrer Anstrengungen zu Füßen zulegen. Wem also der organisierte Wettkampfsport als tänzelndes Spielbein des Kapitalismuszuwider ist, dem bot Olympiasogar zwei Höhepunkte.

Auf Platz 2 schaffte es die Enthüllung, dass eine rehäugige Gebirgsjägerin ihre "Leistung" auf chemischem Weg zu steigern suchte und damit den "Geist" der Spiele für einen Augenblick als propagandistisches Hirngespinst entlarvte. Platz 1 allerdings war für den Tag reserviert, da dichter Nebel aus den Bergen kam wie der strafende Eishauch eines kaukasischen Schneedrachens und Wettkämpfe sowie deren Übertragung unmöglich machte. Gerne hätte man, anstatt mit Archivbildern aus früheren Jahren abgespeist zu werden, die milchige Trübnis ein wenig länger betrachtet. Zugeschaut, wie die Konturen verschwinden und der gewohnt ungehinderte Blick bereits nach wenigen Metern auf eine Grenze aus schwebenden Wassertropfen stößt. Mag sein, dass dieser Tag in sportlicher, finanzieller, unterhaltender und übertragungstechnischer Hinsicht ein Tiefpunkt war. Es war aber auch der Tag, an dem das Große Weiß sich aus dem Schnee - und damit der Grundlage dieser Spiele - löste und sich als atmosphärische Störung eigenmächtig Geltung verschaffte.

Tatsächlich ist Weiß die abgründigste aller Farben, die Farbe von Gischt, Gebein und Gletschern, abweisend und lebensfeindlich. Als Sinnbild der Schrecken des Eises und der Finsternis störte der weiße Nebel wunderbar die alpine Leistungsschau. Sportler wie Sender wollten, konnten aber nicht. Und so summte die ganze aberwitzige Maschinerie für einen Tag mit verblüffender Ratlosigkeit im Leerlauf vor sich hin. Kein Keuchen, kein Schwitzen. Keine Kommentare. Und das war von einer so stillen Komik, dass zumindest mir dieses Weiß lieber war als alles Gold der Welt.

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36 Leserkommentare
cogito-ergo-sum 23.02.2014
jujo 23.02.2014
Gernspieler 23.02.2014
nuci 23.02.2014
al2510 23.02.2014
carita3120 23.02.2014
maxleferrailleur 24.02.2014
winki 24.02.2014
badbartboy 24.02.2014
badbeardxb 24.02.2014
sonichmeinfreund 24.02.2014
funky_anki 24.02.2014
hairforce 24.02.2014
henryhet 24.02.2014
henryhet 24.02.2014
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keery 25.02.2014
Pollowitzer 25.02.2014

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