Neue TV-Serie "Newsroom" Die Mär vom guten Amerika

Endlich Nachschub für Fans der legendären Serie "West Wing": Ihr Schöpfer Aaron Sorkin präsentiert mit "The Newsroom" ein Drama über eine Nachrichtensendung, bei der die letzten aufrechten US-Journalisten zu arbeiten scheinen. Ach, wäre da nur nicht dieser oberlehrerhafte Tonfall!

Von

HBO

Armes Amerika. Wer hier die Fernsehnachrichten einschaltet, kann kaum jemandem trauen. Sich nicht gemein machen? Das war einmal. Spätestens im Wahlkampf geht jede Distanz zur eigenen politischen Haltung flöten, für den einen Kanal ist der Präsident ein gefährlicher Sozialist, der das großartigste Land der Welt mit seinen Fehlentscheidungen angreifbar und zu einem verarmten Hort kommunistischer Tagträumereien macht. Die anderen machen lieber Angst vor seinem Gegenkandidaten, der, sollte er, was Gott verhüten möge, jemals an die Macht kommen, als erste Amtshandlung den Reichen sämtliche Steuern erlassen, sämtliche Lehrer entlassen und die fortschrittlichste Nation der Erde zurückführen wird in die gesellschaftliche Steinzeit.

Hat denn hier niemand mehr Respekt vor der blanken Wahrheit und den Mut, die Dinge auszusprechen, wie sie wirklich sind? Doch, einen gibt es. Will McAvoy, Anchorman der renommierten Sendung "Newsnight" des Kanals ACN, unbestechlich im Urteil, hart gegen jede Seite, verlässlich auf Distanz, immer auf der Suche nach der besten Story, besser noch: nach der Story hinter der Story, unterstützt von der besten Redaktion der Welt, von jungen, ehrgeizigen Journalisten mit hohen ethischen Standards, glänzenden Rechercheuren mit einem untrüglichen Gespür dafür, was wirklich wichtig ist. Märchenhaft.

Und ein Märchen ist es tatsächlich. Will McAvoy, gespielt von Jeff Daniels, ist die Hauptfigur in "The Newsroom", der lange erwarteten neuen Serie von Aaron Sorkin, dem liebsten Märchenonkel des guten Amerikas. Als im Jahr 2000 George W. Bush mit seinem zweifelhaften Wahlsieg über Al Gore die Regentschaft der Demokraten beendete, da erzählte Sorkin dem intellektuellen Publikum eine angenehmere Version der Realität in Serie: "The West Wing" verfolgte über sieben Staffeln und 156 Episoden (wobei Schöpfer Sorkin allerdings nur für die ersten vier Staffeln verantwortlich war) die Amtszeit des progressiven Präsidenten Josiah Bartlet (Martin Sheen), eines guten Menschen, der praktisch alles richtig machte, während draußen in der doofen Realität Bush junior, na ja, ist bekannt.

Das könnte den Sozialkundelehrer nerven

Das war großartig anzusehen und wurde vielfach ausgezeichnet. Sorkin hatte keine Furcht vor langen und längsten Dialogen, und damit diese Gespräche nicht immer nur langweilig zwischen zwei statischen Figuren abliefen, schuf er die Stilform des "Walk and Talk": Seine Protagonisten liefen schnellen Schrittes über die Flure des Weißen Hauses, stets in Hektik, dabei stets klug und schlagfertig ins Gespräch vertieft. Ein Verwaltungsdrama mit Action, nebenbei ein vielteiliges Lehrstück über das politische System der USA.

Aaron Sorkin hat danach unter anderem das Drehbuch zum Facebook-Film "The Social Network" geschrieben (und dafür einen Oscar bekommen), hier schaffte er das Kunststück, die komplizierte, dröge Realität in einen Spielfilm umzuschreiben. Mit "The Newsroom" ist Sorkin wieder ganz in seinem Element: Der Erfindung einer Realität, wie sie eigentlich sein sollte.

Das ist Vor- und Nachteil der Serie zugleich, wie man zumindest nach Betrachtung der ersten Episode sagen kann. Einerseits arbeitet Sorkin auch hier wieder mit einem hervorragenden Ensemble von Schauspielern, hat ausführlich im Nachrichtengeschäft recherchiert und serviert seinem Publikum wieder einmal kluge, witzige, schnelle Dialoge. Andererseits kommt "The Newsroom", man verzeihe das Wortspiel, mit etwas arg viel Sendungsbewusstsein daher. Da werden aufrüttelnde Monologe über die Ethik des Journalismus gehalten, die selbst Sozialkundelehrern bald auf den Senkel gehen könnten, da wird die Hauptfigur als moderner Don Quijote stilisiert, da wird von der ersten Minute an Pathos verströmt, als ginge es um nichts weniger als die Verbesserung dieser Welt mit Hilfe einer Fernsehserie.

Ein bisschen "Lindenstraße"

Aaron Sorkin, könnte man sagen, ist eine Art us-amerikanischer Hans W. Geißendörfer, er will sein Publikum nicht nur unterhalten, er will es vor allem belehren. Der Vergleich ist dabei selbstverständlich absurd, Sorkin hat für eine "Newsroom"-Episode mutmaßlich mehr Geld zur Verfügung als Geißendörfer für eine ganze Staffel der "Lindenstraße". Aber dennoch bleibt bei seiner Serie ein ähnlicher Nachgeschmack wie bei jener seines kleinen deutschen Bruders im Geiste: Mein Gott, wir haben längst gemerkt, was du uns sagen willst, möchte man mehrmals seufzen, es ist nicht nötig, uns wie Schülern immer wieder das Gute vorzubeten.

Zumal das Setting von "The Newsroom" tatsächlich etwas herkömmlich erscheint: Die Hauptrolle spielt in gewisser Weise, wie etwa auch in "24", ein Großraumbüro. Wenn wir die weibliche Hauptfigur Mackenzie MacHale (Emily Mortimer) dabei betrachten, wie sie das erste Mal ihren neuen Arbeitsplatz betritt, wenn wir ihrem Blick über die Schreibtische folgen, ahnen wir bereits, wie vertraut uns dieses Mobiliar bald sein wird, bis hinunter zum Klingelton der Telefone.

Zwei Liebesgeschichten bahnen sich an, auch diese werden sich vorhersehbar über die ersten zehn Folgen (und bei Verlängerung darüber hinaus) ziehen: Zunächst ist da die erwähnte MacHale, die überraschend wieder mit Will McAvoy zusammenarbeitet, obwohl sie ihm vor Jahren das Herz gebrochen hat, worunter der immer noch schwer leidet - diese Wunde wird ihre Zeit zur Heilung brauchen. Und daneben, einige Hierarchieebenen darunter, die junge Journalistin Maggie Jordan (Alison Pill), absehbar hin- und hergerissen zwischen zwei aufstrebenden Nachrichtentypen. Auch hier: Seufz.

Nein, die Kritik an "The Newsroom" bleibt geschmäcklerisch. Es handelt sich dabei um ein weiteres hervorragendes Stück Fernsehen aus der Qualitätsschmiede HBO, zweifellos weit über fast allem anderen stehend, was sich an zeitgenössischem Fernsehen entdecken lässt. Der deutsche Pay-Kanal Sky Atlantic ist unbedingt dafür zu loben, dieses Werk den deutschen Zuschauern fast zeitgleich mit der US-Erstausstrahlung zugänglich zu machen. So haben Serienjunkies die Möglichkeit, so schnell wie möglich an den neuen Stoff zu kommen - und das auch noch völlig legal.

Wenn die Vermarktung qualitativ hochwertiger US-Ware überhaupt noch eine Zukunft in Deutschland hat, dann so.


"The Newsroom", ab Montag auf Sky Go und Sky Anytime (Mehr Infos auf der Sky-Seite )

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
TheZioWolf 25.06.2012
1.
Zitat von sysopHBOEndlich Nachschub für Fans der legendären Serie "West Wing": Ihr Schöpfer Aaron Sorkin präsentiert mit "The Newsroom" ein Drama über eine Nachrichtensendung, bei der die letzten aufrechten US-Journalisten zu arbeiten scheinen. Ach, wäre da nur nicht dieser oberlehrerhafte Tonfall! http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,840723,00.html
Super, The West Wing war zumindest bis zum Absprung Sorkins sensationell gut!
Grafsteiner 25.06.2012
2. Ist eben so
Der bonbonrosa amerikanische Gutmensch geht nun selbst dem deutschen Journalisten auf den Senkel. Weil es ein Spiegelbild ist. Für den deutschen Tendenzjournlasiten mit der erhobenen Oberlehrerstimme, den rechthaberisch wedelnden Zeigefinger und den ewigen Wahrheiten.
wild_at_heart 25.06.2012
3. The West Wing
Also ich habe alle 7 Staffeln von "The West Wing" wirklich verschlungen. Intelligente Dialoge, ein profundes Wissen des politischen Systems, komplexe Figuren mit innerer Zerrissenheit, Witz, Spannung - annähernd perfekt. Hinzu kam eine hervorragende Synchronisation. Das deutsche Gegenstück im ZDF "Kanzleramt" mit R. Atzorn floppte zurecht. Ich hoffe, dass "Newsroom" auch noch im Free-TV zu sehen sein wird.
ersatzaccount 25.06.2012
4.
Zitat von wild_at_heartAlso ich habe alle 7 Staffeln von "The West Wing" wirklich verschlungen. Intelligente Dialoge, ein profundes Wissen des politischen Systems, komplexe Figuren mit innerer Zerrissenheit, Witz, Spannung - annähernd perfekt. Hinzu kam eine hervorragende Synchronisation. Das deutsche Gegenstück im ZDF "Kanzleramt" mit R. Atzorn floppte zurecht. Ich hoffe, dass "Newsroom" auch noch im Free-TV zu sehen sein wird.
"The West Wing" ist Fernsehen der absolut besten Sorte, unerreicht. Wie der Autor allerdings zu der folgenden behauptung kommt "die Amtszeit des progressiven Präsidenten Josiah Bartlet (Martin Sheen), eines guten Menschen, der praktisch alles richtig machte, während draußen in der doofen Realität Bush junior, na ja, ist bekannt." ist mir schleierhaft, denn in der Serie ging es allzuoft um die Kluft zwischen Idealismus und Realität, dem eigenen Anspruch und dem durchsetzbaren. "West Wing" zeigte Sorkins Ideal einer liberalen Administration im, seien neue Serie dürfte selbiges im Nachrichtenmillieu darstellen, die idealisierte Version der 24h-cable-news-networks. Die amerikanischen Kritiker haben die Serie übrigens als naiv, prätentiös etc. verrissen.
DJ Doena 25.06.2012
5.
Zitat von wild_at_heartAlso ich habe alle 7 Staffeln von "The West Wing" wirklich verschlungen. Intelligente Dialoge, ein profundes Wissen des politischen Systems, komplexe Figuren mit innerer Zerrissenheit, Witz, Spannung - annähernd perfekt. Hinzu kam eine hervorragende Synchronisation. Das deutsche Gegenstück im ZDF "Kanzleramt" mit R. Atzorn floppte zurecht. Ich hoffe, dass "Newsroom" auch noch im Free-TV zu sehen sein wird.
Was ist schlimm an ein wenig Pathos? Was ist schlimm daran, dass eine Nation wenigstens noch in ihren Filmen und Serien davon träumt, dass sie besser sein könnten, als sie es sind? Ist mir immer noch lieber als ein visionsloses Mutterdrama in historischem Kontext mit Veronica Ferres in der Hauptrolle.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.