Von Stefan Kuzmany
Was für ein Typ. Oft haben wir geschimpft über ihn, in den letzten Jahren immer häufiger: Gottschalk veronkelte zusehends, fanden wir, erinnerte immer mehr an einen Lehrer, der früher mal witzig war, aber nun schon seit Jahren dieselben Scherze riss, er langweilte sich selbst bei der Arbeit und uns dazu, nudelte die Moderationen lustlos herunter und begrabbelte begeistert die weiblichen Gäste. Alles gesehen, alles über ihn geschrieben.
Wir hatten ja keine Ahnung, wie es kommen sollte.
Es muss Gottschalk schon länger klar gewesen sein: Wenn er am Samstag die Bühne in Halle an der Saale betritt, kann er nur verlieren. Es lag auf der Hand, dass er am Anfang von "Wetten, dass..?" auf den schweren Unfall in der vergangenen Sendung eingehen musste, in welcher ein junger Mann sich fast den Hals gebrochen hätte. Aber wie sollte er danach weitermachen?
Gottschalk steckte in einer lose-lose-Situation: Sollte er nach den warmen Worten für den Ex-Kandidaten unbekümmert den Plan des Abends abarbeiten, mit Gästen parlieren und gute Laune verströmen, dann hätte man ihm das als Oberflächlichkeit auslegen können und als mangelnden Respekt für den Verunglückten. Hätte Gottschalk andererseits den ernsten Ton seiner obligatorischen Eröffnungsansprache in den Rest der Sendung mitgenommen, hätte er sich selbst verordnet, nicht mehr lustig sein zu dürfen, dann wäre "Wetten, dass..?" möglicherweise moralisch einwandfrei, aber nicht mehr schön anzusehen gewesen.
Eine lustige Unterhaltungssendung durfte "Wetten, dass..?" diesmal nicht sein. Eine ernste Unterhaltungssendung jedoch ist ein Widerspruch in sich. Gottschalk blieb nur ein Ausweg: Er musste zurücktreten.
Er tat, was ein guter Politiker tun würde
Von Rücktritt zu sprechen, einem Vorgang, der eigentlich in den Bereich der Politik gehört, ist bei Thomas Gottschalk durchaus angemessen. Längst schon ist er inoffizieller Samstagabendpräsident dieses Landes (Freitagskanzler ist übrigens Günther Jauch). Auch Gottschalk selbst scheint sich mitunter weniger als Showmaster und mehr als eine Art Amtsinhaber zu sehen. Als er bei seiner Jahresrückblickschau im ZDF Ende Dezember den Verteidigungsminister auf dem Showsofa sitzen hatte, da sprach er mit diesem über die Bürde der Verantwortung, die beiden ja gemein sei: der eine, sollte das wohl heißen, schickt Soldaten in den Kampf und vielleicht in den Tod, der andere Wettkandidaten ins Rennen und vielleicht auf die Intensivstation.
Und beide, sagte Gottschalk, müssten sie Verantwortung übernehmen auch für eventuelle Fehler, die von ihren Mitarbeitern gemacht werden. Thomas Gottschalk sah sich nach dem Unfall zwar nicht in persönlicher, doch in politischer Verantwortung. Und tat, was ein Politiker dann tun würde, wenn er ein guter Politiker ist: Er trat zurück. "Für mich persönlich liegt ein Schatten über der Sendung", sagte Gottschalk zu Beginn der Live-Ausstrahlung und begründete damit seinen Rückzug.
Doch dieser Rückzug hat den Schatten sogleich verscheucht. Das ist das Gottschalk-Paradoxon: Nur nach der Ankündigung, die Sendung nicht mehr moderieren zu wollen, konnte er sie wieder moderieren.
Stellvertretend für uns alle nahm er die Verantwortung auf sich
Niemand kann Gottschalk jetzt vorwerfen, zu oberflächlich, zu zotig, zu flapsig zu unterhalten, während irgendwo ein junger Mann wegen seiner Teilnahme an "Wetten, dass..?" in einem Krankenhaus liegt. Gottschalk hat mit seiner Rücktrittsankündigung die härtestmögliche Konsequenz aus dem Unfall gezogen, darum darf er jetzt wieder sein Publikum zum Lachen bringen. Und das Publikum darf seinerseits wieder lachen: Gottschalk hat die Verantwortung auf sich genommen, er trägt stellvertretend für alle, die zusehen wollten, wenn Menschen ihr Leben riskieren, um Wettkönig zu werden, die symbolische Schuld.
Seine Strafe ist das Exil. Er wird uns verlassen. Darum ist es nicht nur erlaubt, sondern angebracht, mit dem Scheidenden noch einmal die Sorgen zu vergessen und sich an Wetten und Prominenz zu freuen.
Mit Gottschalks Ankündigung seines Rückzugs aus "Wetten dass..?" kann die Sendung nun unbelastet weiterlaufen. Und Gottschalk selbst muss nur noch erkennen, dass es nur einen Nachfolger für ihn geben kann: ihn selbst.
Allen anderen ist das offensichtlich. In Halle an der Saale hat Gottschalk gezeigt, warum es "Wetten dass..?" nach dreißig Jahren immer noch gibt und weiterhin geben sollte. Es findet sich im deutschen Fernsehen kein anderer Moderator, der so wie er weltläufig und provinziell gleichzeitig ist, der sich von Weltstars genauso beeindrucken lässt wie von schnalzenden Ohrläppchen, mit denen Kronkorken in Gläser geschnipst werden: überhaupt nicht im Geringsten. Es findet sich niemand, der ebenso interessiert über den Zweitnamen von Jan-Josef Liefers reden kann wie über den Damenduft von Naomi Campbell, der über den "cantus interruptus" ebenso scherzen kann wie über Leute, die mit Flaschen Musik machen ("wie Bohlen"). Und über sich selbst: "Bei den Proben bin ich immer wesentlich besser."
Nachfolger Pilawa? Bloß nicht!
Da wäre man dann doch gerne einmal dabei gewesen, denn wie schon lange nicht mehr hatte man am Samstag den Eindruck, Gottschalk sei gerne zur Arbeit erschienen und es machte Spaß, ihn dabei zu beobachten. Der sinnvolle Verzicht auf Hochrisikowetten schmälerte das Vergnügen nicht - je unscheinbarer die Wette, desto mehr Gelegenheit hatte Gottschalk für seine genialen Gaga-Moderationen.
Nein, Sie werden hier und heute kein böses Wort über Thomas Gottschalk lesen.
Es heißt, das ZDF plane, Jörg Pilawa "Wetten, dass..?" moderieren zu lassen. Wie eine Drohung schob sich während der vergangenen Sendung mehrmals vom unteren Rand ein Werbebanner in den Bildschirm, auf welchem die ZDF-Quizshow "Rette die Million" beworben wurde. Moderator dieses geistlosen Geldgeschiebes ist Pilawa. Auf dem Werbebanner drehte sich sein Gesicht in Zeitlupe dem Zuschauer zu. Es war wie in einem Horrorfilm.
Oft haben wir ihn geschmäht. Aber sollte er kein Einsehen haben und von seinem Rücktritt nicht zurücktreten, werden wir Thomas Gottschalk bald schon wehmütig vermissen. Wir haben das bisher nie so richtig sagen können, aber stimmen tut's doch: Wir mögen diesen Typen.
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