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Abgang einer Show-Größe: Das Gottschalk-Paradoxon

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Er konnte nur verlieren - und hat dennoch gewonnen: Mit der Ankündigung seines Rückzugs aus "Wetten, dass..?" macht Thomas Gottschalk den Weg frei für den einzigen Nachfolger, mit dem die Sendung auch in Zukunft erfolgreich laufen kann: Thomas Gottschalk.

Thomas Gottschalk: "Wetten, dass..?" verliert sein Aushängeschild Fotos
dapd

Was für ein Typ. Oft haben wir geschimpft über ihn, in den letzten Jahren immer häufiger: Gottschalk veronkelte zusehends, fanden wir, erinnerte immer mehr an einen Lehrer, der früher mal witzig war, aber nun schon seit Jahren dieselben Scherze riss, er langweilte sich selbst bei der Arbeit und uns dazu, nudelte die Moderationen lustlos herunter und begrabbelte begeistert die weiblichen Gäste. Alles gesehen, alles über ihn geschrieben.

Wir hatten ja keine Ahnung, wie es kommen sollte.

Es muss Gottschalk schon länger klar gewesen sein: Wenn er am Samstag die Bühne in Halle an der Saale betritt, kann er nur verlieren. Es lag auf der Hand, dass er am Anfang von "Wetten, dass..?" auf den schweren Unfall in der vergangenen Sendung eingehen musste, in welcher ein junger Mann sich fast den Hals gebrochen hätte. Aber wie sollte er danach weitermachen?

Gottschalk steckte in einer lose-lose-Situation: Sollte er nach den warmen Worten für den Ex-Kandidaten unbekümmert den Plan des Abends abarbeiten, mit Gästen parlieren und gute Laune verströmen, dann hätte man ihm das als Oberflächlichkeit auslegen können und als mangelnden Respekt für den Verunglückten. Hätte Gottschalk andererseits den ernsten Ton seiner obligatorischen Eröffnungsansprache in den Rest der Sendung mitgenommen, hätte er sich selbst verordnet, nicht mehr lustig sein zu dürfen, dann wäre "Wetten, dass..?" möglicherweise moralisch einwandfrei, aber nicht mehr schön anzusehen gewesen.

Eine lustige Unterhaltungssendung durfte "Wetten, dass..?" diesmal nicht sein. Eine ernste Unterhaltungssendung jedoch ist ein Widerspruch in sich. Gottschalk blieb nur ein Ausweg: Er musste zurücktreten.

Er tat, was ein guter Politiker tun würde

Von Rücktritt zu sprechen, einem Vorgang, der eigentlich in den Bereich der Politik gehört, ist bei Thomas Gottschalk durchaus angemessen. Längst schon ist er inoffizieller Samstagabendpräsident dieses Landes (Freitagskanzler ist übrigens Günther Jauch). Auch Gottschalk selbst scheint sich mitunter weniger als Showmaster und mehr als eine Art Amtsinhaber zu sehen. Als er bei seiner Jahresrückblickschau im ZDF Ende Dezember den Verteidigungsminister auf dem Showsofa sitzen hatte, da sprach er mit diesem über die Bürde der Verantwortung, die beiden ja gemein sei: der eine, sollte das wohl heißen, schickt Soldaten in den Kampf und vielleicht in den Tod, der andere Wettkandidaten ins Rennen und vielleicht auf die Intensivstation.

Und beide, sagte Gottschalk, müssten sie Verantwortung übernehmen auch für eventuelle Fehler, die von ihren Mitarbeitern gemacht werden. Thomas Gottschalk sah sich nach dem Unfall zwar nicht in persönlicher, doch in politischer Verantwortung. Und tat, was ein Politiker dann tun würde, wenn er ein guter Politiker ist: Er trat zurück. "Für mich persönlich liegt ein Schatten über der Sendung", sagte Gottschalk zu Beginn der Live-Ausstrahlung und begründete damit seinen Rückzug.

Doch dieser Rückzug hat den Schatten sogleich verscheucht. Das ist das Gottschalk-Paradoxon: Nur nach der Ankündigung, die Sendung nicht mehr moderieren zu wollen, konnte er sie wieder moderieren.

Stellvertretend für uns alle nahm er die Verantwortung auf sich

Niemand kann Gottschalk jetzt vorwerfen, zu oberflächlich, zu zotig, zu flapsig zu unterhalten, während irgendwo ein junger Mann wegen seiner Teilnahme an "Wetten, dass..?" in einem Krankenhaus liegt. Gottschalk hat mit seiner Rücktrittsankündigung die härtestmögliche Konsequenz aus dem Unfall gezogen, darum darf er jetzt wieder sein Publikum zum Lachen bringen. Und das Publikum darf seinerseits wieder lachen: Gottschalk hat die Verantwortung auf sich genommen, er trägt stellvertretend für alle, die zusehen wollten, wenn Menschen ihr Leben riskieren, um Wettkönig zu werden, die symbolische Schuld.

Seine Strafe ist das Exil. Er wird uns verlassen. Darum ist es nicht nur erlaubt, sondern angebracht, mit dem Scheidenden noch einmal die Sorgen zu vergessen und sich an Wetten und Prominenz zu freuen.

Mit Gottschalks Ankündigung seines Rückzugs aus "Wetten dass..?" kann die Sendung nun unbelastet weiterlaufen. Und Gottschalk selbst muss nur noch erkennen, dass es nur einen Nachfolger für ihn geben kann: ihn selbst.

Allen anderen ist das offensichtlich. In Halle an der Saale hat Gottschalk gezeigt, warum es "Wetten dass..?" nach dreißig Jahren immer noch gibt und weiterhin geben sollte. Es findet sich im deutschen Fernsehen kein anderer Moderator, der so wie er weltläufig und provinziell gleichzeitig ist, der sich von Weltstars genauso beeindrucken lässt wie von schnalzenden Ohrläppchen, mit denen Kronkorken in Gläser geschnipst werden: überhaupt nicht im Geringsten. Es findet sich niemand, der ebenso interessiert über den Zweitnamen von Jan-Josef Liefers reden kann wie über den Damenduft von Naomi Campbell, der über den "cantus interruptus" ebenso scherzen kann wie über Leute, die mit Flaschen Musik machen ("wie Bohlen"). Und über sich selbst: "Bei den Proben bin ich immer wesentlich besser."

Nachfolger Pilawa? Bloß nicht!

Da wäre man dann doch gerne einmal dabei gewesen, denn wie schon lange nicht mehr hatte man am Samstag den Eindruck, Gottschalk sei gerne zur Arbeit erschienen und es machte Spaß, ihn dabei zu beobachten. Der sinnvolle Verzicht auf Hochrisikowetten schmälerte das Vergnügen nicht - je unscheinbarer die Wette, desto mehr Gelegenheit hatte Gottschalk für seine genialen Gaga-Moderationen.

Nein, Sie werden hier und heute kein böses Wort über Thomas Gottschalk lesen.

Es heißt, das ZDF plane, Jörg Pilawa "Wetten, dass..?" moderieren zu lassen. Wie eine Drohung schob sich während der vergangenen Sendung mehrmals vom unteren Rand ein Werbebanner in den Bildschirm, auf welchem die ZDF-Quizshow "Rette die Million" beworben wurde. Moderator dieses geistlosen Geldgeschiebes ist Pilawa. Auf dem Werbebanner drehte sich sein Gesicht in Zeitlupe dem Zuschauer zu. Es war wie in einem Horrorfilm.

Oft haben wir ihn geschmäht. Aber sollte er kein Einsehen haben und von seinem Rücktritt nicht zurücktreten, werden wir Thomas Gottschalk bald schon wehmütig vermissen. Wir haben das bisher nie so richtig sagen können, aber stimmen tut's doch: Wir mögen diesen Typen.

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insgesamt 207 Beiträge
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1. geistlos
supergreg 13.02.2011
Wenn Pilawa kommt, schalte ich ab. "Herrlich geistlos" kann ich mir antun, "geistlos geistlos" aber nicht.
2. typisch deutsch: eben umerzogen - auf angelsächsisch getrimmt
richard-kendel 13.02.2011
Zitat von sysopEr konnte nur verlieren - und hat dennoch gewonnen: Mit der Ankündigung seines Rückzugs aus "Wetten, dass..?" macht Thomas Gottschalk den Weg frei für den einzigen Nachfolger, mit dem die Sendung auch in Zukunft erfolgreich laufen kann: Thomas Gottschalk. http://www.spiegel.de/kultur/tv/0,1518,745265,00.html
Die Sendung dient in erster Linie dazu, Massen ruhig zu halten und weiter auf die schwer dominanten Angelsachsenländer auszurichten. Inzwischen sterben/starben die letzten deutschen bzw. deutschsprachigen Kulturträger aus der Unterhaltungsbranche (Peter Alexander/B.Eichinger).
3. bitte kein rücktritt vom rücktritt
yato, 13.02.2011
unsere gesellschaft ist zwar wesentlich älter als die in ägypten, was gut für "wetten dass" ist, aber fast alles was jünger ist, sieht mittlerweile lieber die lebendigeren "flaschen" bei dsds. gottschalk ist ein klischee seiner selbst, ein denkmal eines dauerjugendlichen sonnyboys, der nur das licht und keinen schatten sehen will sozusagen. ein überbleibsel der heilen welt romantik des letzten jahrtausends. auch wenn er jetzt einen guten tag hatte, weil die last der verantwortung durch den rücktritt von ihm abfiel. in dem moment, in dem er vom rücktritt zurücktritt, ist diese last wieder da und wetten dass würde weiterhin zuschauer an rtl verlieren wie bisher. bei pilawa wird das allerdings nicht anders sein.
4. Einschläferung
favela lynch 13.02.2011
Nur eines vielleicht: Das Gegenteil von Unterhaltung ist nicht Ernst, sondern Langeweile. Eine Gerichtsverhandlung, eine Messe, eine Oper, ein Gedicht, eine Debatte können hochgradig fesselnd und damit im besten Sinne unterhaltend sein. Es ist aber ein Zeichen der Generation des Autors, dass Unterhaltung identisch mit Bespaßung zu sein scheint. Nun, jedem, was ihm genügt. Fein allerdings, dass gesehen wurde, dass dieses Fossil von einem Individuum Gottschalk niemals ersetzt werden kann durch einen spießigen Sprechautomaten wie Pilawa. Mit einem solchen hat Unterhaltung dann auch endlich jeden Überraschungsfaktor verloren. Volle Planbarkeit, volle Quote: die subtilste Form der Unterhaltung - Einschläferung.
5. Gewöhnungseffekt
lalito 13.02.2011
" . . . Wir mögen diesen Typen." Ja, man kann mögen was die Nerven erreicht. Ein wirklich versierter "vor der Kamerastheher", der kann das.
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Gottschalks verrückteste Wetteinsätze
Messe mit Gottschalk
Im Januar 1990 ministrierte er in einer Frühmesse in Wiesbaden.
Wetterfrosch
Bei den "Tagesthemen" der ARD trug er am 18. Januar 2001 die Wettervorhersage statt Moderator Ulrich Wickert vor.
What happened to Rock'n'Roll?
Am 20. Januar 2001 versprach er, bei der Grand-Prix-Vorentscheidung am 2. März mit dem Titel "What happened to Rock'n'Roll" und der Band Gottschalk und die besorgten Väter anzutreten. Über diesen Wetteinsatz hatten Leser der "Bild"-Zeitung abgestimmt. Nach Vorwürfen, er habe absichtlich die Saalwette verloren, sagte der Entertainer den Auftritt ab und erklärte zum Medienrummel: "Mein Gaudi-Auftritt wurde zum Heiligen Krieg, aus dem Spaß wurde bitterer Ernst. Ich hisse die weiße Flagge." Den Song präsentierte er im Februar bei "Wetten, dass..?".
Gottschalk geht baden
Am 13. Oktober 2001 musste er vor der Erfurter Messehalle in ein 15.000-Liter-Fass steigen, in das die Einwohner Wasser aus dem Fluss Gera gefüllt hatten.
Bordellbesuch
Als Nikolaus verkleidet und mit Heino an seiner Seite als Knecht Ruprecht besuchte er im Dezember 2002 ein Bordell in Wien. Die Erzdiözese Wien hatte das Vorhaben als geschmacklos kritisiert. Gottschalks Antwort: "Dass man mir die Geschmacklosigkeit zugetraut hat, in geistlichem Ornat ein Bordell zu betreten, ärgert mich natürlich, auch wenn ich - so man die Kirchengeschichte kennt - nicht der Erste gewesen wäre."
Gottschalk gibt den Takt an
Auf dem Oktoberfest 2002 schwang er den Taktstock: Er dirigierte in schwarzem Frack und mit weiß-blauer Fliege und ließ die Bierzelt-Kapellen Hits wie "Country road" und "We will rock you" spielen. Hunderte jubelnde Fans sprangen auf die Festzelt-Tische und stimmten "Tommy! Tommy!"-Sprechchöre an.
Geschlossene Bundestagstür
Kapitulieren musste Gottschalk vor den Regeln des Bundestags: 2003 wollte er eine Rede im Parlament halten, doch dessen Präsident Wolfgang Thierse wies ihn ab. Gottschalk ließ dann seine Läster-Rede in einem virtuellen Bundestag aufzeichnen.
Knastbruder
Im Januar 2004 verbrachte er eine Nacht in einer Gefängniszelle in Bremen.
Zauberflöter
Auf der Bühne der Komischen Oper in Berlin sang er am 1. April 2005 im Chor zu Mozarts "Zauberflöte" mit, als Scheich und später als Geistlicher kostümiert, und er schlüpfte einmal in die Statistenrolle eines Fackelträgers.
Borat
Bei acht Grad Wassertemperatur sprang er im Dezember 2006 im "Borat"-Kostüm in den Bodensee.
Malermeister
Im Herbst 2007 schwang er den Malerpinsel und strich die Wände eines Wohnzimmers im Plattenbauviertel Leipzig-Grünau an.
Durch den Senf gezogen
Ein Bad im überdimensionalen Senftopf nahm er im Oktober 2008 in Nürnberg. "Jetzt weiß ich, wie 'ne Wurst sich fühlt", kalauerte Gottschalk kurz vor dem Abtauchen.
Scharfer Einsatz
Von einem professionellen Messerwerfer ließ er sich im Dezember 2008 an einer Holzwand stehend mit Messern bewerfen.
Babysitter
Einer Familie aus dem bayerischen Burgau (Kreis Günzburg) half er im Januar 2008 beim Versorgen der sechs Monate alten Drillinge.
Go, Trabi, Go!
Im November 2009 fuhr der über 1,90 Meter große Showmoderator im Trabi von Braunschweig nach Berlin.
Unfälle bei Fernsehsendungen
"Wetten, dass..?"
Die Show "Wetten, dass..?" läuft seit 29 Jahren im ZDF. Bisher verletzte sich nur ein Kandidat während einer Probe. Im Oktober 2008 wollte ein junger Mann mit seinem BMX-Rad über ein Haus springen und brach sich dabei das Bein. Im folgenden eine Liste spektakulärer Zwischenfälle im Fernsehen.
ZDF, "Wünsch Dir was"
Anfang der siebziger Jahre musste bei "Wünsch Dir was" eine Kandidatin aus einem Auto gerettet werden, das in einem Wasserbecken versenkt worden war. In der von Dietmar Schönherr und Vivi Bach moderierten Sendung traten jeweils drei Familien aus Deutschland, Österreich und der Schweiz gegeneinander an, die verschiedene Aufgaben lösen mussten. In der fraglichen Show sollten sich die Familien aus einem Auto retten, das im Wasser versenkt worden war. Eine Frau kam nicht heraus, Taucher mussten sie retten.
ProSieben, "The Next Uri Geller - Unglaubliche Phänomene"
Ebenfalls zu ertrinken drohte eine junge Magierin Anfang 2009 in der Show "The Next Uri Geller". Sie ließ sich in einem Tank einschließen, in den langsam Wasser floss. Nachdem es ihr zweimal nicht gelungen war, den Code des Schlosses zu knacken, musste der Tank mit einem Bolzenschneider geöffnet und die junge Frau gerettet werden.
ProSieben, "Schlag den Raab"
Im April 2010 stürzte Moderator Stefan Raab in seiner Sendung mit dem Mountainbike. Dabei verletzte er sich im Gesicht und zog sich eine Gehirnerschütterung zu. Die Show wurde nicht abgebrochen.
Schwedische TV-Sendung "Fort Boyard"
Männermodell Marcus Schenkenberg stürzte im Juni 2010 bei Dreharbeiten für die schwedische Sendung "Fort Boyard" eine vier Meter tiefe Mauer hinunter - ein Sicherungsseil hatte versagt. Schenkenberg kam mit leichten Verletzungen davon.
ProSieben, "TV total Turmspringen 2010"
Der Moderator Elton holte sich beim Synchronspringen mit Stefan Raab ein blaues Auge, als er nach einem guten Absprung und Rückwärtssalto mit dem Gesicht auf die Wasseroberfläche prallte. "Der Arzt hat sich die Verletzung angesehen, zum Glück waren meine Augen zu, und es ist nicht mehr passiert", sagte der 39-Jährige dem Sender ProSieben, der das Turmspringen live aus der Münchner Olympiahalle übertrug.


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