Von Christian Buß
Wo hört der Schauspieler auf, wo fängt die Rolle an? Im Falle von Gregor Weber, der seit über zehn Jahren für den "Tatort" des Saarländischen Rundfunks (SR) im Einsatz ist, kann man das nicht so genau sagen. Als Honorarkraft des SR wetterte er gegen seinen Sender, in seiner TV-Rolle als Hauptkommissar Stefan Deininger geht er ebenfalls gerne auf Vorgesetze los. Auf Zeugen sowieso.
Der saarländische Mollekopp gibt, was er ist: den saarländischen Mollekopp. In der relativ durchkontrollierten "Tatort"-Welt bildet Weber/Deininger auf diese Weise eine große Ausnahme. Kommissare dürfen hier gerne ein wenig muffelig sein - aber müssen zugleich auch immer irgendwie liebenswürdig rüberkommen. Und äußert sich mal ein Kommissarsdarsteller öffentlich über seine Arbeitsverhältnisse, dann ist natürlich alles supi, auch wenn es vorher beinahe realen Mord und Totschlag am Filmset gegeben hat.
Der Saarländer aber hält sich nicht an solche Codes und Schicklichkeitsregeln, weder in seiner Rolle noch als TV-Prominenter. Manchmal glaubt man zu sehen, wie beim Kommissar Deininger vor lauter aufgestauter Wut die dicken Hornbrillengläser überm Walross-Schnauzer beschlagen. Besser er lässt Dampf ab. Oder doch nicht? In einer früheren Folge stellte sich heraus, dass der Ermittler schon mal von seinen Vorgesetzten dazu verdonnert wurde, ein Anti-Aggressions-Training zu absolvieren. Hat zum Glück nie was genützt, der Bulle steht auch so immer kurz davor, auszuticken.
Der Kommissar gibt sich die Kante
Der Schauspieler Weber indes findet einen anderen Weg, seine Wut rauszulassen. Zum Beispiel hat er mal einen Krimi geschrieben, in dem er sich in einigen Nebensätzen lustig macht über die Fernsehnasen und darüber, wie die sich Kriminalarbeit vorstellen. In letzter Zeit hat Weber dann ganz direkt gegen den SR gewettert: Da entschied man nämlich, Weber und seinen Kollegen Maximilian Brückner ihres TV-Ermittlerdienstes zu entbinden - allerdings ohne das mit den Betroffenen zu kommunizieren. Weber ließ zum Dank ein paar prima Tiraden gegen den zukünftigen Ex-Arbeitgeber los. Zuletzt bat er via Boulevardzeitung, sich bitte unbedingt NICHT seinen Abschieds-"Tatort" an diesem Wochenende anzuschauen.
Was kommt danach? Devid Striesow wird den Job des TV-Ermittlers übernehmen - mit diesem subtilen, charismatischen, alle Zwischentöne beherrschenden Großschauspieler wird man zweifellos ein Krimi-Revier schaffen, das den SR in den üblichen "Tatort"-Rankings nach vorne bringt. Vielleicht gibt es so ja auch mal einen Fernsehpreis, das war mit einem wie Gregor Weber eben wirklich nicht zu machen. Trotzdem: Mit dem Abgang Webers, der US-Cop-Gebaren mit saarländischer Bockigkeit verbindet, tritt auch der letzte "Tatort"-Ermittler aus der ersten Reihe ab, der noch eindeutig regional zu verorten ist. Mundart, das sprechen jetzt nur noch die Sekretärinnen und Pathologen.
Was uns in Zukunft beim Saar-"Tatort" fehlen wird, zeigt sich jetzt noch mal in der finalen Folge mit Weber und Brückner: Webers Deininger wütet, als ginge es um sein Leben. Seine Zeit läuft ab, jetzt zeigt er es noch mal allen, auch wenn das in einer Art Selbstdemontage endet. Er springt einem Psychologen an die Gurgel, kippt einen Flachmann nach dem anderen rein, in einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Selbstzweifeln schlägt er um sich. Da lässt sich selbst der von Brückner gespielte, besonnenere Kollege Kappl mitreißen: Lustvoll haut er in der Verhörzelle einem Verdächtigen in die Magengrube, weil er ihn für einen Päderasten hält. Saubere Polizeiarbeit geht anders.
Die Aufgewühltheit der Ermittler lässt sich nachvollziehen: In "Verschleppt" (Regie: Hannu Salonen) geht es um drei Mädchen, die über Jahre von einem Entführer in einem unterirdischen Verlies gehalten wurden, in dem man sie mit bizarren technischen Gerätschaften auf Gehorsamkeit konditionierte. Das Natascha-Kampusch-Motiv wird von den Drehbuchautorinnen Khyana El Bitar und Dörte Franke ("Das System") zu einem Thriller verarbeitet, der in einigen Momenten so feinsinnig daherkommt wie ein Folterschocker der Kinoreihe "Saw". Aber was sollen wir an dieser Stelle sagen - auch die fehlende Plausibilität des Plots hat Darsteller Gregor Weber schon in etlichen Interviews herausgestellt.
Doch lassen wir uns von seinen Beschwerden nicht in die Irre führen: Dieser "Tatort" ist - Logik hin, Logik her - wirklich eine Wucht. Weber spielt seinen Kommissar Kamikaze so seelenvoll wie nie zuvor. Schauen Sie sich ihn unbedingt an! Allzu oft werden sie ihn im deutschen Fernsehen wohl nicht mehr sehen.
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